Margarete Stokowski

Boomendes Genre »True Crime« Boulevard für Besserverdienende

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Wenn Frauen entführt, gefoltert und ermordet werden, was ist das dann? Vor allem spannend! Finden die zahllosen »True Crime«-Formate, die pietätlos die Schicksale von Verbrechensopfern für Unterhaltung nutzen.
Symbolbild von einem Tatort

Symbolbild von einem Tatort

Foto: zoka74 / Getty Images / iStockphoto

Wir sind uns wahrscheinlich einig, dass es grauenvoll ist, wenn Menschen ermordet werden. Sind wir uns aber auch einig, dass man real geschehene Morde und andere Gewalttaten nicht zur Belustigung, zur Befriedigung der Sensationsgier und für Profite nutzen sollte?

Nein. Denn sonst würde das Genre »True Crime« nicht heillos boomen. Laber-Podcasts mögen langweilig sein, Pärchen-Podcasts mögen peinlich sein, es mag generell sein, dass es viele Podcasts gibt, die die Welt nicht braucht, aber die allermeisten »True Crime«-Podcasts sind der räudigste Auswurf seit Erfindung von Aufnahme- und Sendetechnik.

Falls es jemand nicht kennt: »True Crime« ist ein Genre, in dem tatsächlich passierte Verbrechen in entweder halbwegs journalistischer Form, oft in Podcasts oder Magazinen, oder belletristisch, im Theater, Film und Fernsehen oder sonstigen Formaten nacherzählt werden, teils mit Recherche über die Akten hinaus, teils ohne. Wobei »nacherzählt« sehr neutral formuliert ist, denn oft geht es dabei um eine möglichst spannende, gruselige Darstellung der Geschehnisse, um möglichst schockierende Einblicke in die Psyche der Täter und pietätloses Stochern im Leben der Opfer. Nicht immer geht es um Mord, manchmal auch um Banküberfälle oder anderes.

»Sie ist 22 und keine klassische Schönheit«

Nun ist es prinzipiell kein Verbrechen, Gewalt- oder andere Straftaten journalistisch oder in Form von Kunst aufzuarbeiten. Es kann sein, dass dabei durch investigative Recherchen oder gekonnte Darstellung Dinge zum Vorschein kommen, die für das Verständnis von Verbrechen relevant sind. Es passiert nur in den meisten »True Crime«-Formaten nicht. Im Gegenteil: Die Fälle werden oft schamlos reißerisch als schauriges Spektakel präsentiert, die Täter gern wahlweise als kaltblütige Profis oder dilettantische Trottel gezeichnet, die Opfer als naives oder irgendwie auch unverständlich agierendes Material benutzt, und das alles dann in düsterer Krimi-Ästhetik präsentiert.

Ein paar Beispiele. Das Magazin »Stern Crime«  zeigt auf der Titelseite eine nackte Frau, die sich die Hände vors Gesicht hält, dazu die Worte: »Die Sklavin«. Die Titelstory  handelt von einem Professor, der eine drogenabhängige Frau entführt und foltert. Im Heft: Weitere Fotos des nackten Models vom Titel, Brüste, Hintern, na klar, Bildtyp »Kunstfilm-Porno«. Aus dem Text: »Sie ist 22 und keine klassische Schönheit. (...) Sie ist ungebildet. Er ist schlau, schlauer als alle, die er kennt. (...) Es ist, als hätte der Englischprofessor Bill Cathey ein Stück Literatur zur Realität werden lassen.«

Der Täter wird als »geistreich« und »gebildet« dargestellt, ein beliebter, wenn auch schräger Nerd, der Literatur und Meditation liebt. Sein Opfer: »Die Liebessklavin«, auch wenn von Liebe nicht die Rede sein kann. Man erfährt wenig über sie, außer die Sache mit den Drogen. Was allerdings sehr detailliert beschrieben wird, ist die Gewalt, die ihr angetan wird: Fesseln, Blut, eine Kette um den Hals, später dann eine Art Trainingsprogramm, mit Kosmetikbehandlungen. Der Täter versucht sie zur »perfekten Frau« zu formen: »Er verwöhnte sie. Sie war noch nie verwöhnt worden.« Später schafft sie es zu fliehen.

