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Filmhochschulen »Geh doch nach Poona«

»Autofahrt, lange Einstellung, und hinten geht die Sonne unter« - das war in der Wim-Wenders-Ära das Image von Produktionen aus der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film. Heute prägt der Markt die Ausbildung: Studenten reden mehr über Kosten als über Kunst und produzieren, möglichst schon im ersten Semester, sendefähige Filme.
aus DER SPIEGEL 49/1996

Miguel Alexandre war 14, als das Kino in seiner Heimatstadt Spielbergs »E. T.« zeigte: Der Saal war ausverkauft bis auf den letzten Platz, die Leute haben zwei Stunden lang gelacht, geschrien, applaudiert und geflennt. Als das Licht wieder anging, wollte Alexandre Regisseur werden.

Marcel Gardelli will Filme machen, weil ihm das Filmemachen Spaß macht. Michael Rentsch träumt von einem Ökodorf, trinkt Natursäfte und ist der Meinung, daß es auch Leute wie ihn im Filmgeschäft geben muß.

»Ich sage nicht, daß wir eine Elitehochschule sind, aber wir sind es«, hat der ehemalige Präsident der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film (HFF), Helmut Oeller, einmal gesagt, und Produzent Bernd Eichinger antwortet auf die Frage, was ihm die Schule gebracht habe: »Alles.«

Der erste Eindruck ist ernüchternd: Die Filmhochschule sieht ungefähr so imposant aus wie ein Einwohnermeldeamt. Gleich links, wenn man reinkommt, hängt eine Schautafel mit Zimmernummern und den Namen der darin enthaltenen Professoren und Assistenten; rechts ein Schild »Verwaltung« und ansonsten nur graues PVC. Keine Filmplakate, keine Ahnengalerie, überhaupt nichts, was an Film erinnert. Hier materialisiert sich der Ruf der Schule: handwerklich solide, ästhetisch hochwertig, technisch perfekt. Absolventen, die Karriere machen, sind deswegen noch lange keine Stars. »Der Emmerich macht seinen Job ganz ordentlich«, heißt es unter Studenten. Kein Glamour, keine Skandale.

Schon immer galt die HFF, insbesondere im Vergleich mit der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin, als unpolitisch. Vielmehr war sie bekannt für einen Stil, den man »Neue Innerlichkeit« nannte: In unendlich langsamen Bildern sezierte die »Sensibilisten-Fraktion« um Wim Wenders den eigenen Seelenzustand. Damals spotteten die Filmstudenten in Berlin: »Was ist ein Film aus München? Autofahrt, lange Einstellung, und hinten geht die Sonne unter.«

Das hat sich geändert. Heute herrscht ein Geist, den Wolfgang Längsfeld, Abteilung Film und Fernsehspiel, als den der »frühen Marktanpassung« bezeichnet. Bereits die erste Kameraübung am Ende des ersten Semesters betrachten viele Studenten als ihre Visitenkarte für den Markt.

Das Ergebnis sind glatte, handwerklich saubere Filme mit kleinen Geschichten. Boy meets girl. Allerdings locken diese Komödien der Marke »Abgeschminkt«, »Der bewegte Mann« seit Jahren mal wieder mehr als 15 Leute in das Kleinstadtkino. Das haben die Autorenfilmer der siebziger Jahre wie Alexander Kluge und Werner Herzog selten geschafft, und nicht nur deswegen haben die meisten Studenten heute wenig für sie übrig.

Längsfeld konnte bei den Bewerbern einen richtigen »Weltanschauungsbruch« registrieren. Nachdem Studenten über Jahre hinweg auf die Frage: »Welchen Regisseur wünschen Sie sich als Lehrkraft?« mit großer Mehrheit Wim Wenders gewählt hatten, ist er heute nicht mehr gefragt.

Miguel Alexandre, Absolvent aus dem Jahr 1995, ärgert sich über den »Egoismus« der Alten: »Ich bin dagegen, daß Film nur Therapie für den Regisseur sein soll.« Alexandre will Filme machen, bei denen die Menschen das Leben spüren und »trotz allem« hinterher nicht trostlos nach Hause trotten.

