Margarete Stokowski

Sozialstress nach der Pandemie Gegen den Post-Corona-Burn-out

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Viele wollen jetzt schnellstens alles nachholen, was sie in der Pandemie verpasst haben. Stopp! Wir müssen das nicht. Das allermeiste können wir gar nicht nachholen.
Besucherinnen und Besucher des Außenbereichs eines Restaurants in Berlin Mitte

Besucherinnen und Besucher des Außenbereichs eines Restaurants in Berlin Mitte

Foto: Annette Riedl / picture alliance / dpa

Während der besonders schlimmen Monate der Pandemie hatte ich das Gefühl, viele Leute entwickeln ein besseres Verständnis dafür, dass man manchmal eben nicht kann. Keine Studie, nur so eine Beobachtung: Ich sage generell aus verschiedenen Gründen die meisten beruflichen Anfragen, die ich bekomme, nicht zu. Entweder, weil ich keine Zeit habe oder weil ich mal wieder krank bin oder weil ich gerade etwas anderes machen will. Wenn ich während der Pandemie Leuten geantwortet habe »sorry, das schaffe ich zurzeit nicht«, haben ausnahmslos alle das hingenommen, während normalerweise – ohne Pandemie – sicher ein Viertel der Leute zurückfragt: »Es wäre wirklich nur ein kurzes Interview / Könnten Sie dann einen anderen Tag... / Es wäre für uns aber wirklich wichtig,...« Ich fand dieses Nachfragen trotz Absage oft frech (weil: Nein heißt Nein), während der Pandemie habe ich es bis jetzt kein einziges Mal erlebt.

Ich fürchte aber, das war keine dauerhafte Veränderung. Die Pandemie ist noch nicht vorbei und mir scheint, manche Leute sind jetzt schon auf dem Weg in einen »jetzt muss alles nachgeholt werden«-Burn-out. Stopp! Wir müssen nicht alles nachholen, das allermeiste können wir gar nicht nachholen. Es würde vielen Leuten sehr guttun, wenn ein »ich kann das gerade nicht« oder »ich will das gerade nicht« ein sozial mehr akzeptierter Grund wäre, berufliche oder private Dinge nicht zu tun. Cancel Culture mal anders – nicht als rechte Verschwörungstheorie, sondern als Alltagskultur: Alles absagen, was zu viel ist.

Das gilt für gesunde Leute ebenso wie für Leute mit psychischen Erkrankungen. Die Tennisspielerin Naomi Osaka hat neulich erklärt, bei den French Open nicht an den Pressekonferenzen teilzunehmen und erschien dann tatsächlich nicht zu einem vorgeschriebenen Termin. Die Veranstalter verhängten eine Strafe von 15.000 US-Dollar. Osaka zog sich vom Turnier zurück und erklärte, sie habe seit mehreren Jahren Depressionen und Angstzustände und wolle sich vor Situationen schützen, die für sie besonders belastend sind. Die Reaktionen waren – wie fast immer, wenn jemand eine psychische Erkrankung öffentlich macht – teils so, teils so: teils Respekt für die Offenheit, teils Unverständnis für das konkrete Vorgehen. Manchmal beides gemischt.

Barbara Rittner, Frauen-Chefin im Deutschen Tennis Bund, sagte in einem Deutschlandfunk-Interview,  sie habe Verständnis, wenn Veranstalter zu Tennisspielerinnen sagen, »hey, so, geht's nicht, das ist Teil des Jobs«, und Osaka habe die Pressearbeit bisher ja gut gemacht »und hatte auch nie besonderen Stress mit der Presse«. Sie finde gut, wenn Osaka jetzt eine Diskussion anstoße, aber sie fände »komisch«, dass Osaka einem Sender, der ihr Sponsor ist, trotzdem ein Interview gegeben hat. Das passe nicht zusammen, da gäbe es »einige Widersprüche«.

Heilung braucht Zeit, und Heilung braucht nicht unbedingt noch ein Bier zwischen quasselnden Leuten, selbst wenn das Wetter gut ist.

Nun ist es aber so, dass psychische Krankheiten von außen sehr oft widersprüchlich aussehen. Erstens sehen sie für Unbeteiligte oft leicht heilbar aus, gerade wenn es um Angst- oder Zwangsstörungen geht. Zweitens haben psychische Krankheiten eine sehr eigene Logik, in der für die betroffene Person bestimmte Dinge eben gerade noch gehen und andere nicht. Wenn Naomi Osaka ihrem Sponsor ein Interview gibt, braucht sie vielleicht einfach das Geld, das dieser Vertrag bringt. Oder sie kennt die Leute und findet sie weniger anstrengend als unbekannte Journalist:innen. Oder was auch immer. Sie wird Gründe haben.

