Margarete Stokowski

Anti-Rassismus-Aktionen Gemeinsam runter vom Sockel

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Wir sollten unsere rassistische Geschichte kennen und aus ihr lernen - darin sind sich die meisten einig. Aber warum meinen manche, dass gerade deshalb alles beim Alten und jede Kolonialstatue stehen bleiben sollte?
Kolumbus am Boden, St. Paul im US-Bundesstaat Minnesota, 10. Juni 2020

Kolumbus am Boden, St. Paul im US-Bundesstaat Minnesota, 10. Juni 2020

Foto: Chris Juhn/ dpa

Ist es okay, eine Statue ins Wasser zu werfen, wenn sie der Huldigung eines Rassisten dient? Herzlich willkommen zu einem "Pro und Contra" mit wenig Contra. Was spricht dagegen? Nicht viel. Höchstens ein gewisses Verletzungsrisiko der Beteiligten und Umstehenden und dann natürlich die Tatsache, dass fachgerechte Müllentsorgung theoretisch Sache der jeweiligen Stadt ist und man eigentlich keinen Schrott in Gewässer kippen sollte. Wenn aber die Stadt sich nicht kümmert - warum nicht selbst tätig werden?

Ist es nicht das, was immer gefordert wird: dass Bürgerinnen und Bürger ihre Stadt aktiv mitgestalten? Die Pro-Argumente liegen eigentlich recht klar auf der Hand: Jemand, der für Menschenhandel, Sklaverei, Unterdrückung, Ausbeutung, Mord verantwortlich war, sollte nicht mit einem Denkmal geehrt werden. Diesem absolut sinnvollen Gedanken sind in den USA und an anderen Orten der Welt viele Menschen gefolgt und haben Statuen von Verbrechern entsorgt.

In Bristol wurde ein Denkmal des Sklavenhändlers Edward Colston ins Hafenbecken geworfen, in Boston wurde eine Kolumbus-Figur geköpft, ein weiterer Kolumbus wurde in Minnesota demontiert , und in Virginia hat eine Kolumbus-Figur den Boden eines Sees entdeckt, wie es in der Überschrift eines Onlinemediums  hieß. An zahlreichen anderen Orten wurden Statuen entweder zerstört oder durch informative Schriftzüge ergänzt ("Churchill was a racist").

Natürlich gibt es kritische Stimmen, die sich gegen diese Umgestaltungsmaßnahmen aussprechen, oft allerdings mit auffällig schlechten Argumenten. Der wohl beliebteste Einwand unter Konservativen und sogenannten Liberalen lautet, dass man die Geschichte nicht ungeschehen machen könne, indem man Denkmäler entferne. In Frankreich hat Präsident Emmanuel Macron erklärt, er wolle Statuen aus der Kolonialzeit nicht beseitigen: "Die Republik wird keine Spur und keinen Namen ihrer Geschichte löschen." Wie sollte das auch gehen? Und: Das hat auch niemand gefordert. Hört der überhaupt zu? Peinlich.

Nichts verschwindet aus den Geschichtsbüchern

"Die Auslöschung aus dem öffentlichen Raum bedeutet nicht Vergessen", schrieb die Historikerin Hedwig Richter in einem SPIEGEL-Gastbeitrag. Und die Autorin Sibel Schick schrieb auf Twitter : "Wenn koloniale Statuen gestürzt werden, verschwinden Teile über Kolonialismus NICHT aus den Geschichtsbüchern" - als Reaktion auf einen Journalisten, der fand, "die Vergangenheit auszulöschen, riecht totalitär". Wahrscheinlich hortet er Dutzende vertrocknete Weihnachtsbäume in seinem Keller, weil er seine gefeierten Weihnachtsfeste nicht auslöschen möchte.

Es ist nicht nur allen Beteiligten klar, dass man Gewalt nicht rückgängig machen kann, es verbirgt sich in diesem Einwand gegen die Entfernung von Statuen außerdem oft ein ziemlich perfider Dreh: Als würde man die Statuen stehen lassen, gerade weil man sich der eigenen Geschichte und Verantwortung bewusst sei. Nun wird allerdings ein Denkmal nicht ohne Weiteres zu einem Mahnmal, nur weil irgendwer das behauptet. Wenn man ein Foto seines Partners auf dem Nachttisch stehen hat, weil man ihn liebt, sich dann trennt und später noch herausfindet, wie räudig dieser Partner war, lässt man dann das Foto stehen, um sich täglich daran zu erinnern, was für ein fieser Typ das war? Wer macht das? Niemand.

Bei den Statuen, die nun beschädigt oder entfernt werden, geht es nun aber nicht nur um ein paar schlechte Erinnerungen einzelner, sondern um systematische Gewalt gegen Gruppen von Menschen, deren Nachkommen heute noch unter Rassismus zu leiden haben und mit jedem Blick auf diese Denkmäler daran erinnert werden, dass die Aufarbeitung der Vergangenheit nur mittelmäßig oder gar nicht läuft. Man könnte Denkmäler auch durch Gegendenkmäler und Schilder ergänzen, klar, kann man diskutieren, aber Wegräumen ist kostengünstiger.

