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Theater Gemetzel bei Etzel

aus DER SPIEGEL 21/1995

Frank Castorf, unbestritten der umstrittenste Theatermacher des Landes, hat sein Drama gefunden. An der Berliner Volksbühne inszeniert er derzeit Hebbels »Nibelungen« als deutsches Endspiel. Premiere ist am kommenden Samstag. Die blutrünstige Geschichte wird - überraschend für einen echten Castorf - mit einem hohen Anteil an Hebbelschem Originalton bis zum bitteren Ende erzählt. Das Machtwort des Hausherrn: »Deutsches Versmaß setzt sich durch!« Strapaziöse Werktreue müssen die nibelungentreuen Volksbühnenfans dennoch nicht befürchten. Den »ungeheuren Bastard«, diese verschlungene Trilogie, meistert Castorf als vierstündige Tour de force durch deutsche Geschichte: Kaum dem Führerbunker entronnen, läuft die Nibelungenschar (Probentitel: Schwachsinnskommune) mit Einkaufstüten als Lendenschurz im wilden Osten für deutsche Wertarbeit Reklame. Der Hunne lacht und haut sie trotzdem nieder. Die Ausfahrt der Spätburgunder mündet im multikulturellen 21. Jahrhundert, in dem man sich auf einen Kampf aller gegen alle gefaßt machen muß. Daß nach dem Ende des Klassenkampfes die zerstörerische Energie blind wütet, bildet den geschichtspessimistischen Horizont der Inszenierung. Oliver Stones »Natural Born Killers« liefern den Soundtrack. Mit dem Entsetzen treibt das Ensemble pointierte Scherze: Der Kalauer wird als höchste Stufe der Selbstironie begriffen. Schließlich sei - so Castorf - »die Übernahme der Volksbühne durch die russisch-mongolische Mafia sowieso nicht mehr zu verhindern«.

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