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Regisseure Geht zur Lulu

Österreichs Nationaldichter Grillparzer als Verklemmungs-Virtuose: Mit einem Star-Aufgebot inszeniert Thomas Langhoff in Salzburg »Die Jüdin von Toledo«.
aus DER SPIEGEL 32/1990

Eine Frau geht durch die Wand. Nicht angstgepeinigt oder gar aus Freiheitsdurst überwindet die Jüdin Rahel die Absperrkordel zum verbotenen königlichen Garten, sondern aus schierer Neugier und Langeweile: »Ich muß mal den König sehen«, trällert sie kokett. Noch der Fluchtversuch vor den Häschern des Regenten entlockt ihr ein vergnügtes Quietschen. Kann denn Übermut Sünde sein?

So, als ungezogenes Kind, spielt die Schauspielerin Susanne Lothar die Rahel in Franz Grillparzers Nachlaßdrama »Die Jüdin von Toledo«. Wenn sie schließlich atemlos, erschöpft und glücklich zu Füßen des Königs (Ulrich Mühe) liegt, umklammert sie mit wildem Ungestüm sein Bein. Das Gesicht des mächtigen Mannes, wen wundert''s, zeigt darob heillose Verwirrung.

»Ob es Langeweile ist, ob Liebe oder noch etwas anderes, ich kann es nicht sagen«, heißt es in Tschechows »Platonow«, einem Stück, mit dem Regisseur Thomas Langhoff 1981 in München ein sanfter Geniestreich gelang.

Vom Thema dieser Tschechow-Inszenierung wird auch sein Salzburger Grillparzer-Abend handeln: von der Unfähigkeit gründlich verschiedener und doch Nähe suchender Menschen, einander zu verstehen.

Was bei Grillparzer der Auftakt einer schwermütig-düsteren Tragödie ist, verwandelt der Regisseur Langhoff in Szenen voll drolliger Komik: Zu bestaunen ist der Einbruch des quirlig-lebendigen Kindgeschöpfs Rahel in die Bannmeile der abgetöteten Leidenschaften.

Die »Jüdin von Toledo«, deren Premiere am Freitag dieser Woche stattfindet, ist eine Auftragsarbeit der Salzburger Festspielleitung. Thomas Langhoff, 52, macht sich daran, einen gründlich verstaubten Autor neu zu entdecken. Denn der Regisseur mit Wohnsitz in Ost-Berlin möchte nicht nur ein sommerliches Fest mit Schauspielern wie Ulrich Mühe und Susanne Lothar, Uwe Bohm und Anne Bennent feiern, mit jenen Menschen, die er liebevoll »meine Theaterfamilie« nennt. Langhoff will vor allem zeigen, wie modern die Themen des zeitlebens Goethe und Schiller nacheifernden Franz Grillparzer (1791 bis 1872) geblieben sind.

»Mein Gott, ein pseudoklassischer Schinken«, hat er zunächst gestöhnt, dann aber entdeckte er »ein Stück, an dem der Autor mit 22 zu arbeiten begann, das er nie veröffentlicht hat und das nach seinem Tod vernichtet werden sollte«. Grillparzer, in Liebesdingen herzlich verschroben und unverheiratet bis ans Ende seiner Tage (dafür aber fünf Jahrzehnte lang verlobt), schildert in der »Jüdin von Toledo« jenen Konflikt zwischen Eros und Zivilisation, den er mit seiner eigenen Biographie mustergültig vorlebte.

Langhoff muß mit seiner Inszenierung nichts beweisen. Längst zählt der zwischen Ost-Berlin und regelmäßigen Gast-Inszenierungen im Westen (vor allem an den Münchner Kammerspielen) pendelnde Theatermann zu den wichtigsten Regisseuren des deutschsprachigen Bühnenbetriebs. Eine Karriere, die sich eher im stillen vollzog: Langhoff ist kein Medienstar wie seine Kollegen Peter Zadek und Claus Peymann, sondern ein geduldiger, zäher, diskreter Menschen- und Stücke-Erforscher.