Komplett kunstblutverschmiert

Wer lieber Podcasts hört, kann sich an den Anbieter »Podimo« wenden, dort gibt es in der Rubrik »Krimi« etwa den Podcast »Love Kills« über »Morde, die Liebe als Motiv haben«. Man könnte auch sagen: Romantisierung sogenannter Beziehungstaten. Auf dem Bild zur Sendung: zwei sich küssende Menschen und eine blutverschmierte Hand.

Komplett kunstblutverschmiert zeigen sich auf ihrem Titelbild auch die Macherinnen von »Kaltblütig – die Spur der Killer«. Die Aufarbeitung realer Morde in Halloween-Ästhetik. Außerdem im Angebot: »Im Dunkeln – Der Fall Rebecca Reusch«. Die seit zwei Jahren verschwundene, damals 15-jährige Rebecca wird weiterhin vermisst, bei »Podimo« findet man ihren Fall zwischen anderen »Shows« wie »Fetisch für Anfänger« und »Dark Room 1«.

Nun könnte man sagen, klar, das ist eben ein Boulevard-Anbieter. »True Crime«-Podcasts solcher oder anderer Anbieter mit Titeln wie »Jagd auf den Maskenmann«, »Mord im Paradies«, »Der Schlächter vom Schlesischen Bahnhof«, warum sollte man da Niveau erwarten? Aber auch Formate mit journalistischem Anspruch sind oft nicht besser.

Der preisgekrönte Podcast »Zeit Verbrechen« tut faktisch das Gleiche wie die trashigen Formate: Aus realem Leid werden Unterhaltung und Profit geschaffen. Im Shop der »Zeit« kann man das Magazin »Zeit Verbrechen« kaufen und das Buch zum Podcast (»zehn neue spektakuläre Fälle«) sowie Baumwollbeutel mit dem Aufdruck »Zeit Verbrechen«. Die Podcastfolgen haben Titel wie »Die toten Frauen des Herrn S.«, »Auf Frauenjagd« oder »Die Bluthochzeit«.

Was gibt es in der Psyche des Opfers zu entdecken?

Besagter Herr S. ist ein Frauenmörder , eine »Wahnsinnsgeschichte« (Redakteurin Sabine Rückert). Warum ließ sich sein Opfer auf ihn ein? Grund genug für Rumwühlen im Privatleben. Rückert findet es »eigenartig«, dass eines der Opfer mit dem Täter »Sex, aber ohne Partnerschaft«, wollte, obwohl sie den Sex nicht mochte: »Also Anna war ja mit dem Sex mit diesem Mann unzufrieden, und warum hat sie sich dann auf so ein komisches Arrangement eingelassen?« – Anna ist tot, man kann sie nicht mehr befragen. Die Reporterin, die im Podcast zu Gast ist, erklärt dann später: »Anna, ich würde mal sagen, war eine verlorene junge Frau. Es war einiges schiefgegangen in ihrem Leben.« Na dann.

Oder die »Bluthochzeit«,  eine Geschichte über Zwangsverlobung, Entführung und Mord einer jesidischen Frau in Deutschland. Auch hier wird die Psyche des Opfers nach Spannendem durchpflügt. Rückert stellt fest, dass die später ermordete Frau »auf der einen Seite« studiert und »auf der anderen Seite« den Regeln ihrer Kultur folgt und etwa mit einem Mann, in den sie sich verliebt, nicht direkt eine sexuelle Beziehung beginnt: »Das finde ich auch wieder einen interessanten Zwiespalt innerhalb dieser Person Shilan.« Das ist kein Zwiespalt, warum sollte es einer sein?

