Margarete Stokowski

Gendergerechte Sprache Auch durch Astronautinnen ändert sich nicht alles

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Der Duden wird jetzt »geschlechtersensibel überarbeitet« – die Reaktionen darauf zeigen: Viele haben keinen Bock auf Gendersternchen und Co. Wenn sie es wenigstens offen zugeben würden.
US-amerikanische Astronautin Sally Ride 1983: Habt ihr keine anderen Probleme?

US-amerikanische Astronautin Sally Ride 1983: Habt ihr keine anderen Probleme?

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Gado / Smith Collection / Getty Images

Wie lange werden wir dieses Spiel noch spielen? Das Spiel geht so: Irgendeine Institution entscheidet sich für eine geschlechtergerechtere Sprache als zuvor. Konservative Männer erklären, warum dies ein sinnloses Einknicken vor dem feministischen Mob ist, gegen die Regeln der heiligen deutschen Sprache, gegen das Grundgesetz oder einfach nur gegen ihr ästhetisches Empfinden. Sie erklären es auf Zeitungsseiten oder in offenen Briefen, sie jammern das Internet voll. Warum? Statt einfach zu sagen, was ehrlicher wäre: dass es sie nervt.

Sagt doch einfach, dass es euch nervt, »zu gendern«, wie man umgangssprachlich sagt, was aber natürlich nicht ganz richtig ist, denn auch Texte, in denen für alle Personengruppen die männliche Form benutzt wird, sind »gegendert«, nur halt: männlich. Sagt doch einfach, dass es euch nervt, Frauen extra zu erwähnen, einen Unterstrich oder ein Sternchen zu benutzen oder eine andere der inklusiven, nichtbinären Varianten. Wozu all diese Fantasie-Argumente, wenn es eigentlich um eine Sache geht: dass manche Leute es anstrengend finden, ihre Sprache umzustellen, und andere Prioritäten haben?

Es wär vielleicht nicht cool und nicht progressiv, aber doch immerhin nachvollziehbarer und menschlicher, als sich mit notdürftig zusammengekasperten Gründen peinlich zu machen.

Ein beliebter Einwand gegen geschlechtergerechte Sprache lautet: Habt ihr keine anderen Probleme? Durch feministische Sprache würde sich ja nun wirklich nichts ändern, während gleichzeitig in anderen Ländern Frauen nicht mal Auto fahren dürfen und so weiter. Das sind im Grunde zwei Einwände: Es gibt Wichtigeres, und es hat keine Auswirkungen. Das Ding ist: Natürlich gibt es Wichtigeres, deswegen ist es so albern, darüber jedes Mal neu mit gekränkten Boomern zu diskutieren.

Niemand glaubt, dass sich durch gerechtere Sprache alles ändert. Aber auch durch Frauenquoten, kostenlose Tampons auf öffentlichen Toiletten oder Interviews mit Astronautinnen ändert sich nicht »alles«. Es wurde millionenfach erklärt, warum es richtig und notwendig ist, geschlechtergerechte Sprache zu verwenden, unter anderem weil man aus Studien weiß, dass Menschen sich unter der männlichen Form einer Gruppenbezeichnung eben nicht alle Geschlechter vorstellen .

In den meisten Fällen kostet diese Änderung nichts, außer vielleicht eine Viertelsekunde Zeit beim Sprechen oder ein paar Satzzeichen beim Schreiben. Es gibt ja genug Leute, die es einfach machen, und sie schaffen es trotzdem, sich auch noch um andere Dinge zu kümmern.

Das muss man lernen, klar. So sagte etwa ARD-Chef Tom Buhrow im Interview , wenn Moderatorinnen wie Anne Will von »Politiker_innen« sprechen, dann wirke das auf ihn »künstlich«, es sei ja bisher »nicht in den Alltagsgebrauch übergegangen«. Da sei es wie mit Kleidung: »Alles, was irgendwie ablenkt, führt dazu, dass man sich nicht mehr auf das Thema konzentriert.« Das ist schon auch niedlich, aber wirklich auch albern, wenn ein gestandener Journalist mit Führungsposition sagt, dass er sich wegen geschlechtergerechter Sprache nicht mehr aufs Thema konzentrieren könne.

Ähnliches gilt für den Einwand, »gegenderte« Texte seien »unlesbar«, gerne vorgebracht von Menschen, die diverse Fremdsprachen sprechen und auch sonst intellektuell eigentlich gut mitkommen. Oft wird dieser Einwand dann noch mit Ästhetik begründet – es sähe einfach hässlich aus, ein Gendersternchen zu benutzen – und unter dem Schlagwort »Gendergaga« vorgebracht, aber, ganz ehrlich: Wer »Gendergaga« sagt, hat sich in sprachästhetischer Hinsicht doch eh völlig aufgegeben.

Widerstand aus den Sprachwissenschaften

Aber zurück zur Alltagstauglichkeit: Es ist ein beliebter Einwand, dass »in Wirklichkeit« doch niemand so redet und/oder geschlechtergerechte Sprache ein Elitenprojekt von ganz oben sei. (Zitat: »Sprachlenkung ist Gehirnwäsche« , Sabine Mertens, Verein Deutsche Sprache.) Von unseren Gebühren, im Öffentlich-Rechtlichen!  Es sei nicht alltagstauglich, etwa den Unterstrich oder das Gendersternchen mitzusprechen, indem man eine kurze Pause macht vor dem »innen«. Allein: sehr viele Leute reden jetzt schon so, gerade junge Menschen. Auch nicht übermäßig progressive Leute benutzen oft einfach die weibliche und männliche Form, sagen also zum Beispiel »Lehrerinnen und Lehrer«, und das ist zwar immer noch binär, also zwei und nicht mehr Geschlechter ansprechend, aber: Für den Anfang reicht es und ist nicht so schwer.  