Wozu haben wir denn alle "Magic Cleaning"  gelesen? Die zentralen Fragen in dem Aufräum-Bestseller lauten bei allen Gegenständen, die man aufräumen will: "Do I need it?" und "Does it spark joy?" Brauche ich es, und macht es mich glücklich? Kann man sich natürlich auch als Gesellschaft fragen. Braucht man diese Statuen, und machen sie irgendwen glücklich? Offensichtlich machen sie sehr viele Menschen nicht glücklich, im Gegenteil, sie verleihen ihnen das berechtigte Gefühl, dass ihre Sorgen nicht gehört werden.

Wo soll das denn aufhören?

Nun gibt es Menschen, die sagen, Moment mal, wenn man Statuen wegschmeißt , dann müsste man doch auch noch sehr viel anderes ändern, wo soll das denn aufhören? Sehr gute Frage. Man müsste auch sehr viel anderes ändern. Straßennamen, die zur Ehre von Verbrechern vergeben wurden, oder solche, die diskriminierende Begriffe enthalten. In Berlin gibt es seit langer Zeit immer wieder Initiativen, die fordern, endlich die Mohrenstraße umzubenennen , ähnliche Debatten gibt es über Straßen und Plätze, die nach Hindenburg benannt sind oder diversen Offizieren und Kolonialverbrechern, es gibt Streit über Denkmäler für Soldaten, Namen von Schulen und Hochschulen.

"Seit Wochen wird in zahlreichen Kommunen und Universitäten diskutiert, ob Denkmäler, die an Kolonialisten, Rassisten, Sklavenhändler oder Sklavenhalter erinnern, im Rahmen einer nationalen Debatte bewahrt und neu bewertet werden", schrieb die Süddeutsche Zeitung . Das stimmt so allerdings nicht: Es wird seit Jahrzehnten diskutiert, aber ohne hinreichende Wirkung, also muss man allein schon deswegen den DIY-Protestierenden dankbar sein, dass sie die Diskussion handwerklich weitergebracht haben.

Manchmal wird der Einwand geäußert, dass Umbenennungen oder das Entfernen von Denkmälern ja lediglich symbolisch seien und das allein nichts bringe. Aber keine einzige Antirassistin auf der Welt fordert einzig und allein symbolische Änderungen, genau wie auch der Feminismus keiner einzigen Person auf der Welt darin besteht, ein Gendersternchen zu setzen.

Und: Auch sprachliche Änderungen machen einen realen Unterschied. Es wird zurzeit auch wieder diskutiert, ob man endlich den Begriff "Rasse" aus dem Grundgesetz streichen sollte. Dort steht: "Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse (...) benachteiligt oder bevorzugt werden." Natürlich sollte man das ändern, denn es gibt keine unterschiedlichen Menschenrassen. Damit wäre die Verfolgung rassistischer Diskriminierung nicht unmöglich, wie einige meinen, denn man könnte im selben Zug einfügen: "Niemand darf aus rassistischen Gründen benachteiligt werden." Damit könnte Deutschland zeigen, dass es zwar das eine oder andere Jahrzehnt gebraucht hat, um den wissenschaftlichen Konsens anzuerkennen, dass es keine Menschenrassen gibt, aber besser spät als nie.

Die Älteren werden sich erinnern, dass es rege Diskussionen gab, als "Fridays for Future" zur weltweiten Bewegung wurde, und Schülerinnen und Schüler dem Unterricht fernblieben, um zu demonstrieren. Das sei nicht okay, fanden manche, die Kinder müssten doch lernen. Nun sind aber auffällig viele dieser Leute dafür, ausgerechnet im Namen der Kultur auf gesellschaftliche Lernprozesse zu verzichten.

All das Streichen, Umstürzen, Umschreiben hat natürlich zur Folge, dass Linken vorgeworfen wird, sie würden Kultur "auslöschen" wollen und "Säuberungen" durchführen, sie seien die eigentlichen Faschisten. Es ist dasselbe wie in den Debatten über Kinderbücher, die rassistische Begriffe enthalten: Jedes Mal wird Linken vorgeworfen, sie wollen diese Bücher am liebsten verbrennen. Nur sagt dieser Vorwurf leider weniger etwas über die Leute, die gegen Rassismus kämpfen, aber sehr viel über die, die sich Änderungen an Kulturgütern immer nur faschistisch vorstellen können. Rassistische Denkmäler zu entfernen, Texte umzuschreiben, Straßen und Gebäude umzubenennen, bedeutet nicht, Geschichte auszulöschen, sondern ist genau dieses lebenslange Lernen, das doch immer gefordert wird und mit Sudoku-Training allein nicht zu bewerkstelligen ist.

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