Die Komödien haben dem neuen deutschen Film den Weg bereitet, auf dem die jungen Filmemacher nun Hand in Hand mit dem Publikum weiterspazieren wollen. Nicht irgendwo allein im Wald, fern aller Einschaltquoten ausprobieren, was und wie ein Film sein könnte, sondern Studium mit maximaler Praxisnähe, vom ersten Tag an konkurrenz- und sendefähig.

»Der Druck ist größer geworden«, sagt Karl Friedrich Reimers, Projektbereich Medienforschung an der HFF, »das Studium ist offiziell auf vier Jahre begrenzt und nicht mehr 14, 16 oder 18 Semester lang.« Wo früher mit zwei Filmrollen und hundert Mark die ersten Bilder zusammengeschustert wurden, gelten heute professionelle Maßstäbe.

Marcel Gardelli, Student im fünften Semester, in der rechten Sakko-Tasche ein Handy und stets auf dem Sprung zum nächsten Termin, ist für sein erstes neunminütiges Werk »Blutsbrüder« von »Pontius zu Pilatus gelaufen, um 35 000 Mark aufzutreiben«. Er hat auf 35 mm gedreht und für Kamera und Schauspiel Profis engagiert, hat sich mit 14 000 Mark verschuldet und später rund um die Uhr gejobbt, um das Geld wieder reinzuholen.

Budgets in dieser Höhe sind mittlerweile üblich, doch unter den Studenten nicht unumstritten. Einige befürchten, daß man es irgendwann nicht mehr wagen könne, eine Kamera tatsächlich - wie ursprünglich vorgesehen - selbst auf die Schulter zu nehmen. Doch diese Stimmen werden leiser. Wer etwa der Meinung ist, daß man die vier Jahre zum Experimentieren nutzen solle, ohne sich zu fragen, ob sich das Ergebnis verkaufen lasse, der bekommt von seinen Kommilitonen den Ratschlag: »Geh doch nach Poona.«

Filmstudenten reden mehr über Geld als mancher Student der Betriebswirtschaft. Geld zu akquirieren wird als »kreative Leistung« bewertet, »schließlich bedeutet es, einen Geldgeber von einer Idee zu überzeugen«. Gardelli möchte sich nicht darauf ausruhen, »noch in einer Schutzzone zu agieren«. »Wenn die Bilder wackeln und der Ton schrammt, fällt das Publikum raus«, sagt er. Und: »Bedeutet ein teurerer Film denn einen schlechten Film?«

Gardellis ersten beiden Filme wurden mit Preisen ausgezeichnet und mit den Prädikaten »wertvoll« und »besonders wertvoll« versehen. Es sind kleine Psychogramme; Figuren, die in Situationen geraten, in denen sie mit sich selbst konfrontiert werden und die Augen nicht verschließen können.

»Blutsbrüder« erzählt die Geschichte von zwei Männern, die als Kinder Freunde waren und sich 20 Jahre später inmitten des Bürgerkriegs ihres Landes als Feinde gegenüberstehen. Einer von beiden erhält den Befehl, den gefangengenommenen Freund zu erschießen. Er muß sich entscheiden.

»Countdown« hingegen ist ein neunminütiger Thriller. Nachdem ein Mann einen ausgefeilten Selbstmordmechanismus aktiviert hat, bemerkt er, daß draußen vor dem Fenster ein Kinderwagen auf die Straße zu rollen droht. Da hat er ein Problem.

»Ich habe nicht den Anspruch, die Welt zu verändern«, sagt Gardelli, »aber natürlich werde ich mich mit dem auseinandersetzen, was um mich herum passiert, und vielleicht bleibt beim Zuschauer was hängen.« Für ihn sei es das Größte gewesen, als die Gäste auf seiner Premierenfeier von »Blutsbrüder« den ganzen Abend darüber diskutierten, ob sie selbst geschossen hätten oder nicht. »Mehr will ich gar nicht«, sagt Gardelli.

Michael Rentsch will sehr viel mehr. »Ich bin ein Glaubenskrieger«, verkündet er und schiebt die eine Haarsträhne, die länger ist als alle anderen und Individualität signalisiert, aus der Stirn. Er glaubt an Naturkost, ans Fahrradfahren und daran, daß Menschen in einer Gemeinschaft ohne Leistungsprinzip zusammenleben könnten.

