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»Geh schlafen, Warren«

aus DER SPIEGEL 39/1990

Er ist viel kleiner als im Kino, mager, durchtrainiert, mit Fönfrisur und scharfen Linien im jungenhaft konservierten Gesicht, schmalen grünen Augen unter schweren Lidern. Kein Dorian Gray sitzt auf dem beigen Sofa, eher sieht Warren Beatty aus wie jenes Bild, das Dorian Gray ewige Jugend garantiert, weil es statt seiner altert.

Die Mulholland Productions, Beattys Firma, liegen auf den Hügeln über der Stadt, vier oder fünf Zimmer in einem Bürogebäude zwischen den Villen Bel Airs und einem Einkaufszentrum. Es sind enge, dunkle Räume mit niedrigen Decken, wie in einem Bunker. In seinem Büro, dem einzigen Zimmer mit Aussicht, hängt ein Werbefoto von »Dick Tracy«, die Profilskizze des Helden, und daneben, viel größer, fast überlebensgroß, das Plakat einer früheren Verfilmung des legendären Comics.

»Ich habe nichts erfinden müssen. Die Geschichte entstand wie von selber, ,Dick Tracy' war wie ein Echo aus jener Zeit, als ich anfing zu lesen . . . und als gut gut war und böse böse. Da war Liebe, da war Pflicht, da war Versuchung . . . Dick Tracy gab ihr nicht nach, aber sie war da, er war ein Mensch . . . Die Dinge schienen einfacher, die Farben waren einfach und die Gefühle . . . gelb war gelb, blau war blau und rot war rot.«

Der 53jährige spricht mit leiser Stimme, langsam mit vielen Pausen, als suche er nach Worten und als sei jedes Wort eine Verheißung. Es ist viel spekuliert worden über den Film: Könnte »Dick Tracy« den Vorjahres-Kassenhit »Batman« schlagen? Und, vor allem, was ist mit Madonna, die, als Nachtklubsängerin Breathless Mahoney, den Film-Helden vergebens zu verlocken sucht, im wirklichen Leben aber, bei dem notorischen Frauenhelden Beatty, um so erfolgreicher gewesen sein soll?

Er will die Journalisten wenigstens ihrer »Lügen« überführen; deshalb hat Beatty sich entschlossen, sein jahrelanges Schweigen gegenüber der Presse aufzugeben. Und außerdem, wer ist Dick Tracy schon für jene, die mit den »Jägern des verlorenen Schatzes« aufgewachsen sind? Wer ist Warren Beatty neben einem Arnold Schwarzenegger oder Tom Cruise? Mamas Liebling und Madonnas Sugardaddy, einer aus der alten Garde. Durch »Bonnie und Clyde« (1967) und »Shampoo« (1975) wurde er zu einem der erfolgreichsten Produzenten Hollywoods, für »Reds« (1981) sogar mit einem Regie-Oscar ausgezeichnet, aber seinen letzten Film, die Komödie »Ishtar«, setzte er in den Wüstensand, und sein letzter wirklich großer Erfolg, »Heaven Can Wait«, liegt zwölf Jahre zurück.

Es fällt Warren Beatty schwer, die Rolle des maulfaulen Narziß abzulegen. »Dick Tracy war berechenbar, zuverlässig, ehrlich, stark . . .« Warren Beatty ist Dick Tracy, und Tracy ist ein Mythos. Ein Mann, der mit bloßen Fäusten und manchmal mit einem antiquierten Maschinengewehr das Böse besiegt. Dick Tracy ist das Gesetz und dabei immer perfekt gekleidet, gelber Kamelhaarmantel, gelber Hut. Begonnen hatte die Karriere des Mannes mit dem rechteckigen Kinn und dem Funkgerät in der Armbanduhr in Chicago Anfang der dreißiger Jahre, noch in der Prohibitionszeit; seine Stoffe entlieh der Zeichner Chester Gould den Schlagzeilen der Zeitungen, für die er arbeitete. »Die einfachen Gefühle wiederzuentdecken, das mußte einfach Spaß machen.«

Warren Beatty hat »Dick Tracy« selber inszeniert und produziert. Und er spielt seinen Helden, in schmeichelnden Profil- oder Halbprofilaufnahmen, mit einer Zurückhaltung, die Selbstverleugnung zu nennen wäre, schiene nicht manchmal unter der marmorglatten Haut des statuesken Bullen die Anstrengung durch. Beatty spielt den Mann ohne Eigenschaften, geschichtslos, alterslos, eine Legende seiner selbst, überlebensgroß, unsterblich.

