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Hermann Höcherl über Klaus Staeck: "Die Kunst findet nicht im Saale statt" Gegner zum Feind gestempelt

Hermann Höcherl, 64, scheidet dieses Jahr nach 23jähriger Zugehörigkeit als CSU-Abgeordneter aus dem Deutschen Bundestag aus. Der bayrische Jurist, Bonner Innenminister zur Zeit der SPIEGEL-Affäre (1962), übernahm später das Landwirtschaftsressort (bis 1969). 1969 wurde Höcherl mit dem »Orden wider den tierischen Ernst« und mit der Goldenen Staatsmedaille des bayrischen Landwirtschaftsministeriums ausgezeichnet. - Klaus Staeck, 38, siedelte 1956 aus der DDR nach Heidelberg über.
aus DER SPIEGEL 22/1976

Die letzten publizistischen Wirbelstürme um Klaus Staeck sind kaum verstummt, schon versucht Klaus Staeck selbst -- begleitet von verbindenden Texten von Dieter Adelmann -das Thema mit dem Gemeinschaftsbuch »Die Kunst findet nicht im Saale statt« auf dem Theaterzettel zu halten.

Ein so liberaler und selbständiger Kopf wie Schulze-Vorberg (CSU), der selbst aus dem journalistischen Nest in die Politik ausgeflogen ist, wurde auf der Ausstellung »Art into Society -- Society into Art« in London auf die Staeckschen Exponate aufmerksam. Bei aller angeborenen rheinischen Gelassenheit und journalistischer Liberalität wurde er so hart geschockt, daß er über das Fragerecht im Deutschen Bundestag das Auswärtige Amt bemühte. Inzwischen hatte sich herausgestellt, daß das unteralimentierte Goethe-Institut 10 000 Mark zu der Ausstellung Staecks beigesteuert hatte.

Genscher, dem es aus persönlichen und politischen Gründen sicher nicht an weitmaschiger Liberalität fehlt, hat trotz der notorischen Gegenströmung eindeutig gegen diesen Mißbrauch öffentlicher Gelder zu parteipolitischen Scharmützeln, die zu allem Überfluß im Ausland ausgetragen werden, votiert.

In Baden-Württemberg und in einem Gewerkschaftshaus wurden Kreationen von Staeck mit der Geißel einstweiliger Verfügungen aus dem Tempel der Kunst vertrieben.

Einen neuen Höhepunkt gab es mit Staeck in der interfraktionellen Begegnungsstätte der Parlamentarischen Gesellschaft, in die Staeck mit Hilfe von zwei SPD-Abgeordneten eingeschleust wurde. Der Adrenalinspiegel von einigen wenigen CDU-Abgeordneten geriet aus Empörung über diese graphische Polit-Agitation aus der Fassung, und es kam zu den bekannten Ereignissen, die einer gewissen Gruppe von Medienprälaten den genüßlich wahrgenommenen Anlaß zu einem publizistischen Nachhutgefecht schenkte.

Als Abfallprodukt konnte man die CDU mit viel geistiger Gewalttätigkeit in eine kunstfeindliche Ecke stellen, obwohl es in Wirklichkeit nur um die Verletzung der Friedenspflicht in den Räumen der Parlamentarischen Gesellschaft ging.

Der über 88 Abbildungen von Staeck gestreute Text von Dieter Adelmann ist in einer Kunstsprache geführt. In der Umbruchtechnik ist er eher verwirrend denn hilfreich geordnet. Adelmann präsentiert in Walter Benjamin den geistigen Vater der Kunst von Staeck, der selbst bekennt, die Schriften Benjamins nicht zu kennen. Nicht zum ersten Mal treffen wir auf eine anonyme Koinzidenz von Ideen und Ausdrucksgestaltung.

Nachdem sich Staeck mit dem Begleittext identifiziert, wird man davon ausgehen dürfen, daß er die Interpretation von Adelmann akzeptiert. Mit selbstsicherem Selbstverständnis wird das vorgestellte politgraphische Werk als Kunst in Anspruch genommen. Es ist ein bekannter Kunstgriff, einen Bereich durch vorgeschaltete Begriffe wie Kunst. Publizistik oder Religion zu tabuisieren und damit aus dem Feuer der Kritik zu nehmen.