An Gruppenproduktionen allerdings glaubt er nicht. Für diese Aufgabe müssen sich zwölf Regie-Studenten auf einen Film einigen. »Pseudo-sozialistisch« sei das und führe nur dazu, »daß sich am Ende alle hassen«.

Michael Rentsch ist einer der wenigen, der keine Hemmungen hat, in seinen Filmen ganz unverblümt die Sinnfrage zu stellen. Seine Kurzfilme heißen »Jörg ... weiß nicht, was er kann, was er will und was er weiß« und »Johann R. auf der Suche«. In letzterem sieht man einen Typ, der zehn Minuten lang suchend durch die Gegend rennt, zum Schluß in einen Abgrund stürzt, und der Zuschauer erfährt: »Johann R. konnte leider nichts finden, weil er keine Zeit hatte, anzuhalten.«

Längsfeld beendete die anschließende Diskussion über »Johann R.« mit den heute legendären Worten: »Man darf über einen Film nicht länger reden, als er ist.«

Noch bevor Rentsch an der HFF das Studium begann, drehte er seinen ersten langen Film. »Vogel fliegen« ist die Geschichte von einem, der in einem Karton in die Welt fällt, unvorbereitet wie Kaspar Hauser. Erzählt wird in langen Schwarzweißsequenzen, unterlegt mit Klavier-Improvisationen und wenig Dialogen, zwischendurch Slapstick. Skurril, melancholisch, schräg, aber auch unbequem und anstrengend.

Weil Rentsch es nicht von einem Filmverleih abhängig machen wollte, daß die Menschheit sein Werk zu sehen bekommt, ging er in Bayern auf Tournee. Mit einem Fahrrad zog er ein 200 Kilo schweres Wanderkino fünf Wochen lang bergauf, bergab über die Dörfer und zeigte »Vogel fliegen« in Bauernhöfen, Schulen, Turnhallen, Gasthöfen und Wohnzimmern. Manchmal haben Zuschauer den Raum verlassen, manchmal wurde stürmisch geklatscht, doch alles in allem, so sagt Rentsch, hat die Tournee ihm gezeigt, daß er auf dem richtigen Weg ist.

»Wir fördern die Leute, die relativ früh durchpowern«, sagt Reimers, »denn schließlich wollen wir, daß sie als Jungprofis hier rauskommen.« Nie war der Bedarf an Regisseuren, vor allem beim Fernsehen, so groß; manchmal müssen die Professoren aufpassen, daß die Frühstarter nicht schon im dritten Semester mit »lukrativen Angeboten für irgendwelche Soaps« abgeworben werden.

Seit acht Jahren bildet die HFF auch Produktionsleiter, Medienmanager und Produzenten aus. Sie machen ein Drittel der jährlich 35 neuen Studenten aus. Der Rest entscheidet sich für Dokumentarfilm oder Film und Fernsehspiel. Die Produktionsstudenten sollen sogenannte Creative Producers werden, die nicht nur Geld besorgen, sondern ein Projekt von der Stoffentwicklung bis hin zum fertigen Film begleiten.

Marcel Gardelli wurde von einem Produktionsstudenten angesprochen, nachdem dieser »Blutsbrüder« gesehen hatte. »Countdown« haben sie zusammen gemacht. Daß da ein Kaufmann mit am Tisch saß, hat Gardelli nicht gestört, ganz im Gegenteil, so habe er sich viel mehr um den Inhalt kümmern können. Was zählt, ist, »daß wir den gleichen Filmgeschmack haben«. Der Studiengang Produktion und Medienwirtschaft ist inzwischen fest etabliert, und die Absolventen haben gerade Zeit, ihren Abschluß zu machen, bevor der Markt sie absorbiert.

In diesem Wintersemester hat die HFF das Thema Werbefilm/Imagefilm ins Vorlesungsprogramm aufgenommen - angeboten von der jungen Filmemacherin Philine Hofmann. Die hat den Studenten erst mal klargemacht, daß der Ruf der Hochschule sich von dem des deutschen Werbespots nicht großartig unterscheidet. »Die deutsche Werbung ist spießig, humorlos und vergeistigt, und auch die HFF ist weder für den heißen Clip noch für den wahnsinnig guten Spielfilm bekannt, sondern eher für innere Auseinandersetzung.« Deswegen sei es ihr Anliegen, »zu beleben und zu entspießen«.