»Keiner meiner Freunde ist sich der Tatsache, sterben zu müssen, so bewußt wie Beatty, ich wäre überrascht, wenn er fünf Minuten an etwas anderes denken könnte«, hat der Regisseur James Toback einmal über ihn gesagt. Beattys Helden, von dem Gangster Clyde bis zu dem Reporter John Reed in »Reds«, sind im Grunde einsame Männer mit einem einsamen Traum. Keiner aber war je so isoliert wie Dick Tracy, der Mann ohne Worte, ohne eigenen Ausdruck, gefangen in einem Bild.

Als Liebhaber von Natalie Wood hatte Warren Beatty, der Sohn eines Lehrers aus Richmond in Virginia, Shirley MacLaines kleiner Bruder, 1960 begonnen, auf einem Autositz, in Elia Kazans »Fieber im Blut«. Ein neuer James Dean schien damals entdeckt, erotischer nur als sein Vorgänger, mit dem Kennedy-Strahlen um den Mund, das ewige Jugend und unbegrenztes Selbstvertrauen verhieß, und mit jenem sinnlichen Blick, den Kurzsichtige manchmal haben.

Er wollte gleich danach den Gigolo spielen, der Vivien Leigh verführt, in der Verfilmung von Tennessee Williams' »The Roman Spring of Mrs. Stone«, aber der Autor hatte sich einen richtigen Latin Lover für die Rolle gewünscht. Beatty flog nach Puerto Rico, um Williams umzustimmen, mit einem eigens eingeübten italienischen Akzent, und er hatte Erfolg. Tennessee Williams, dessen erotische Neigungen nie ein Geheimnis waren, erzählte später, nachts habe jemand an seine Tür geklopft, Beatty im Bademantel, und er habe ihn wegschicken müssen: »Geh schlafen, Warren, du hast die Rolle ja schon.«

Er machte in den folgenden Jahren weniger Filme als irgendein anderer amerikanischer Star, aber er hat sich seine Rollen und seine Regisseure, Robert Rossen, Arthur Penn, Robert Altman, Richard Brooks und Alan J. Pakula, sorgfältig ausgesucht. Dabei galt er als schwierig und als keineswegs begnadeter Schauspieler.

Legendär war schon damals sein Ruf als Liebhaber, der Name Beatty ein Synonym für Verführung. Joan Collins wußte vor allem seine Ausdauer zu schätzen, »drei-, vier- oder fünfmal am Tag, jeden Tag, das war normal; er war auch in der Lage, gleichzeitig zu telefonieren«. Mamie van Doren fand ihn allerdings um den Mund herum etwas zu naß, »sabberig«, »eine wandelnde Drüse«. Eine besondere Vorliebe hatte der Leistungserotiker für seine Filmpartnerinnen: Natalie Wood, Julie Christie, Diane Keaton, Isabelle Adjani waren seine Geliebten. Er wolle wiedergeboren werden als Warren Beattys Fingerspitzen, hat Woody Allen einmal gesagt.

Beatty hatte immer einen untrüglichen Sinn für Erfolg. Als er hörte, daß Francois Truffaut »Bonnie und Clyde« verfilmen wollte, kaufte er das Buch und entschloß sich, den Film, mit Arthur Penn als Regisseur, selber zu produzieren und selber die Hauptrolle, den impotenten Gangster, zu spielen. Es wurde sein bester Film, und er machte ihn zum Multimillionär.

Obwohl er immer wieder dazu gedrängt wurde und die Rechte an dem Stoff bereits seit fünf Jahren besaß, konnte Warren Beatty sich nie vorstellen, Dick Tracy zu spielen. Aber »im Grunde konnte niemand ihn spielen, diese George-Grosz-Figur . . . Man mußte die Geschichte vollkommen stilisieren«. Er hat, wie schon in »Reds«, mit dem Ausstatter Richard Sylbert und dem italienischen Lichtkünstler Vittorio Storaro, dem Lieblingskameramann Coppolas und Bertoluccis, zusammengearbeitet. »Dick Tracy« ist, ganz in Grundfarben gehalten, ein raffiniertes Spiel mit der Ästhetik des Comicstrips vor dem Dekor einer imaginären Stadt, ein bißchen New York, ein bißchen Chicago, irgendwann in den dreißiger Jahren: Kulissen, die immer ein wenig so wirken, als hätte Andy Warhol versucht, George Grosz zu kopieren.

