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UNTERHALTUNG / HILDEGARD KNEF Gefühl am Zäpfchen

aus DER SPIEGEL 45/1968

Das Baby ist da, nun singt sie wieder. Hildegard, »Hilde«, »Hildchen« Knef, 42, ist auf großer Deutschland-Tournee. Tochter Christina Antonia, fünf Monate alt, wird derweil von einer Kinderfrau gehütet.

An 38 Abenden, bis Mitte Dezember, singt Frau Knef, von Kurt Edelhagens Big Band begleitet, jeweils zwei Stunden lang und jeweils für 20 000 Mark in den Lieder-, Musik-, Messe-, Stadt-, Fest-, Oetker-, Beethoven-, Meistersinger- und Jahrhunderthallen der deutschen Städte.

Und wo immer sie in langer weißer oder schwarzer Balmain-Robe auftritt, wann immer sie ihre Rechte in seligem Räkeln zum wallenden Blondhaar führt, da jubelt's und schluchzt es im vollen Saal. Schließlich -- das haben die Bürger in der Presse gelesen -- ist sie nicht irgendein Schnulzenmädchen, sie ist mehr: ein »Star mit Herz« ("Westfälische Rundschau").

Zwar hat sie keine Stimme und weiß selbst sehr wohl, daß sie »eine Sängerin in diesem Sinn ja doch nun wirklich nicht« ist. Aber dafür hat sie viel Gefühl.

Sie ist die herbe, patente Berlinerin mit dem geräucherten Timbre, die forsch auf den Wörtern der deutschen Sprache herumhackt, die schwermütig schnoddert, unter Tränen lächelt und ganz verhalten würgt, wenn sie vom treulosen Liebsten erzählt: Du gehst weg mit fremden Leuten, Manches Wort hör ich dann läuten, Weiß nicht, was soll es bedeuten.

* Bei Tournee-Probe in Köln.

In ihren Elegien vom vergangenen Liebesglück, oft eigenhändig verfaßt, geistern unentwegt Theo Mackeben, Zarah Leander und ein schwachsinnig gewordener Tucholsky, die Trümmerträume der Nachkriegszeit und der Koffer in Berlin. Doch selbst Töchterchen Christina Antonia noch kann inspirieren -- zum »Wiegenlied« einer deutschen Mutter, das die Künstlerin auf ihrer Tournee vorträgt: »Glaub an die Liebe. Ich erleb sie durch dich.«

So etwas hört man gern. Und die Knefsche Lebensbeichte in Tango-Rhythmus und Knefschem Stakkato geht fast genauso gut ins Ohr:

Mal war ich die Brave, mal war ich der Vamp. / Mal war ich in Nerzen. mal ganz ohne Hemd. / Amerika sprach, es sei ohne mich arm, / Und ich hatte Mitleid und folg' dem Alarm / -- Von nun an ging's bergab.

Jetzt war ich berühmt, war »Hilde im Glück«, / Kam freudig erregt in die Heimat zurück. / Bekam einen Preis und wurde verwöhnt, / Doch nach einer Pleite war ich verpönt / -- Von nun an ging's bergab.

Von solchen Talfahrten kann sie auch wahrlich ein Lied singen. 1948, ganz jung noch, war sie bei den Internationalen Filmfestspielen in Locarno als Heldin des »Films ohne Titel« zur »besten Schauspielerin des Jahres« proklamiert worden. In Hollywood wartete sie anschließend zwei Jahre lang vergebens auf eine Rolle.

Sie war 1950 in Willi Forsts »Sünderin« die erste Nackte des deutschen Nachkriegsfilms und wurde 1952 in Amerika als zweite Marlene Dietrich gefeiert. Drei Jahre später spielte sie, »die Neff« und »zählebige Hunnin«, am Broadway 675mal den weiblichen Hauptpart in Cole Porters Musical »Silk Stockings«.

Doch von da an ging's bergab. Die einstige »Sünderin« war wieder in Deutschland und meist arbeitslos -- da halfen auch die Horoskope des großen amerikanischen Astrologen Carroll Righter (der Christina Antonia als Pate aus der Taufe hob) nicht weiter. »Wer in Deutschland«, das wußte sie nun, »ganz unten ist, völlig auf dem Boden liegt, der ist abgemeldet. Dem hilft kein Mensch mehr.«

Immerhin, ein Brite italienischer Abstammung, fünf Jahre jünger als sie, half dann doch. 1962 führte David Cameron, bürgerlich David Palastanga, sie heim und zu neuer Karriere ins Schau- und Plattengeschäft. Seitdem, bekennt sie, »ist er der Boß«, als Ehemann, Regisseur und Produzent.

Sieben Singles und zehn Langspielplatten hat sie inzwischen in unnachahmlicher Manieriertheit besungen, zwei große Tourneen absolviert -- immer in derselben Pose, immer die gleiche Trauer im Hals, die gleiche Keßheit am Zäpfchen.

Sie weiß, was sie will. Sie hat eine hohe Meinung von ihrer Kunst. »Ich finde«, sagt sie, »man degradiert Menschen, wenn man ihnen irgendeinen Stumpfsinn vorsetzt.«

Hildegard Knefs Publikum, so jedenfalls glaubt sie zu wissen, fühlt sich nicht degradiert.

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