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Gen-Technik: Die Götter unter sich

Nach mehrjähriger Arbeit legte die Enquete-Kommission des Bundestages » Chancen und Risiken der Gentechnologie ihren Bericht vor. Den Weg zum Homunculus, zum erbmanipulierten Meschen, wollen die Politiker versperren. Doch die verbleibenden Spielräume für die Gen-Techniker sind gefährlich genug. *
aus DER SPIEGEL 5/1987

Professor Ernst-Ludwig Winnacker weiß mit der Öffentlichkeit umzugehen. Als der Chef des Münchner Gen-Zentrums Ende vorletzter Woche in Bonn mal wieder über die Verheißungen des kommenden gentechnischen Zeitalters referierte, lieferte er die medienwirksame Zauberformel gleich mit.

Der achte Tag der Schöpfungsgeschichte«, so überschrieb Winnacker einen von ihm verfaßten Bericht über »Protein-Design«, die Konstruktion künstlicher Eiweißstoffe. Der Professor berichtete von einem Experiment, in dem es einem seiner Mitarbeiter gelungen war, der Erbsubstanz von Bakterien ein neues Gen einzupflanzen, das in der Natur ohne Vorbild ist. Das neue Gen, so Winnacker, lasse die Bakterien nun ein Protein produzieren, das sich mit dem Insektengift DDT verbinde. Der erste Schritt auf dem Weg zu DDTfressenden Bakterien, die es bisher noch nicht gebe, sei damit getan.

Der schöpferische Akt, so versichern allerdings andere Gen-Experten, werde kaum praktische Folgen haben: Die Bindung zwischen dem Gift und dem neukonstruierten Eiweiß ist nur sehr schwach. Längst fand man natürliche Bakterien, die fähig sind, Gifte von der Klasse der chlorierten Kohlenwasserstoffe nicht nur zu binden sondern auch zu zerlegen. Überdies ist das Kunst-Protein nicht in Winnackers Institut, sondern an der Universität Zürich entwickelt worden. Das Münchner Gen-Zentrum hat lediglich, vor knapp zwei Jahren, das zugehörige Befehlsgen geliefert, eine Arbeit, die damals noch drei Monate in Anspruch nahm und inzwischen sogar nur noch eine Woche dauert.

Statt um den »sensationellen Forschungserfolg« ("Süddeutsche Zeitung") ging es wohl mehr um eine Erfolgsmeldung an sich. Denn es gilt, gute Stimmung für die »synthetische Biologie« (Winnacker) zu machen - für all jene Versuche, gezielt in das Erbgut und die biochemischen Steuersysteme von Pflanze, Tier und Mensch einzugreifen. Dem möglichen Nutzen für die Menschheit steht dabei ein bisher noch kaum kalkulierbares ökologisches und soziales Risiko gegenüber.

Nicht eben beruhigend liest sich deshalb der über 400 Seiten starke Bericht, den die Enquete-Kommission des Bundestages über die »Chancen und Risiken« der Gentechnologie am Montag letzter Woche bei Bundestagspräsident Jenninger ablieferte und auf die Tagesordnung des neuen Bundestages setzen ließ.

Das in zweieinhalb Jahren, in insgesamt 55 Sitzungen und 18 Anhörungen entstandene Werk soll »der Normalisierung unseres Umgangs mit der Gentechnik« dienen, wie der Ausschußvorsitzende Wolf-Michael Catenhusen (SPD) betonte. Einig waren sich alle Ausschußmitglieder, daß Eingriffe in das Erbgut von menschlichen Keimzellen und Embryonen so bald wie möglich unter Strafe gestellt werden sollen - die Debatte über den Homunculus, den Menschen aus der Retorte, soll vom Tisch. Auch der Angst die Industrie könnte ihre Arbeitnehmer künftig nach der Güte ihrer Gene wählen, möchte die Kommission

mit Gesetzeskraft begegnen. Genetische Reihenuntersuchungen, so die Enquete, sollen verboten werden.

Doch mit diesen beiden Beschränkungen sind die Risiken der Gen-Technik nicht in den Griff zu bekommen. Was die Gen-Ingenieure, wie in der Bonner Enquete ausführlich beschrieben, schon jetzt tun oder vorhaben und wie die Ergebnisse ihrer Forschung von Chemie- und Pharmafirmen genutzt werden - das alles birgt mehr Gefahren, als die Parlamentarier in ihren abschließenden Wertungen und Empfehlungen zugeben wollen.