Sein Aufstieg war die Karriere eines Spätzünders: Fast 40 Jahre alt war Thomas Langhoff, als er schließlich doch noch zum Regie-Beruf fand. Der Sohn eines berühmten (und also übermächtigen) Künstlervaters, des Regisseurs Wolfgang Langhoff, verdingte sich zunächst als »gar nicht mal sehr guter« Schauspieler in Potsdam und später beim Fernsehen der DDR. Nach dem Krieg war er, acht Jahre alt, mit dem Vater aus dem Schweizer Exil nach Ost-Berlin übergesiedelt und hatte dort dessen Glanzzeit (und Demontage) als Intendant des Deutschen Theaters erlebt.

Es sei schon was daran, sagt Thomas Langhoff, daß er sich in jungen Jahren »durch die Familie blockiert« fühlte, erste Regie-Versuche nach der Schauspielschule habe der Vater vielleicht allzu hart kritisiert. Die Folge solch harschen väterlichen Zuspruchs jedenfalls war eine 15 Jahre lange Regie-Abstinenz: »Mein Bruder Matthias war schon künstlerischer Leiter der Volksbühne, als ich noch beim Fernsehen arbeitete.«

Der Ruf, den sich der Theaterregisseur Thomas Langhoff sehr schnell erwarb, ist der eines Großkünstlers der Beiläufigkeit, eines einfühlsamen Skeptikers. Das Konzepttheater, das Aufsprengen literarischer Vorlagen, wie es viele seiner DDR-Kollegen betrieben (und betreiben), blieb ihm fremd.

Seine Neigung zum literarischen Theater, sein Interesse für die Dramatiker des 19. Jahrhunderts und ihre Figuren nennt der Regisseur selbst mitunter »altmodisch«. Wahr daran ist, daß Langhoff diese Menschen, ihre Nöte und Obsessionen, erst einmal ernst nimmt. Die Zweifel kommen später.

Von Gerhart Hauptmann etwa, dessen Märchenstück »Und Pippa tanzt!« er 1988 an den Münchner Kammerspielen als virtuose Demaskierung gemeingefährlicher Erlösungsmythen inszenierte, sagt der Regisseur: »Das war auch die Huldigung an einen Dichter, den ich zugleich ekelhaft und toll finde.«

Ganz ähnlich geht es dem Regisseur nun offenbar mit Grillparzer: In der »Jüdin von Toledo« opfert der spanische König das Mädchen Rahel weniger der Staatsräson als dem eigenen, anerzogenen Ordnungssinn: »Die Sünderin hat die Sympathie des Autors, aber er traut sich nicht, das zu bekennen«, sagt der Regisseur; auch bewundere er die »anarchische Kraft« und beinahe wedekindsche Fieberglut, die Grillparzers brave Verse bergen, »das geht zur Lulu hin«.

Mehr noch als der König selber offenbart in Salzburg dessen Gattin die Qualen eines gänzlich verdrucksten Gefühlshaushalts, der zivilisatorischen Zwangsneurose. Sibylle Canonica spielt diese Frau starr und schön, mal ängstlich um sich blickend und schüchtern lächelnd, dann wieder mit dem gebotenen Zorn der eifersüchtigen Ehefrau. Eine hilflose Ikone der andressierten Gesten.

Den Verklemmten, den stillen Verlierern und ahnungsvollen Untergehern gilt, so scheint es, Langhoffs wirkliche Leidenschaft. Mit Hauptmanns »Einsame Menschen« und Tschechows »Drei Schwestern« begann er Ende der siebziger Jahre am Ost-Berliner Maxim-Gorki-Theater, und dort glückte ihm ein Jahrzehnt später, im März 1988, die Erstaufführung des stärksten Zeitstücks der späten DDR-Jahre: Volker Brauns »Übergangsgesellschaft«, locker angelehnt an Tschechows »Drei Schwestern«, schilderte präzise die Gemütslage des DDR-Mittelstands, die sich in rhetorischer Rebellion erschöpfende Mutlosigkeit und ironische Trauer einer verlorenen Generation.