Auch das Argument, dass die ganze Unterstrich- und Sternchensache ja nur fürs Schriftliche gedacht sei und mündlich nicht funktioniere, haut nicht hin, denn erstens gibt es eben die Möglichkeit, eine kurze Pause zu sprechen (Stichwort »Glottisschlag«, klingt komplizierter als es ist, es klingt dann einfach wie »Lehrer innen«). Und zweitens: Selbst wenn es nur schriftlich üblich wäre, wäre das kein Gegenargument, denn auch Dinge wie »Mit freundlichen Grüßen...« oder das Semikolon finden in der gesprochenen Sprache nicht statt und niemand will sie abschaffen.

Ein weiterer Einwand: Gendergerechte Formen seien unlogisch, etwa wenn man »Studierende« statt »Studentinnen und Studenten« sagt. Die würden ja gar nicht immer studieren, sondern auch andere Dinge tun, folglich sei es unsinnig, sie immer als »studierend« zu bezeichnen. Aber: So reden wir auch sonst. Wenn wir von »stillenden Müttern« sprechen, die ein Medikament nicht nehmen sollen, dann meinen wir nicht: Beim Stillen sollen sie nicht gleichzeitig diese Tablette schlucken, sondern auch vorher und nachher nicht. Man versteht es schon.

Überhaupt, Logik: Schwierig. Frauen seien bei männlichen Formen wie »Bürger« mitgemeint, argumentieren Gegner geschlechtergerechter Sprache oft. Als dann aber kürzlich das Justizministerium einen Gesetzentwurf komplett in der weiblichen Begriffsform formulierte , sodass Männer »mitgemeint« waren, war der Ärger groß : Der Text sei »höchstwahrscheinlich verfassungswidrig«, hieß es aus dem Innenministerium. Wenn Frauen so empfindlich wären wie die Gegner dieses Textes, wären sie nur noch am Anzeigen und Klagen.

Auch aus den Sprachwissenschaften kommt immer mal Widerstand, so zuletzt auch in der »FAZ«. Anlass war die Meldung, dass nun auch der Duden – ja ist denn nichts mehr heilig? – »geschlechtersensibel überarbeitet« werden soll: »Alle rund 12.000 Personen- und Berufsbezeichnungen sollten in der Weise geändert werden, dass es künftig statt eines Wortartikels zwei gibt, einen für die männliche und einen für die weibliche Form«, berichtet der Deutschlandfunk . So werde in Zukunft ein Mieter beschrieben als »männliche Person, die etwas gemietet hat«.

In der »FAZ« schrieb der emeritierte Linguistikprofessor Peter Eisenberg: »Jetzt knickt auch noch der Duden ein.«  Hauptsächlich argumentiert Eisenberg aber gegen den Genderstern, den zu schreiben oder zu sprechen er falsch findet, den er aber noch nicht einmal verstanden hat. So schreibt er: »Der Genderstern wird in Wortformen eingefügt oder ihnen angehängt, um zu zeigen, dass sie sämtliche möglichen Geschlechter einbeziehen, auch sexuelle Orientierungen wie lesbisch, trans, queer, bi, schwul, inter, divers und andere.«

Das ist schlicht falsch. Der Genderstern hat nichts mit sexueller Orientierung zu tun, Sie erfahren aus einem Wort wie »Leser*innen« nicht, ob es sich um Lesben handelt. Auch sind »inter« und »divers« keine sexuellen Orientierungen, sondern Beschreibungen der geschlechtlichen Identität jenseits von männlich und weiblich. Wie ernst kann man jemanden nehmen, der der Gegenseite so wenig zuhört?

Man muss es nicht perfekt machen

Eisenberg argumentierte, wer geschlechtergerechte Sprache verwende, kenne sich nicht gut genug mit Sprache aus: »Die Anhänger des sprachlichen Genderns wollen uns Vorschriften machen, kennen aber die Sprachgeschichte nicht.« Er ging in seiner Argumentation bis in die Antike zurück, aber es geht beim geschlechtergerechten Schreiben und Sprechen gar nicht darum, die Regeln und Gebräuche seit der Antike zu kennen, sondern darum, neue Formen auszuprobieren.

Es ist am Ende ziemlich egal, ob man sich für den Unterstrich oder den Stern oder Doppelpunkt oder was auch immer entscheidet. Man muss es auch nicht immer perfekt machen. Ich mache es auch nicht immer richtig. Ich sage zum Beispiel manchmal »Freunde von mir« obwohl es eine Frau und ein Mann sind. Oder so was wie: »Wenn man mit Horst redet, hört der einem überhaupt nicht zu.« Warum »einem«? »Einer« wäre in meinem Fall richtiger, klingt in meinen Ohren aber merkwürdig. Vielleicht in zehn Jahren nicht mehr, wer weiß.

Ich finde es auch albern, wenn man »Gäste und Gästinnen« schreibt. Aber wer es so machen will: nur zu. Es geht darum, sich Mühe zu geben, gerecht zu sein. Wenn man sich diese Mühe nicht machen will, dann soll man es eben lassen, aber dann sollte man auch einfach zugeben, dass man keinen Bock hat. Dann wird es auch nicht so peinlich, wenn man irgendwann dann doch mal die Energie aufbringt, es zu ändern.

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