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PAULUS-GESELLSCHAFT Geliebter Feind

aus DER SPIEGEL 47/1966

Der Jesuitenpater aus München, Professor Karl Rahner, sprach zu

»unseren marxistischen Freunden«. Das kommunistische ZK-Mitglied aus Paris, Professor Roger Garaudy, antwortete in »sehr brüderlicher Weise«. Der Frankfurter Industrieberater Dr. Hans Werhahn, Halbvetter eines Adenauer -Schwiegersohns, erläuterte, wie das Christentum seine Gegner versteht: »als geliebten Feind«.

Die frommen Liebenswürdigkeiten - vom 29. April bis 2. Mai 1965 in Salzburg auf einer Tagung der internationalen Paulus-Gesellschaft gewechselt - sind jetzt von dem Geschäftsführer der Gesellschaft, Dr. Erich Kellner, Freilassing, in gedruckter Fassung der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden. Kellner publizierte das Protokoll der Salzburger Tagung*.

Der Schock, den das Salzburger Gespräch seinerzeit sowohl unter Christen als auch Kommunisten auslöste (Dr. Kellner: »Das Weltecho reichte von Washington bis Moskau"), wirkt noch heute nach.

In diesem Herbst gab der Reinbeker Rowohlt Verlag ein Taschenbuch heraus, das eine erweiterte Fassung des Garaudy-Vortrags und den unveränderten Rahner-Vortrag (mit einem Nachwort des Münsteraner katholischen Fundamentaltheologen Johannes Baptist Metz) enthält**.

Zu gleicher Zeit veröffentlichte der katholische Herder Verlag eine Schrift, in welcher vier Paulus-Gäste - der kommunistische Philosoph Branco Bosnjak aus Zagreb, der protestantische Theologie-Professor Wilhelm Dantine aus Wien, der Jesuit Jean-Yves Calvez aus Paris und der deutsche Marx-Forscher Professor Iring Fetscher aus Frankfurt - das Salzburger Thema behandeln: »Christentum und Marxismus heute"***.

In dieser Woche spielt der Norddeutsche Rundfunk Tonbänder mit Rahner- und Garaudy-Vorträgen ab.

Die Paulus-Gesellschaft selbst - 1955 unter Mithilfe des inzwischen verstorbenen Adenauer-Arztes Professor Martini von dem katholischen Theologen Kellner gegründet - strebt jetzt die Verlegung der christ-kommunistischen Gespräche, die 1965 in Salzburg stattfanden und 1966 in Herrenchiemsee fortgesetzt wurden, auf Ostblock-Boden an.

Ende Oktober wußte die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) zu berichten, das nächste Paulus-Gespräch werde es wahrscheinlich in Prag geben. Kellner: »In Prag oder Budapest.«

Für das lang anhaltende Echo der Salzburger Tagung lieferte Tagungs-Teilnehmer Garaudy die Erklärung: Es sei »das erste eigentlich große internationale Gespräch zwischen Christentum und Marxismus«.

In der Tat schienen in Salzburg Christentum und Kommunismus zuweilen mit verkehrten Fronten zu kämpfen.

Theologe Metz gestand dort im Namen der Christen, »daß man . .. für die Armen und Geknechteten oft allzu rasch die Vertröstung auf das Jenseits zur Hand hatte«.

Kollege Rahner bekannte seine »private Meinung«, wonach die Christen bei der Erörterung des Privateigentums »mit einem Begriff gearbeitet haben, der auf die Dauer nicht zu halten sein wird«.

Etwas vorsichtiger formulierte Rahner seine Absage an das traditionelle Staatschristentum Europas - an, wie er es ausdrückte, die »christlich homogenen Regionalgeschichten und -gesellschaften«.

In der »geschichtlichen und gesellschaftlichen Einheit der einen Menschheit« von morgen werde, sagte Rahner, das Christentum »vermutlich nur eine Minderheit umfassen«. Deshalb sei es daran interessiert, »in Freiheit in einer weltlichen Gesellschaft zu leben, die selber religiös pluralistisch sein will«.

Sprachen die Theologen in Salzburg von »Gesellschaft«, »Menschheit« und »Eigentum«, so sprachen dort die Kommunisten von »Liebe«.

Politbüro-Mitglied Garaudy bekannte: »Die wunderbare Konzeption der christlichen Liebe, nach der ich mich selbst nur durch den anderen und in ihm verwirklichen kann, ist für mich das höchste Bild, das der Mensch über sich selbst wie über den Sinn seines Lebens entwerfen kann.«

Zwei spanische Mystiker, die heilige Therese von Avila und der heilige Johannes vom Kreuz, bedeuteten noch heute, fügte Garaudy hinzu, für »uns Marxisten die höchste Aussage menschlicher Liebe«.

»Brüderlichkeit, Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft, Geringschätzung irdischer Güter und das Vertrauen in die Kraft der Gerechtigkeit und auf den Sieg des Guten« nannte der Ost-Berliner Professor Robert Havemann in einem dem Salzburger Kongreß eingesandten Text »die ursprünglichen christlichen Tugenden, die allen zeitlichen Wandel überdauern werden«.

Der italienische Kommunist Cesare Luporini, Philosophie-Professor aus Florenz, gab sogar zu, daß die »Realität«, vom Marxismus sonst gemeinhin als ein Feld ausschließlich rationaler Betätigung verstanden, »ein Mysterium« enthalte.

