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Film Geist gegen Fleisch

»Der Priester«. Spielfilm von Antonia Bird. Großbritannien 1994.
aus DER SPIEGEL 21/1995

Es gibt ein Kino des Kopfes, und es gibt ein Kino der Körper. Das eine denkt und lenkt, das andere lockt und verführt. Das Kino der Körper liebt das pure Gefühl, die Lust, die Selbstvergessenheit. Geschichten webt es aus Bewegungen und Berührungen, nicht aus Worten. Im Kino der Körper geht es letztendlich immer um Sex.

Welcher Schauplatz könnte sich besser für einen Film über den Körper und sein Begehren eignen als die katholische Kirche, diese Hochburg der unterdrückten fleischlichen Regungen - und gerade dadurch ein extrem erotischer Ort?

»Der Priester«, Spielfilmdebüt der britischen Regisseurin Antonia Bird, 35, und Überraschungserfolg auf den Berliner Filmfestspielen, birst jedenfalls fast vor unterschwelligem sexuellem Druck.

Bird ist eine Körperfilmerin par excellence, leidenschaftlich, überschwenglich und von deftigem Temperament: ein dionysisches Talent mit großer Zukunft, hervorgegangen ausgerechnet aus der drögen BBC, für die ihr Film entstand.

Erzählt wird von den Gewissensqualen eines jungen Geistlichen, der seine erste Stelle in einem Arbeitslosenslum in Liverpool antritt. Greg (Linus Roache) ist ein bläßlicher Besserwisser, der fest an Gott, seine Berufung und die Grundwerte des Katholizismus glaubt.

Daß er mit seinen Tory-Überzeugungen im sozialen Ghetto jedoch nicht weit kommen wird, prophezeit ihm sein Priesterkollege, der vor Ort erprobte Alt68er Matthew, sofort.

Greg und Matthew sind Antipoden in Geist und Fleisch. Während Greg seinen schmalen Körper im Fitneß-Klub kasteit, kippt der wohlbeleibte Matthew (Tom Wilkinson) lieber ein Bier im Pub und beteiligt sich am Karaoke-Wettbewerb. Außerdem bekommt Greg rasch - und mißbilligend - spitz, daß Matthew mit der jungen Frau, die den beiden den Haushalt führt, lebt und schläft.

Bald aber muß auch der Moralapostel selbst sich eingestehen, daß er gelegentlich schwach wird. Eines Abends landet er in einer Homosexuellenbar, läßt sich abschleppen und in die Freuden des schwulen Sex einweihen. Als er sich anschließend davonstehlen will, fragt ihn sein Liebhaber, ob er katholisch sei. Greg verschlägt es die Sprache.

Das geschieht ihm noch häufiger. Ein junges Mädchen gesteht ihm im Beichtstuhl, daß es von seinem Vater mißbraucht wird. Was soll Greg tun? Schweigen, wie es die Beichtvorschriften gebieten? Oder den Vater zur Rechenschaft ziehen?

Mit Schadenfreude und proletarisch derbem Witz läßt das Drehbuch, verfaßt vom fernseherprobten britischen Autor Jimmy McGovern, Greg mit seinen Klippschul-Gewißheiten auflaufen. Drei Gewissensfragen des Katholizismus muß er sich unverhofft stellen: Wie hält er es mit dem Zölibat? Mit seiner Homosexualität? Und wie mit seiner Verantwortung als Geistlicher?

Daß er am Ende zur rechten liberalen Haltung findet, nicht blasphemisch, aber sehr kirchenkritisch, und vor allem fast geheilt von schwulem Selbsthaß, wäre nur politisch korrekt und fad, wenn Birds Drama seine besten Argumente nicht ganz woanders fände.

Die Überzeugungskraft des Films liegt in der physischen Wirklichkeit, die er hinter den Ritualen des Klerus hervorlockt. Er verläßt sich auf die Evidenz des Sichtbaren, die nur die Leinwandbilder besitzen: auf die verräterische Wahrhaftigkeit von Gesten, Blicken und Zeichen. Was richtig ist und was falsch, wird immer sinnlich erfahrbar.

Wirkung zeigte Birds Film gleich in mehreren katholischen Staaten. In Irland empfahlen ihn Geistliche so emphatisch, daß weitere Filmkopien eingeflogen werden mußten, um den Bedarf zu decken. In den USA dagegen fand sich das katholische Establishment nur allzu bereit dazu, ihn zu verdammen.

Birds amerikanischer Verleih hatte einen Eklat heraufbeschworen, indem er den Film ausgerechnet am Karfreitag in die Kinos bringen wollte. Der erhoffte Werbeeffekt blieb aus: »Der Priester« hat nur vier Millionen Dollar eingespielt.

Aber Wirbel gab es. Die Kritiker, darunter der Erzbischof von New York und der republikanische Präsidentschaftsbewerber Bob Dole, gestehen zwar, den Film nie gesehen zu haben. Dennoch setzen die Rechten ihn im beginnenden Wahlkampf ein: als abschreckenden Fall von lasterhafter Liberalkultur.

Antonia Birds Laufbahn hat das bisher nicht geschadet. Nach langen Jahren, in denen sie sich in Großbritannien zunächst im Theater und dann im Fernsehen hochgeschuftet hat, erlebt sie jetzt einen gewaltigen Schub als Kinoerzählerin. Ihr Talent, gesellschaftliches Engagement in Pathos, Witz und Überschwang zu verpacken, will sich Hollywood nicht entgehen lassen.

In dieser Woche startet Birds erster Hollywood-Film, »Mad Love«, in Amerika. Eine Teenagergeschichte, ganz ohne Linksdrall. Aber dafür wieder voller Leidenschaft. Antonia Bird ist eine Träumerin mit Durchsetzungskraft und sicheren Instinkten. Und sie glaubt fest an sich: »Ich werde immer Filme gegen Ungerechtigkeit machen. Etwas anderes kann ich gar nicht.«

Susanne Weingarten

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