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Literatur Geheimnis in der Waschküche

aus DER SPIEGEL 32/1996

Ingrid Noll

Kalt ist der Abendhauch

Diogenes Verlag 256 Seiten 36 Mark

Das Leben ist für Charlotte reichlich beschwerlich geworden. Ihr Geist ist noch erfreulich klar, aber die Knochen knirschen schon ein wenig. Die 83jährige Witwe lebt allein in ihrem hübschen Darmstädter Häuschen und unterhält sich fast nur noch mit Hulda, einer ausrangierten Schaufensterpuppe, die in einem Schaukelstuhl vor sich hin verstaubt. Die drei Kinder sind erwachsen und längst aus dem Haus, ein Enkel schaut gelegentlich herein - ein ganz normales deutsches Oma-Leben. Doch Charlotte ist eine aschgraue Pantherin mit gar fürchterlichen Abgründen, schließlich ist sie ein literarisches Geschöpf von Ingrid Noll, 60, Deutschlands bescheidener Antwort auf Patricia Highsmith und Ruth Rendell.

Wie schon in ihren anderen Bestsellern ("Der Hahn ist tot«, »Die Apothekerin«, »Die Häupter meiner Lieben") gräbt die spätberufene Autorin auch in ihrem neuen Roman »Kalt ist der Abendhauch« wieder mit boshafter Neugier im Schlick des oberflächlich Normalen und macht tödliche Trouvaillen. Wohltemperierte Spannung auf Erfolgsrezept: Hinter jeder noch so harmlosen, bürgerlichen Fassade brütet das Böse. Charlottes labiles Arrangement mit der kriminellen Vergangenheit zerbricht, als sich ihr Schwager Hugo zur Visite ansagt.

Er ist der Mann ihres Lebens, nur ihn hat sie geliebt. Jetzt haben ihn die Jahre schwer gezaust, seine Schönheit ist hin, und sein Herz ist längst ein Fall für Kardiologen.

Das Wiedersehen mit Hugo setzt bei Charlotte eine Welle der Erinnerung frei. Sie beichtet sich selbst, in wortreichem inneren Monolog, ihre wahren Gefühle, beschreibt illusionslos ihre beiden Lebensgefährten, die sie lustvoll mit Hugo betrogen hat, und packt schließlich auch noch ihr größtes Geheimnis aus: In der Waschküche wurde vor Jahrzehnten tatsächlich ein Skelett eingemauert. Mit bewährter, feindosierter Ironie beschreibt Ingrid Noll die Irrungen und Wirrungen ihrer selbstbewußten Heldin. Scheinbar beiläufig ist ihr nicht nur wieder ein - im doppelten Sinne - frecher Hausfrauenkrimi gelungen, sondern auch eine hübsche, wenn auch gelegentlich überdrehte Familiengeschichte.

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