Generell ist es bei Leuten mit Depressionen oft so, dass Außenstehende sich wundern, warum eine depressive Person diese oder jene Sache schafft und eine andere nicht. Oder: Was sie doch bisher alles geschafft hat, obwohl sie jetzt behauptet, depressiv zu sein. Aber: Man schnallt es von außen nicht. Manche Depressive können zum Beispiel berufliche Termine noch ganz okay hinkriegen und private nicht, das hat oft einen einfachen Grund: In beruflichen Kontexten ist es üblich, auf ein »Wie geht's?« mit »Gut, und selbst?« zu antworten – egal, wie es einem geht. Es ist relativ normal, dabei zu lügen und depressive Menschen tun das oft. Bei Treffen mit Freund:innen kommt man damit nicht so leicht durch, weil es da eben nicht ums Performen geht. Und gute Freund:innen merken oft eh, was los ist. Ein anderer Grund ist, dass man mit Arbeiten Geld verdient, und darauf nicht immer verzichten kann.

Ich habe eigentlich die ganze Lesereise zu meinem ersten Buch vor fünf Jahren mit Depressionen gemacht, und es war eine eigenartige Erfahrung. Die Lesungen liefen gut, aber ich hatte permanent Gespräche mit Freund:innen oder Bekannten, die ich länger nicht gesehen hatte (weil: hundert Lesungen oder so), die sagten: »Toll, dass es bei dir so super läuft gerade!«, es lief aber ehrlich gesagt innerlich grauenhaft, ich hatte für die Lesungen eine Art Roboter-Modus, in dem ich Witze machen konnte und alles, aber – uff. Und man (ich) fühlt sich dann auch blöd undankbar, wenn man sagt, dass es schon auch ganz schön anstrengend ist (vor allem, wenn man viel mit anderen Autor:innen befreundet ist).

Leute können trotz psychischer Krankheiten oft viel schaffen, und von außen sieht das dann oft super aus. Bei Pflanzen heißt das (also, die haben keine psychischen Krankheiten, aber Sie wissen schon) »Notblüte«. Die Pflanze geht davon aus, dass es bald schlimmer werden könnte und liefert noch mal richtig ab, aber halt mit letzter Kraft.

Die Frage ist, ob man, wenn man keine Kraft hat, immer erklären muss, warum. Naomi Osaka hat über ihre Zustände sehr offen berichtet, aber es sollte nicht nötig sein, das zu tun. Denn erstens ist es eben auch anstrengend, alles zu erläutern, und man kann davon ausgehen, richtig beschissene Tipps zu kriegen, die man alle schon kennt, und zweitens, na ja: Privatsphäre und so. Es gibt in den sozialen Medien inzwischen viele Leute, die offen über ihre psychischen Krankheiten oder Neurodiversitäten schreiben, und das ist gut. Es sollte aber nicht dazu führen, dass ein Standard entsteht, nach dem Leute davon ausgehen, dass man ja inzwischen so offen über diese Dinge reden kann, dass man immer sagen muss, warum man sich so oder so verhält. Man muss nicht. Osaka wurde gelobt, sie habe »sehr mutig«  gehandelt, aber dieser Mut sollte nicht notwendig sein.

Wenn die Pandemie jetzt – hoffentlich – so langsam zu Ende geht, wird Freizeitstress für Leute wieder ein relevanteres Thema werden. In den letzten Wochen hatte ich oft Gespräche mit Leuten (auch psychisch komplett gesunden), die sagten, sie müssen jetzt überhaupt wieder Small Talk lernen oder sind überraschend erschöpft, wenn sie zwei Tage hintereinander Freund:innen getroffen haben, obwohl eigentlich alles gut war. Aber: die U-Bahn so voll, das Café so laut, die Drinks so alkoholisch, überall Menschen, alles etwas viel. Und dann macht ja auch noch das Fitnessstudio wieder auf und man müsste auch mal wieder zum Zahnarzt und zur Maniküre/Friseurin/Autowerkstatt und so weiter. Und spülen die jetzt in den Kneipen eigentlich die Gläser besser ab als früher oder...?

»Jetzt muss man wieder krasse Lügen-Ausrede-Gebilde aufrechterhalten, wenn man irgendwo nicht hin will«, schrieb die Autorin Paula Irmschler bei Twitter.  Es würde allen – Leuten mit psychischen Erkrankungen und ohne – guttun, wenn man das nicht müsste. Wenn »I would prefer not to«  eine etwas normalere Antwort wäre. Wenn es etwas akzeptierter wäre, aus Gründen der psychischen Gesundheit, zu sagen: Nein, heute nicht. Ohne Erklärung.

Die Pandemie war – und ist immer noch – für viele eine Zeit des Zusammenreißens, der Überforderung, der Verluste und Schmerzen, oft auch: der Trauer. Es gibt Menschen, die sich jetzt, mit Impfungen und Lockerungen euphorisch ins sich langsam normalisierende Leben stürzen. Es gibt auch die, die aus dem Trauma Corona nicht ganz so locker rauskönnen. Denn Heilung braucht Zeit, und Heilung braucht nicht unbedingt noch ein Bier zwischen quasselnden Leuten, selbst wenn das Wetter gut ist. Und Freizeit sollte freie Zeit sein, in der man auch sagen kann: Nö.

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