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SHOWGESCHÄFT Geliebter Massenmörder

aus DER SPIEGEL 8/1997

Die Stimme auf dem Anrufbeantworter hatte Tuvia Tenenbom, 39, mit baldigem Ableben gedroht: »Wenn du dieses Stück auf die Bühne bringst, lebst du keine zwei Tage mehr.« Tenenbom ließ sich nicht einschüchtern, beantragte bei der New Yorker Polizei Schutz für seine Vorstellungen und ließ das Stück »Love Letters to Adolf Hitler« aufführen. Darin tragen sechs Schauspielerinnen »wunderschön geschriebene Liebesbriefe« (Tenenbom) deutscher Frauen an Adolf Hitler vor - das Berliner Ensemble hatte bereits 1994 aus den nach Kriegsende entdeckten amourösen Briefbekenntnissen eine Theaterproduktion gemacht. Eine »nicht zu leugnende Energie« attestierte der Rezensent der new york times Tenenboms Aufführung am Jewish Theater of New York, und der CNN-Star Larry King gab zu, »daß ich mich noch Tage später dabei erwische, über das Stück nachzudenken.« Doch genützt hat das Tenenbom wenig: Von den 1000 jüdischen Freunden seines Theaters, die in seinem Programmverteiler aufgeführt sind, seien »vielleicht 10« in die Vorstellung gekommen; der new yorker und das Stadtmagazin new york weigerten sich, das Stück in ihren Veranstaltungskalendern aufzuführen. Der Grund sei, so Tenenbom, »daß die Leute nicht ertragen können, daß man mit diesen Frauen mitfühlt, anstatt sie zu hassen, weil sie einen Massenmörder lieben«. Der in Israel aufgewachsene Theatermacher ist »überrascht, daß die amerikanischen Juden sich auch nach 50 Jahren noch weigern, die NS-Zeit aus einer anderen Perspektive zu betrachten« - denn aus seiner Sicht »war der Holocaust nicht allein eine deutsche Tragödie, sondern eine Tragödie der Menschheit«. Die Hälfte der 100 Sitze im Theater blieb leer, und nach Ablauf der im voraus gebuchten Zeit von zwei Monaten konnte das Ensemble nicht das Geld für den Umzug in ein anderes Haus aufbringen. Vergangene Woche wurde »Love Letters to Adolf Hitler« abgesetzt.

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