Angesichts dieser und anderer Eingeständnisse und Zugeständnisse auf allen Seiten glich es am Ende einem Wunder, daß gleichwohl die Umrisse, Fronten und Gegensätze von Hammer, Sichel und Kreuz deutlich blieben - offenkundig ein Verdienst des Scharfsinns der in Salzburg versammelten theologisch, marxistisch und naturwissenschaftlich geschulten Hirne.

Am deutlichsten wurden die Fronten im Zwiegespräch zwischen dem Münchner Jesuiten Rahner und dem Florentiner Philosophen Luporini, einem Repräsentanten der liberalsten Kommunistischen Partei der Welt, der italienischen KP.

Es ging um die Zukunft der Menschheit - und kontrovers darum,

- ob, so Rahner, die letzte Zukunft der Menschen ein göttliches Geheimnis ist und bleiben soll oder

- ob, nach marxistischem Verständnis, die Menschheit ein innerweltlich-konkretes Bild ihrer Zukunft entwerfen und sich selbst und jeden einzelnen Menschen dem Dienst an dieser Zukunftsvision unterwerfen darf.

Rahner erläuterte das Christentum als eine »Religion der absoluten Zukunft«. Sie besitze keine eigene »innerweltliche Zukunftsutopie«, sei aber gleichwohl zu »jeder sachlich sinnvollen innerweltlichen Zukunftsplanung« positiv eingestellt.

Die »möglichste Befreiung des Menschen von der Herrschaft der Natur«, die »fortschreitende Sozialisierung des Menschen zur Erreichung eines möglichst großen Freiheitsraums« - das seien Ziele, zu denen der Mensch auch nach christlichem Verständnis »verpflichtet« sei.

Dagegen verwerfe das Christentum solche Zukunftsplanungen, welche die Versuchung enthalten, sie »mit solcher Gewalt zu betreiben, daß jede Generation brutal zugunsten der nächsten und so fort geopfert wird, und so die Zukunft zum Moloch wird, vor dem der reale Mensch für den nie wirklichen, immer ausständigen geschlachtet wird«.

Mit seiner Vorstellung einer »absoluten« Zukunft schütze das Christentum denjenigen Menschen vor den Ansprüchen der Gesellschaft,der keinen greifbaren Beitrag zur Annäherung an die innerweltliche Zukunft mehr leisten kann« - also, darf sinngemäß hinzugefügt werden, die Kranken, die Elenden und vielleicht auch die Gammler.

Luporini war freimütig genug, Rahners Sorge vor der marxistischen Zukunftsvision als einem Instrument der Gewalt für berechtigt zu halten: »Diese Gefahr ist in der Tat für uns Kommunisten ständig akut.« Und er gab schließlich zu, daß die russische Revolution ein solcher Gewaltakt war: Sie habe »die Arbeiterklasse in den westlichen Ländern einen ungeheuren Preis gekostet«.

Dann aber ging Luporini zum Gegenangriff über. Er fragte, ob nicht die Vorstellung einer »absoluten«, nichtkonkreten Zukunft dazu verführe, sich gegenüber »brennenden Fragen der Gesellschaft, etwa sozialen Problemen«, neutral zu verhalten.

Rahner mußte zugeben, daß die Christen im vorigen Jahrhundert den »geschichtlichen Augenblick« verpaßt hätten, »wo die menschliche Gesellschaft reflex und geplant organisiert werden kann, wo der Mensch also sein Schicksal gesellschaftlich aktiv planend In die Hand zu nehmen imstande ist«.

»Wir Christen«, bekannte Rahner schließlich, »spüren noch zu wenig inneres Entsetzen vor sozialer Ungerechtigkeit und Unterdrückung, zu wenig Verantwortung.«

Zwei konvergierende Tendenzen zeichneten sich am Ende ab:

- Luporini erklärte, daß der Kommunismus in Westeuropa »andere Modelle« - Gesellschaftsmodelle mit Spielraum für Nichtkommunisten - brauche.

- Rahner hingegen deutete an, daß das Christentum, indem es sich von dem traditionellen Staatschristentum entferne, zugleich auch mehr Verständnis für gesellschaftliche Veränderungen und deren Planung gewinnen müsse.

Roger Garaudy zum Schluß der Tagung: »Dann wird uns vielleicht bewußt, daß wir - vielleicht - von verschiedenen Seiten her - demselben Gipfel zustreben.«

* Erich Kellner: »Gespräche der Paulus-Gesellschaft - Christentum und Marxismus - Heute«. Europa Verlag, Wien/Frankfurt/Zürich; 350 Seiten; 25,80 Mark.

** Garaudy/Metz/Rahner: »Der Dialog oder: Ändert sich das Verhältnis zwischen Katholizismus und Marxismus?«. Rowohlt Verlag, Reinbek; 140 Seiten; 2,80 Mark.

*** Bosnjak / Dantine / Calvez / Fetscher: »Schriften zum Weitgespräch - Marxistisches und christliches Weltverständnis«. Herder Verlag, Freiburg; 172 Seiten; 18 Mark.

Heilige Therese von Avila

»Die wunderbare Konzeption...

Jesuit Rahner

... der christlichen Liebe ...

Kommunist Garaudy

.. ist für mich das höchste Bild«

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