Die Professoren, die seit Jahrzehnten an der Hochschule rumlaufen, sind sich nicht sicher, ob Reklamefilme und Kostenrechnung ihren Studenten guttun. Klaus Schreyer, Abteilung Dokumentarfilm und Fernsehpublizistik, seit 30 Jahren an der HFF, spürt »mißbildende Impulse«. »Es darf nicht sein, daß wir Dokumentarfilme machen mit Werbefilmer-Bewußtsein.« Für die HFF sei es die Herausforderung der Zukunft, da irgendwie den Brückenschlag zu schaffen.

Die Chance, die der deutsche Film im Moment hat, soll nicht vertan werden. Nun aber werden die lustigen Beziehungsgeschichten langsam langweilig. Was also beabsichtigen die jungen Filmemacher dem Publikum zu erzählen?

Fest steht: Es drängt sie, etwas zu erzählen, viele wissen nur noch nicht genau, was. Sämtliche Gesellschaftssysteme sind als gescheitert zu betrachten, Krieg, Rassismus und Umweltzerstörung bieten schon die Nachrichten im Überfluß, der Staat ist nicht direkt ein Feind, und was gibt es sonst noch?

Was bleibt, sind die Genres - Gerüste, an denen man sich festhalten kann. »Fast alle jungen Leute von den Akademien machen Filme, in denen eine Waffe vorkommt«, hat Nico Hofmann, ebenfalls Absolvent der HFF und heute bei Produzent Bernd Eichinger unter Vertrag, festgestellt. »Ich frage sie vergeblich: ,Was hat die Waffe mit dir, mit deiner Figur zu tun?'' Sie bedienen das Genre ohne Haltung zur Figur. Qualität kommt immer aus einer Haltung.«

Vielleicht liegt das daran, spekuliert Reimers, »daß seit einigen Jahren die Studenten sehr jung an die Hochschule kommen und noch nicht sehr viel Leben mitbringen«. Viele hätten gerade mal Abitur und vielleicht noch Wehrdienst hinter sich gebracht und seien weder große Kinogänger noch Fernsehzuschauer gewesen. »Wäre nicht schlimm«, so Reimers, »wenn sie viele Bücher gelesen hätten, haben sie aber nicht.« Also bleibt das Spannendste, was die meisten bisher erlebt haben, immer wieder: Boy meets girl.

Immerhin: Ein paar Ausnahmen gibt es. Da ist zum Beispiel HFF-Absolvent Hans-Christian Schmid, der Anfang dieses Jahres mit »Nach fünf im Urwald« einen, wie er es nennt, »kleinen, ernsten und damit vielleicht sogar auch komischen Film« gedreht hat. In der Tat passiert nichts Großartiges: Pubertierende Tochter hat sturmfreie Bude und verwüstet das Haus, Eltern machen Streß, Tochter haut ab, währenddessen geraten die Eltern selbst mal wieder außer Rand und Band, und am Ende sind alle ein klein bißchen klüger. Menschen anstelle von Klischee.

Und da ist Miguel Alexandre, dessen Fernsehfilm »Der Pakt« über Gewalt gegen Kinder mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde. Alexandre hat bei Studio Hamburg einen Vertrag unterzeichnet, der ihm die Freiheit läßt, »Geschichten so lange zu entwickeln, bis sie wirklich drehreif sind«.

Bevor der 28jährige »sich dieses Fahrwasser geschaffen hat«, drehte er ein paar Zehnminüter für die Serie »Spurlos« auf RTL, »weil ich nichts schlimmer finde, als meinen Beruf nicht auszuüben«. Auf die Frage, ob auch er Fernsehen machen würde, antwortet Michael Rentsch: »Vor zwei Jahren hätte ich nein gesagt, aber wenn ich noch immer all das nicht tun würde, was ich vor zehn Jahren verkündet habe, wäre ich heute ein frustrierter Öko.« Anpassung? »Nein, Erkenntnis.«

* Mit seinem Wanderkino.

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