Durch dies limonadentrunkene Spektakel, zu den Songs des Broadway-Komponisten Stephen Sondheim, taumeln die grotesk verzerrten Bösewichter des braven Chester Gould, Pruneface, Flattop, Lips Manlis, Spaldoni, gespielt von Schauspielern wie James Caan, Paul Sorvino oder Dick van Dyke, die sich, für oft nur minutenlange Auftritte, in stundenlanger Arbeit in Mannequins der Maskenbildnerkunst verwandelten. »Dick Tracy war«, so Beatty, »der Mittelpunkt, aber natürlich waren die Bösen die interessanteren Figuren.« Er hat sich gern die Schau stehlen lassen von Dustin Hoffmans nuschelndem Selbstzitat Mumbles, einer Mischung aus Little Big Man und dem Rain Man, und vor allem von Al Pacino, der den Gangsterboß Big Boy Caprice mit Buckel, spitzem Kinn und falschen Nietzsche-Zitaten spielt, als sei er Richard III., der Glöckner von Notre Dame und Gerard Depardieu in einer Person.

Der Film könnte eine amüsante Parodie auf die naiven amerikanischen Mythen sein, wäre der Regisseur nicht, ohne alle Selbstironie und trotz der intellektuellen und mimischen Selbstdistanzierung, entschlossen, seinen Helden, den ewigjungen Biedermann, diesen langweiligen Gewinner mit den unbeweglichen Zügen, zu lieben. Einmal, da küßt Dick Tracy die heisere Sängerin Breathless Mahoney, Madonnna, eine fleischige Verführung im viel zu engen Kleid, küßt sie mit spitzem Mund und offenen Augen, als habe er noch nie eine Frau geküßt und auch gar keine Lust, es zu lernen: Eine Versuchung ist diese Madonna nie, nicht weil Dick Tracy seiner keuschen Dauerverlobten Tess Trueheart treu sein muß, nein, der Mann im makellos reinen Mantel hat nur eine Sehnsucht, er träumt nur einen Traum, Warren Beattys Traum.

Für den Football-Spieler in »Heaven Can Wait«, Beattys Regiedebüt, hatte sich dieser Traum erfüllt: Beatty war der Mann, der, weil sein Tod ein himmlisches Versehen war, auf die Erde zurückkehren darf, reich und mächtig. Davon, von dem Wunsch nach Unsterblichkeit, handeln im Grunde alle Filme Beattys. In »Reds«, seinem gigantischen Geschichts- und Politikspektakel, spielte Beatty den Amerikaner in Petrograd, den Reporter John Reed, der die Oktoberrevolution erlebte und darüber einen begeisterten Augenzeugenbericht schrieb, »Zehn Tage, die die Welt erschütterten«; Reed, der mit 33 an Typhus starb, wurde an der Kremlmauer bestattet, ein Mythos.

1975 hatte Beatty »Shampoo« produziert, eine böse Parabel über den Beginn der Nixon-Ära und zugleich ein ironisches Selbstporträt. Er spielte darin, unter der Regie von Hal Ashby, den Starfigaro und Hollywood-Gigolo, einen, der verfügbar für alle ist, weil er mit allen schlafen will, aus Lust und um auch ein wenig vom Kitzel der Macht zu spüren. Am Ende aber haben ihn alle verlassen, und er steht einsam auf einer Klippe. Ein Friseur am Abgrund.

In Beattys Büro geht ununterbrochen das Telefon. Seine Pressebetreuerin hat ihn einen »phonoholic« genannt, er muß das Gefühl haben, mit allen in Verbindung zu sein. Über den Stoff seines geplanten Films will er nicht reden; er will nicht zu früh die Luft herauslassen, es wird ohnehin zuviel geredet in diesem »Zeitalter des Narzißmus, wie Christopher Lasch es nannte . . . aber das sind große Fragen . . .« Manchmal hat er, trotz seines intellektuellen Ehrgeizes, den Charme eines Anrufbeantworters.

Er plant gerade einen Film über Bugsy Siegel, mit Barry Levinson als Regisseur, und er wird auch selber die Hauptrolle spielen, den Gangster, eine Legende auch er, die dunkle Gegenfigur zu Dick Tracys Lichtgestalt. Und er arbeitet noch immer an seinem Howard-Hughes-Projekt. Die Figur des exzentrischen Flugpioniers, Filmproduzenten und menschenscheuen Milliardärs hat ihn seit langem angezogen. So wie es ihn reizte, den Reporter John Reed, »diesen sozial völlig integrierten Linken«, zu spielen, will er, auf der anderen Seite, »die entfremdete und schließlich zerstörte Persönlichkeit dieses Rechten« darstellen: den reichen Mann, gutaussehenden Frauenliebling, der sich eines Tages einfach von der Welt zurückzog.

So einer wie Warren Beatty hätte jung sterben müssen. Oder wenigstens, betrunken, mit einer Sekretärin im Auto, von der Brücke stürzen. Am liebsten würde er gar nicht mehr spielen. Statt dessen aber feiert er von Film zu Film sein Comeback und kämpft einen aussichtslosen Kampf gegen die Zeit.

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