So nähren die Pflanzengenetiker zwar den Traum vom Superweizen, der sich selbst seinen Stickstoff aus der Luft holt, also nicht mehr gedüngt werden muß und auch bei Trockenheit oder Kälte noch hohe Erträge bringt. Doch solche Wunderpflanzen wird es auf absehbare Zeit nicht geben.

Statt dessen nutzten die Forscher-Teams aller großen Chemiekonzerne die »Geheimschrift des Lebens« (Hoechst), um Nahrungspflanzen zu entwickeln, die sich mit den breit wirkenden Unkrautgiften der Chemiefirmen vertragen: Alles stirbt, nur Kartoffeln aus dem Hause Hoechst sollen überleben. Die Artenarmut auf den Äckern könnte auf diese Weise unwiderruflich werden. Die Bonner Gen-Runde hofft allerdings auf Unkrautvertilger, die vielleicht schneller abbaubar und deshalb ein bißchen weniger giftig sind als die bisher verwendeten.

Bedenklich stimmen muß auch, daß die »Gentechnik wirtschaftliche Konzentrationsprozesse in der Saatgutbranche fördern« könnte, wie die Enquete-Kommission feststellte. Der weltweite Ausverkauf der Saatzuchtunternehmen an zwei Dutzend Chemieriesen steigert noch die Abhängigkeit der Welternährung von der Großchemie. Dagegen möchte die Kommission nur die verstärkte Förderung mittelständischer Saatzüchter setzen, die milliardenschweren Konzerne sollen sich jedoch weiterhin direkt und indirekt aus dem Topf staatlicher Forschungsgelder bedienen dürfen.

Bisher kaum abbaubare Gifte und Insektenplagen wollen die Gen-Ingenieure eines Tages mit eigens konstruierten Bakterien und Viren bekämpfen. Doch um die möglichen Risiken mochten die Natur-Konstrukteure sich bisher nicht kümmern: Giftige Abbauprodukte, Verdrängung anderer, dringend notwendiger Bakterienstämme oder die Ausrottung nützlicher Insektenarten könnten _(Im Kölner Max-Planck-Institut für ) _(Züchtungs forschung. )

die Folge des Einsatzes von Reißbrett-Bakterien sein.

Fraglich ist, ob sich derartige Risiken jemals zuverlässig genug vorausberechnen lassen - doch Catenhusen und seine Kommission wollen »die Forschung nicht bremsen«. Die Parlamentarier hoffen, die nötige Sicherheitsforschung könnte in fünf Jahren nachgeholt werden. Bis dahin soll die Freisetzung gentechnisch manipulierter Viren oder Bakterien noch verboten bleiben.

Ausnahmen wollen die Enquete-Verfasser ausgerechnet dort zulassen, wo selbst die fortschrittsgläubigen Amerikaner noch zweifeln. »Deletionsmutanten«, Bakterien, denen jeweils ein Gen künstlich entfernt wurde, sollen behandelt werden wie natürliche, allein durch Züchtung entstandene Organismen. Daß damit kein Risiko verbunden ist, glauben nicht einmal die US-amerikanischen Umwelt- und Landwirtschaftsbehörden.

Erhebliche Unsicherheiten bestehen auch über die Gefahren sogenannter Retroviren, mit denen in zahlreichen Gen-Forschungslabors hantiert wird. Retroviren sind ideale Werkzeuge, um fremde Gene in tierische oder menschliche Zellen einzuschleusen. Doch niemand kann ausschließen, daß die meist harmlosen Viren eines Tages doch zu aggressiven Krankheitserregern für Tier oder Mensch werden könnten, wenn ihre Erbsubstanz im Labor verändert wird. Immerhin zählt auch das Aids-Virus zu dieser Lebensform, seine Entstehungsgeschichte liegt im dunkeln.

Gleiches gilt für die sogenannten Onkogene, den wichtigsten Forschungsgegenstand von Biochemikern und Medizinern, die sich mit dem Entstehungsmechanismus des Krebses in der Zelle befassen. Der Umgang mit Onkogenen gefährdet möglicherweise Wissenschaftler und Laborpersonal. Doch zu umfassenden Warnungen konnten sich die Mitglieder der Kommission nicht durchringen. Wohl empfehlen sie die längst überfällige gesetzliche Verankerung der Sicherheitsrichtlinien für Bio-Labors. Aber zur Klärung der offenen Sicherheitsfragen verweisen sie auf die »Zentrale Kommission für die Biologische Sicherheit« beim Bundesgesundheitsamt. Die dort versammelten Experten sahen bisher schon keine Notwendigkeit einzugreifen, warum sollten sie es in Zukunft anders halten?