Ich will den zahllosen Definitionen des Begriffs Kunst keine neue und eigene hinzufügen. Niemand wird aber den Bezug zum Können übersehen, und selbst die progressivsten Geister werden nicht leugnen wollen, daß die künstlerische Motivation höheren menschlichen Werten zugeordnet sein soll, gleichgültig, was man darunter verstehen mag.

Ein beherrschender Akzent im Werk von Staeck wird auf das durch die Industriegesellschaft veränderte Kunstbewußtsein gesetzt, wobei der Einfluß der Industriegesellschaft durchweg negative Zensuren erhält. Man braucht nicht gerade einer materialistischen Milieutheorie anzuhängen, um einen mitbestimmenden Einfluß der Industriegesellschaft anzuerkennen. Ob aber äußeren Umständen eine so beherrschende Kraft über das Bewußtsein zukommt, muß angesichts der bisher noch nicht widerlegten Ergebnisse von Seelenforschern wie Eduard Spranger, Piaget, Gehlen, aber auch Jung und Freud, bezweifelt werden.

Alle diese Forscher kommen bei aller Vielfalt und Gegensätzlichkeit ihrer Standpunkte zu dem Ergebnis, daß es sich bei allem menschlichen Verständnis um den schöpferischen Austausch zwischen sinnenhaften Eindrücken von außen und ihrer inneren, stark anlagebedingten Verarbeitung in einem andauernden Überholungsprozeß handelt. Es darf dabei nicht die lebenserhaltende ökonomische Komponente übersehen werden, die auf eine Auswahl, Fortschreibungen und Institutionen unverzichtbar angewiesen ist. Viel Berechtigung scheint mir die im Text und der Bilderauswahl zum Ausdruck kommende Tendenz zu haben, Masse und Kunst zu seiner Begegnung zu bringen. Die gelästerte Industriegesellschaft hat dazu eine reiche Palette von technischen Hilfsmitteln zur Verfügung gestellt, die Staeck sehr wohl zu nutzen weiß. Was soll bei diesem Mißbrauch die Klage über Auswüchse der Industriegesellschaft.

Ein erster Eindruck aus der Staeck-Galerie erinnert an eine Sammlung von scharfgepfefferten einäugigen politischen Karikaturen. Wenn man die Kategorie der politischen Karikaturen an dem Klassiker Daumier, über den unvergeßlichen Simplicissimus bis zum Canard enchaîné, den Punch bis zu den großen Einzeldarstellern, von Ernst Maria Lang, Hicks, Köhler und vielen anderen mißt, wird man bei aller Schärfe des Zeichenstiftes eine durchgehende, entwaffnende, humorvolle Komponente feststellen können.

Eine tiefer geführte Sonde bei den Kreationen von Staeck zeigt. daß die Kategorie politischer Karikaturen nur bedingt anzuwenden ist. Staeck geht es nach seinem Textgeständnis, seinem eindeutigen politischen Standort, dem gezielten zeitlichen Einsatz zu Wahlkämpfen, um einen schockartigen Zugriff aufs politische Massenbewußtsein. Die Analogie läßt eher an eine graphische Guerillataktik denken. Der politische Gegner wird zum Feind denaturiert. Künstlerische Mittel, deren Vorhandensein keinesfalls bestritten werden soll, werden von der aggressiven, ja ätzenden Tendenz vergewaltigt, so daß nach meinem Empfinden der Anspruch auf künstlerisches Schaffen verlorengeht. Was bleibt, ist Kampf mit den Mitteln der Polit-Graphik und der Provokation gegen einen Gegner, der, weil nicht links, in das vorfabrizierte Klischee »gewalttätig und antidemokratisch« gepreßt werden soll.

Dazu gehört auch die Hoffnung, daß sich der Gegner provozieren läßt und sich so benimmt, wie von ihm schon vorher behauptet. Trotzdem nicht abreißen, nicht zertreten, nicht zerreißen, allenfalls niedriger hängen -- das ist ein geistiger Vorgang.

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