Samira El Ouassil

Anti-Gender-Vorstoß von Christoph Ploß Natürlich geht es auch um Ideale

Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
Ein CDU-Mann will das Gendern bei staatlichen Stellen verbieten – dafür, dass Sprache durchaus unsere Wahrnehmung formt, sprechen jedoch wissenschaftliche Studien. Eine Einführung abseits von ideologischen Argumenten.
Dunkel- und Hellblau: Unsere Wahrnehmungslücken

Dunkel- und Hellblau: Unsere Wahrnehmungslücken

Foto: DER SPIEGEL

Der Landesvorsitzende der Hamburger CDU, Christoph Ploß, will nun offenbar Satzzeichen verbieten lassen.

Natürlich ist diese absichtlich unterkomplexe Darstellung nicht richtig. Selbstverständlich möchte Ploß nicht einfach so Doppelpunkte zensieren, etwa aus Wut auf Interpunktion – sondern vielmehr die Idee hinter ihrer Verwendung, die »Ideologie« hinter dem Gendern.

Gerade deshalb möchte ich an dieser Stelle einmal ganz unideologisch sprachwissenschaftlich durch die Sterne reisen.

Die belarussisch-amerikanische Kognitionswissenschaftlerin Lera Boroditsky zum Beispiel hat in ihrer Forschung einen Zusammenhang zwischen den Wörtern, die wir benutzen, und der Art, wie wir denken, ausmachen können. Das geht schon bei unverdächtigen Artikeln los. Im Deutschen existieren drei grammatische Genera, jedes Nomen ist einem Genus zugewiesen: weiblich, männlich, sächlich.

Die grammatischen Geschlechter von Substantiven sind allerdings von Sprache zu Sprache unterschiedlich.

Im Deutschen ist die Sonne feminin, im Französischen heißt es zum Beispiel le soleil, im Spanischen el sol, das Genus ist also in den beiden romanischen Sprachen maskulin. Laut Boroditsky beeinflusst dieser Umstand, wie wir über das benannte Objekt denken. Bittet man Deutsche und Spanier, eine Brücke zu beschreiben, beeinflusst das Genus die Wahl der Adjektive.

So benutzen deutschsprachige Menschen zur Beschreibung der Brücke stereotypisch feminine Zuschreibungen: Die Brücke sei »schön« oder »elegant«. Bespricht indes eine spanischsprachige Person eine Brücke, nutzt sie eher stereotypisch maskulin konnotierte Wörter. Für einen mit Spanisch sozialisierten Menschen ist der Brücke eher »stark« oder »lang«.

Ein anderes Beispiel ist die Bezeichnung von Farben: Russischsprachige Menschen haben kognitiv die Fähigkeit, Blautöne besser unterscheiden zu können, aufgrund ihrer Art, verschiedene Arten von Blau zu benennen: Auf Englisch gibt es nur ein eigenes Wort für Blau, auf Russisch unterscheidet man jedoch zwischen zwei Sorten: Dunkelblau (siniy) und hellblau (goluboy). Wenn man sprachlich mit diesen beiden Bezeichnungen aufgewachsen ist, hat man von klein auf Erfahrung damit, diese beiden Farben wahrzunehmen und zu unterscheiden.

Boroditsky erklärt: »Testen wir, wie gut Menschen diese Farben unterscheiden können, sehen wir, dass Russen diese sprachliche Grenze rascher überschreiten. Sie können schneller zwischen Hell- und Dunkelblau unterscheiden. ... Wer zwei Wörter für Hellblau und Dunkelblau hat, reagiert überrascht, wenn die Farben von hell nach dunkel wechseln, nach dem Motto: ›Oh, hier hat sich etwas grundlegend geändert‹, wogegen das Gehirn von Englischsprechenden, das hier keine klare Trennung macht, nicht überrascht ist, denn es ändert sich ja nichts Grundlegendes.«

Das Gehirn Russisch sprechender Menschen erkennt also nicht mehr Blau, weil die Augen Russisch sprechender Menschen besser oder anders wären. Sondern weil sie durch die Sprache dem Gehirn ermöglichen, unterschiedliches Blau sehen zu dürfen. Wie wir unsere Wahrnehmung der Welt hingegen einschränken, kann man wiederum an dem Wort »hautfarben« merken.

Im übertragenen Sinn mehr Blautöne sichtbar machen

Die erste Assoziation, die man im Kopf hat, ist vermutlich eine Art »Beige«, oder? Im Sprachgebrauch haben wir offensichtlich einen mitteleuropäischen Hautton derart als Standardfarbe für Haut definiert und verinnerlicht, dass erst auffällt, wie surreal, seltsam und falsch das Wort ist, wenn versucht wird, einer Schwarzen Person »hautfarbene« Kleidung, »hautfarbene« Pflaster oder »hautfarbenes« Make-up zu verkaufen.

Das Wort »hautfarben« mit beige gleichzusetzen, schafft eine Selbstverständlichkeit für eine Beschreibung der Wirklichkeit, die schlicht falsch ist. Warum sollten wir das tun wollen? Die Wirklichkeit durch Nutzung nicht zutreffender Wörter ungenau wiedergeben, wenn wir es doch besser wissen und können? Aus Gewohnheit? Aus Bequemlichkeit? Schon diese Gründe sind nicht wirklich überzeugend, aber vor allem über die Konsequenzen müssen wir reflektieren.

Unsere Art, Worte zu wählen, veranschaulicht die Wahrnehmungslücken, die wir aufgrund sprachlicher Routinen zwangsläufig haben – wie von Boroditsky erforscht und beschrieben. Aber wir reproduzieren diese Wahrnehmungslücken auch. Während es bei Blau nur schade um das goluboy ist, können diese kognitiven Bequemlichkeiten oder Gewohnheiten bei anderen Sprachentscheidungen Menschen exkludieren und unsichtbar machen. In einer Sprachwelt, in der »hautfarben« automatisch beige ist, kommen schwarze Menschen gedanklich offensichtlich nicht vor.

Selbst Unscheinbares und Unverdächtiges im Sprachgebrauch, selbst Artikel vor Brücken, machen also ganz offensichtlich etwas mit der Art, wie wir über Dinge denken. Das kann man als gesellschaftliche Arbeitshypothese erst mal unaufgeregt verhandeln. Oder aber man reagiert mit trotzigen Verboten – bloß weil dieser Zusammenhang besprochen wird und es Versuche gibt, im übertragenen Sinne mehr Blautöne sichtbar zu machen.

Es ist also nicht richtig von mir zu behaupten, Christoph Ploß wolle nur Satzzeichen verbieten lassen. Es geht natürlich um die Ideale, von denen diese Satzzeichen erzählen wollen: Inklusion, Gleichberechtigung, Sichtbarmachung. Man kann die * und : anstrengend, oll und unästhetisch finden, es gibt sogar valide Argumente gegen das Gendern. Aber schon allein der Versuch, mit Verboten zu drohen, fühlt sich als Wahlkampfauftakt nicht an wie eine starke Brücke. Sondern eher wie ein beiger Kompressionsstrumpf.

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