Auf der Hand liegt auch, in welchem Maße sich die Gen-Technik nutzen ließe um neue, furchterregende biologische Waffen zu entwickeln. Offiziell wollen die Gen-Bastler mit diesen Früchten ihrer Wissenschaft nichts zu tun haben: Militärische Gen-Forschung soll nach dem Willen der Kommission verboten bleiben.

Doch die militärische Logik, man müsse sich auf entsprechende Bestrebungen des Gegners vorbereiten, hat sich wieder durchgesetzt. Projekte der »Wehrmedizin«, zum Beispiel die Entwicklung von Impfstoffen gegen mögliche B-Waffen, gesteht der Bericht dem Bundesverteidigungsministerium deshalb zu, nur öffentlich »transparent« sollen sie sein.

Wie ein roter Faden zieht sich die Erkenntnis durch den Bericht, daß »die Gentechnologie häufig schon bestehende gesellschaftliche Trends fortführt, verstärkt«, wie Catenhusen im Vorwort schreibt. Schafft also der ganze Bio-Boom nur eine neue Welle technokratischer Scheinlösungen? Müßte nicht, statt sich der riskanten Eingriffe in die Evolution zu bedienen, nach sozialen und politischen Lösungen für Probleme wie Hunger und Krankheit, Armut und Umweltzerstörung gesucht werden?

Diese Fragen klammerten die Mehrheit der neun Abgeordneten und die acht Wissenschaftler der Enquete-Kommission aus ihrer Fleißarbeit aus. Aus

»Gründen der Arbeitsökonomie«, heißt es, hätten »unterschiedliche Modelle und Entwicklungswege der künftigen Industrie- und Wirtschaftsstruktur« nicht behandelt werden können.

Entsprechend hart fiel die Kritik von Heidemarie Dann aus, der einzigen Grünen-Abgeordneten des Gremiums. »Die Mehrheit der Kommission«, klagt die Grüne in ihrem Sondervotum, habe eine vom Ergebnis her offene Debatte« eher verhindert als unterstützt. Um die »Chance der Konsensbildung« (Catenhusen) nicht zu schmälern, hielt die Kommission auch die Öffentlichkeit zumeist ausgesperrt.

Doch der Konsens mit den forschungseuphorischen Abgesandten der Wissenschaft und der Chemie-Industrie, verkörpert durch den Münchner Gen-Forscher Winnacker und den BASF-Mann Hans-Jürgen Quadbeck-Seeger, muß auch dem SPD-Mann Catenhusen und seinen Fraktionskollegen nicht ganz geheuer vorgekommen sein.

Allzu schnell geht für die Oppositionellen die unmittelbare Verknüpfung der Grundlagenforschung mit den Verwertungsinteressen der Industrie vonstatten, deutlich sichtbar in den mittlerweile sechs bundesdeutschen Gen-Zentren, an deren Kosten sich Konzerne wie BASF oder Bayer, Schering oder Merck beteiligen und die den Großfirmen als Forscher-Reservoirs dienen.

In einem Zusatzvotum fordern die SPD-Politiker der Kommission, ein »Forschungsförderungsgesetz« möge besorgen, was die Kommission selbst zwei Jahre lang gar nicht anstrebte: die öffentliche Kontrolle der Forschungsziele und die »Schaffung gesellschaftlicher Dialogmöglichkeiten über Maßnahmen einer sozialverträglichen Technik-Entwicklung«.

Möglichst überall und zumindest in einer unabhängigen, aber staatlich finanzierten »Arbeitsgemeinschaft für gentechnische Fragen«, fordert das SPD-Votum, solle in Zukunft über Ziele und Wege der menschengemachten Evolution debattiert werden. All das, schreiben die vorsichtig gewordenen Sozis, sei nötig, weil sonst »die Chance«, die neue Technologie »gestaltungsfähig« zu machen womöglich »verspielt« werde. Gut möglich, daß dies in den zweieinhalb Kommissionsjahren schon geschehen ist.

Von »allzu umfassenden Regelungen« und »schwerfälligen Entscheidungsabläufen« wollen jedenfalls Winnacker und die von ihm angeführten Abgeordneten der Christenunion in der Kommission nichts wissen. »Die Bundesrepublik«, drohen sie in ihrem der Enquete angefügten Votum, werde dann »in die Rolle eines Zuschauers versetzt«, der keinen Einfluß mehr auf die Entwicklung an der Gen-Front habe.

Beim »achten Tag der Schöpfungsgeschichte« möchten die neuen Götter unter sich bleiben und sich vom dummen Volk nicht reinreden lassen.

Im Kölner Max-Planck-Institut für Züchtungs forschung.

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