Zum Tod von Genesis P-Orridge Maximal gelebt

Der konsequente Tabubruch als Programm: Die Kunst und Musik von Genesis P-Orridge hebelte Gender- und Gesellschaftsregeln radikal aus.
Genesis P. Orridge: "pandrogyne" Identität

Genesis P. Orridge: "pandrogyne" Identität

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Neville Elder/ Corbis via Getty Images

"Die Strategie sollte immer sein: Wie hast du es letztes Mal gemacht? Mach das Gegenteil. Im Zweifel das Gegenteil machen!" In Genesis Breyer P-Orridge, der/die nun im Alter von 70 Jahren verstorben  ist, lebten viele vermeintliche Gegensätze. 1950 als Neil Andrew Megson in Manchester geboren und bereits als Teen mit dem rigiden britischen Schulsystem aneinandergeraten, entdeckte P-Orridge die Bilder von Max Ernst.

Auf denen schien der Surrealist verschiedenartige Lebensformen zu einer neuen gemorpht zu haben - für P-Orridge steckte darin die Idee, die später zum konsequenten Körpermodifikations-Projekt "Pandrogyn", und zur Überwindung sämtlicher Gender- und Gesellschaftsregeln führen sollte.

Doch zunächst begann der Teenager ein Kunststudium an der University of Hull und brach es 1968 unzufrieden ab, um in eine Londoner Kommune zu ziehen. Deren Mitglieder hatten sich die radikale "Dekonditionierung" von sämtlichen gesellschaftlichen Regeln zur Aufgabe gemacht: Man schlief jede Nacht in anderen Betten, trug jeden Tag andere Kleidung aus gemeinsamem Bestand und aß zu ungewöhnlichen Zeiten.

Davon besessen, sich nicht zu wiederholen

P-Orridge blieb drei Monate und gründete 1969 gemeinsam mit der Künstlerin Cosey Funni Tutti und einigen Ex-Kommilitonen die Performancetruppe "COUM Transmissions". Die Gruppe schockierte die britische Kunstszene mit konsequenten Tabuverletzungen: 1976 sorgte ihre Ausstellung "Prostitution" im Londoner Institute of Contemporary Arts für einen Skandal, der bis in die Politik reichte: Die Gruppe hatte neben Fotos von Performances mit untrüglichem Gespür für kollektiven Ekel auch gebrauchte Damenbinden, Spritzen, rostige Messer und blutige, ausgerissene Haare zusammengetragen.

Die Avantgarde-Industrial-Band "Throbbing Gristle", die P-Orridge 1975 mit anderen "COUM"-Mitgliedern aus der Taufe hob, setzte wieder stärker auf die Kraft von Krach: In einer Liveversion ihres Songs "Discipline" bei einem Konzert in San Francisco 1981 schreit Genesis P-Orridge vierzehn Minuten lang mantraartig und von Effektgeräten verzerrt "I want... discipline!!!!!" ins Mikrofon, während stampfende Elektrobeats sämtlichen Anwesenden das Trommelfell zerfetzen.

"Wir haben unser Leben nicht verschwendet. Wir haben es maximal ausgelebt"

Genesis P-Orridge 2018

Um das Gewitter noch zu verstärken, nimmt P-Orridge einen E-Bass dazu, schließlich nähert er sich dem Publikum und zungenküsst einen Mann in der ersten Reihe. "Throbbing Gristles" bekanntestes Stück war "Zyklon B Zombie", benannt nach dem in Konzentrationslagern von den Nazis zum Töten benutzte Gas.

Vom Autor Tim Mohr, der P-Orridge beim Schreiben einer in diesem Jahr erscheinenden Autobiografie mit dem Titel "Nonbinary" half, stammt die Aussage, dass P-Orridge vor allem davon besessen sei, sich auf keinen Fall zu wiederholen. 1982 gründete P-Orridge die Band "Psychic TV", die - wie "Throbbing Gristle" - schnell von einer loyalen Fangemeinde umrundet war.

Um in kreativer und körperlicher Bewegung zu bleiben, zog P-Orridge gemeinsam mit Ehefrau Paula und den Töchtern Caresse und Genesse 1991 nach Kathmandu. Die Ehe scheiterte, und P-Orridge kümmerte sich um die Kinder, entdeckte die innere und äußere weibliche Seite und erschien bei Elternabenden in Minirock und langen Stiefeln.

Wie P-Orridge bei einem Besuch in New York auf die ganz große Liebe stieß, erzählt die Regisseurin Marie Loisier in ihrem wunderschönen, 2011 entstandenen Dokumentarfilm "The Ballad of Genesis and Lady Jaye": P-Orridge lag bei einem New York-Besuch im Bett einer befreundeten Domina, als plötzlich "eine schöne Frau im Sechzigerjahre-Minikleid" das SM-Studio betrat.

"Ich dachte: Toll, zwei meiner Lieblingsfetische in einer Person!", sagt P-Orridge im Film liebenswürdig. Die enge Beziehung zwischen P-Orridge und Jaqueline Breyer alias Lady Jaye entwickelte sich zu der Idee, zu einer einzigen Person verschmelzen zu wollen.

Weise Kommentare zu Politik und Gesellschaft

Das Schmerzensgeld, das P-Orridge nach einem Brand mit einigen Verletzungen erhalten hatte, verwendeten die beiden für kosmetische Operationen, die ihre Körper einander annähern, zu einer einzigen, "pandrogynen" Identität werden lassen sollten: Sie ließen sich die Nase angleichen, identische Brustimplantate einsetzen, und trugen die gleichen Perücken und das gleiche Make-up. Lady Jaye starb 2007 an einer Herzrhythmusstörung, und für P-Orridge reichte ein einziges Personalpronomen nicht mehr aus: Er/sie (im Englischen "S/He")benutzte fortan den Terminus "Wir", um seine/ihre Verbundenheit mit Lady Jaye, seiner/ihrer anderen, verlorenen Hälfte, auszudrücken.

Einen so überbordend kreativen und neugierigen Menschen wie P-Orridge legte die Trauer über den Verlust jedoch nicht lange lahm. P-Orridge stellte in New Yorker und Londoner Galerien und Museen aus, postete täglich bei Faceboook ihre/seine Aktionen sowie weise Kommentare zu Politik, Kunst und Gesellschaft, modelte für Marc Jacobs, und tourte 2016 mit "Psychic TV" durch Europa und die USA.

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Mit seiner/ihrer Leukämieerkrankung, die im Oktober 2017 diagnostiziert wurde, ging P-Orridge seinem/ihrem Lebensstil entsprechend sehr offen um. P-Orridge unterlag dem Krebs im Alter von 70 Jahren  am 14. März in New York City.

"Wir haben unser Leben nicht verschwendet", sagte sie/er in einem Interview 2018, "wir haben es maximal ausgelebt."

Korrekturhinweis: In einer früheren Version gab es eine falsche geografische Angabe zu Kathmandu, der Hauptstadt Nepals. Wir haben den Fehler korrigiert.

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