»Vier Jahre lang haben wir darum gekämpft, das Stück spielen zu dürfen«, sagt Langhoff, und der Erfolg gab nicht nur ihm recht, sondern auch denen, die _(* Sibylle Canonica (Königin Eleonore) ) _(und Ulrich Mühe (König Alfonso) während ) _(der Probenarbeit. ) das Werk verhindern wollten: Die Ost-Berliner »Übergangsgesellschaft« wurde zum Kult-Ereignis, wohl auch zur symbolischen Demonstration für ein trotziges Weiterhoffen auf Veränderung.

Daß der Regisseur selber damals längst zu den privilegierten Künstlern der DDR zählte, bestreitet er nicht. Immer wieder durfte er zu Gastspielen in den Westen ausreisen, nur einmal, 1983, verweigerten ihm die DDR-Machthaber die Ausreise, »eine völlig irrationale Geschichte«, wie Langhoff heute meint.

Dabei gehörte Thomas Langhoff nie dem Verband der Theaterschaffenden an, nie auch der Partei, »schon weil ich denen nicht verzeihen konnte, was sie meinem Vater angetan haben«. Nur zweimal hat sich der Regisseur außerhalb des Theaters politisch engagiert, zunächst, als er die Erklärung gegen die Biermann-Ausbürgerung 1976 unterschrieb, dann im Herbst vergangenen Jahres. Den 4. November, den Tag der Künstler-Demonstration auf dem Alexanderplatz, nennt er den »schönsten Tag in meinem Leben": Damals stand Langhoff inmitten der Demonstranten, »mein Sohn Tobias war oben am Rednerpult«. Eine Art später Genugtuung habe er gespürt für das Unrecht, das dem eigenen Vater widerfahren sei, dem die Stalinisten mit immer neuen Schikanen zusetzten, bevor sie ihn 1963 endgültig vom Intendantenstuhl des Deutschen Theaters vergraulten.

Mit Langhoffs November-Euphorie allerdings war es bald vorbei, und als er gemeinsam mit Christa Wolf und anderen den Aufruf »Für unser Land« unterstützte, in dem eine weiterhin eigenständige DDR gefordert wurde und ein neuer Anfang, war es für solche Anstrengungen schon zu spät. »Das hat uns überrollt«, sagt er heute, aber er fühle angesichts der derzeitigen Lage »kein Bedauern und keine Freude«.

Die Selbstgerechtigkeit und Ignoranz der Angriffe gegen Christa Wolf erbost den »untaktischen und unzynischen Menschen« Langhoff, und doch: »Wir, die wir uns immer als die besseren Deutschen aufgespielt haben, kriegen jetzt eben mal einen furchtbaren Gegenschlag. Aber man kann uns auf Dauer nicht totquatschen. Wir bleiben ja da!«

Langhoff will seinen Ost-Berliner Schauspielern treu bleiben, und wenn man den Agenturmeldungen glaubt, übernimmt er am 1. August 1991 die Intendanz des Deutschen Theaters. Ganz so sicher ist er da allerdings noch nicht, »denn ohne Geld geht nichts. Wir haben im Augenblick nicht mal genug, um über den Winter zu kommen«.

Unter diesen Umständen ist Langhoffs Engagement im reichen Salzburg wohl tatsächlich »ein Wegtauchen aus meiner unerfreulichen Gegenwart«. Immerhin, die von den »Gynäkologen und Zahnärzten im Publikum« womöglich erhoffte Feierstunde für den österreichischen Literatur-Nationalhelden Grillparzer soll seine »Jüdin von Toledo« gewiß nicht werden. »Doch vor der Premiere sagt man so etwas besser nicht - denn gute Absichten haben wir alle.«

Wolfgang Höbel

* Sibylle Canonica (Königin Eleonore) und Ulrich Mühe (KönigAlfonso) während der Probenarbeit.

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