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FERNSEHEN / Telemann GEMISCHTES DOPPEL

aus DER SPIEGEL 19/1961

Kontrast« kommt aus dem Lateinischen und heißt »auffälliger Unterschied« oder »Gegensatz«.

»Programm« kommt aus dem Griechischen und heißt »öffentlicher Anschlag« oder »Vortragsfolge«.

Beides zusammen kommt aus den Gehirnen deutscher TV-Führungskräfte und wird, laut Ministerpräsidentenbeschluß, bis übers Jahr unsere Heimempfänger erleuchten. Soweit herrscht einige Gewißheit.

Damit aber auch Klarheit herrsche, machte Telemann einen repräsentativen Querschnitt durch die Fernseh-Oberleitung und richtete an sechs Amtsherren die Meuchelfrage: »Was verstehen Sie unter einem Kontrastprogramm?«

Pfeilgeschwind kamen die Antworten.

Werner Hess, Fernseh-Programmdirektor des Hessischen Rundfunks: »Bei einem Massenmedium, das 15 Millionen Menschen versorgt, gibt es immer 7,5 Millionen, die mit dem Gebotenen unzufrieden sind. Wir wollen versuchen, diesen Unzufriedenen einen echten. Kontrast zu dem zu bieten, was im Ersten Programm gezeigt wird. Also etwa: Kurt-Wessel-Gespräch - Spielfilm, oder: schweres Fernsehspiel - Peter Frankenfeld.«

Dr. Hans Bausch, Intendant des Süddeutschen Rundfunks, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten: »Ich werde mich hüten, Ihnen etwas zu sagen. Dazu sind im Augenblick meine Erfahrungen mit Ihnen zu schlecht.« (Betrifft SPIEGEL 17/1961, Seite 95.)

Robert E. Lembke, Stellvertretender Fernseh-Koordinator: »Unter einem Kontrastprogramm verstehe ich nicht ein Programm, das von der Form des Ersten, abweicht, sondern eins, das einen anderen Zuschauerkreis anspricht. Nicht die Rubriken sollen kontrastieren, sondern die Inhalte. Sonst werden diejenigen, die beide sehen möchten, hin und her gerissen. Ich könnte mir sogar vorstellen, daß zwei Fernsehspiele einen Kontrast bilden. Zum Beispiel Millowitsch - 'Nashörner'.«

Walter Steigner, Intendant des Senders Freies Berlin: »Ein Kontrastprogramm nimmt Rücksicht auf die Bedürfnisse der Zuschauer. Wer leichte Kost haben will, bekommt etwas Leichtes, wer anspruchsvoll ist, etwas Anspruchsvolles.«

Dr. Hans Arnold Programmdirektor des Norddeutschen Rundfunks: »Ich bin der Meinung, daß man nicht jede Viertelstunde kontrastieren lassen sollte, sondern nur die Tage. Das heißt, wenn der Donnerstag im Ersten Programm für den Spielfilm reserviert ist, sollte man auf dem anderen Kanal ein unterhaltsames Nummernprogramm zeigen. Nicht in Gegensatz stellen sollte man zwei Sparten, die in puncto Beliebtheit obenan stehen, und auf keinen Fall dürfen zwei Spaßmacher miteinander konkurrieren.«

Christian Wallenreiter, Intendant des Bayrischen Rundfunks: »Unter einem Kontrastprogramm verstehe ich: Abwechslung.«

So gibt es denn, sondert man die demoskopische Spreu vom Weizen, zwei Meinungsgruppen.

Die eine stützt sich lässig auf ihre guten Erfahrungen mit dem UKW - Hörfunk und möchte das Gesamtprogramm auf zwei Platten angerichtet sehen: Hie Wort, hie Musik. Oder: Hie Spaß, hie Ernst. Wobei sie außer acht läßt, daß das weltumspannende Radio auch ohne UKW-Zusatz schon recht abwechslungsreich war.

Die andere Gruppe will, daß die Kontrastbildner, bevor sie über das Sendeprodukt disponieren, zuerst die Abnehmerschaft teilen. Etwa in Anspruchsvolle und Leichtkostgänger, Musikalische und Unmusikalische, Humorlose und Witzbegabte, Schöngeister und Banausen... hier sind der Funkbeamtenphantasie keine Grenzen gesetzt. Und weil es ja nicht zwei gleich große Zuschauer-Teile sein müssen, die doppelzüngig angesprochen werden, wäre man obendrein um eine Ausrede reicher. Denn was immer ein Sender an Sonderbarem hervorbringen mag - es wird allzeit ein Häuflein Käuze und Masochisten geben, das dergleichen herunterwürgt und auf dessen Dankbarkeit die Intendanz rechnen kann.

Nun will es aber das Fatum, daß auch der Abonnent Unterscheidungen trifft. Und zwar unterscheidet er zwischen Sendungen, die ihn erfreuen und solchen, die ihm Ärger bereiten. Im letzten Fall möchte der Opernfreund von »La Boheme« zum Bericht über Indonesien, und der Quiz-Liebhaber von Frankenfelds Fiasko zu Schillers »Fiesco« überwechseln können, ohne sich abermals erbosen zu müssen.

Von dieser Art Gegensatz freilich war bei allen Diskussionen schon darum nie die Rede, weil unser Fernsehen die Früchte seines Fleißes allenfalls thematisch, nicht aber qualitativ für umstreitbar hält.

Doch selbst wenn jählings Demut einzöge in die Herzen der TV-Lenker, oder wenn es möglich wäre, die Sendezeiten beider Netze aufeinander abzustimmen - ein »Kontrastprogramm«, wie es sich der Zuschauer vorstellt, läßt sich auf dieser unzulänglichen Welt weder herbeidiskutieren noch planen.

Deshalb sollte man die liebgewordene Sprachschöpfung schleunigst im Aktenschrank unter der Rubrik »Kuriositäten« verstecken und allen Wetteifer darauf richten, uns auf jedem Kanal so gut und so abwechslungsreich wie möglich zu bedienen. Ohne auf die Kontrast-Farb-Skala zu schielen. Damit wir, die wir uns nur ungern in Geschmacks-Pferche scheuchen lassen, das Erste und das Zweite Programm für eine »Vortragsfolge«, nicht aber für einen »öffentlichen Anschlag« halten.

Merke: »Wer fühlt, daß er als Satz nichts gelten kann, der will als Gegensatz sich wichtig machen« (Ernst Raupach, »Die Hohenstaufen").

telemann
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