»Zeit Verbrechen« will Qualitätsjournalismus sein, ist aber auch nur Boulevard für Besserverdienende. Host Andreas Sentker verheimlicht nicht, dass er es spannend machen will, wenn er seine Dramaturgie mit »so viel kann ich schon mal verraten« fein justiert, und Sabine Rückert glänzt mit kurzen Einwürfen wie »Schlägerei!« oder »Ein fauler Friede!«

Stalking? Nein, »böse Liebe«

Garniert wird der Podcast mit der narzisstischen Berauschtheit von der eigenen Abgebrühtheit: »Das ist unglaublich, wie du dieses Tasten schilderst!« Und Werbung fürs gedruckte Magazin: »Unter anderen unternehmen wir einen Spaziergang durchs mörderische Wien, eine sehr schöne Geschichte...« – Im aktuellen Heft  findet sich zudem etwas zu Stalking als »böse Liebe« (sprich: absurde Verharmlosung und Romantisierung) oder was zum Mord am Modedesigner Rudolph Moshammer: »Der Tatort ist eine Station auf unserem zauberhaft schrecklichen Mordspaziergang durch München

Für Jüngere bietet der ARD- und ZDF-Ableger »Funk« den Podcast »Mordlust« für 14- bis 29-Jährige. Die zwei Moderatorinnen Laura Wohlers und Paulina Krasa plaudern  auch mal darüber, wie unmöglich es ist, dass Fußfetischisten Fotos von Füßen berühmter Frauen in einem Wiki anlegen und für sexuelle Bedürfnisse »zweckentfremden«: »Und das Eklige daran ist halt auch, dass man sich so hilflos fühlt, also jemand benutzt irgendeinen Teil von dir für etwas, zu dem man ja nie ›Ja‹ gesagt hat, ich find das einfach krass übergriffig.« – Ach, interessant.

Das Konzept Privatsphäre und Übergriffigkeit scheint bekannt zu sein. Die beiden betonen regelmäßig in den Folgen, dass sie das Lachen auch brauchen, als »comic relief«, »das heißt aber nicht, dass uns die Ernsthaftigkeit für das Thema Verbrechen fehlt«, es sei »nie despektierlich gemeint«. Die Formulierung »nicht despektierlich gemeint« kann man als Merch-Shirt zum Podcast kaufen.

Gelacht wird in dem Podcast nicht wenig. Mal trägt die eine Sprecherin Vernehmungsprotokolle zu Morden mit lustig norddeutschem Dialekt vor, mal lacht man sich zum Thema Auftragsmord kaputt über die Frage, wie viel Euro denn nun ein Menschenleben wert sei. Es erinnert etwas an bekiffte Teenager. Zwischendurch gibt es noch Erklärungen darüber, was ein Auftragsmord kostet und wie man sich dabei geschickt anstellt.

Über eine von ihrem Mann erschossene Frau, Jutta, die zwischendurch mal suizidal war, heißt es auch mal: »Ich glaube tatsächlich auch, dass Jutta das so gewollt hat.« Null soziologische Einordnung zu Femiziden, null Reflexion über das, was man da tut. Nur am Ende kurz die Idee, dass man ja Menschen in Coronazeiten gern Ablenkung biete.

Wir amüsieren uns über Tode

Der Medienwissenschaftler Neil Postman schrieb 1985 ein Buch mit dem Titel »Wir amüsieren uns zu Tode«. Inzwischen sind wir bei: Wir amüsieren uns über Tode. Unterhaltung muss nicht moralisch wertvoll sein, aber man kann schon auch mal anmerken, wenn sie moralisch komplett fragwürdig ist. Wenn man Leute – auch wunderbare, schlaue, liebenswürdige Menschen – fragt, warum sie »True Crime«-Fans sind, heißt es oft, das sei halt so spannend oder auch gut zum Einschlafen. Wenn man das Genre kritisiert, hört man dann, man müsse ja nicht alles so moralisch betrachten, und es gäbe auch wirklich gut gemachte Formate und außerdem soll man Leuten doch die Freude gönnen.

Ja, aber welchen Leuten? Was, wenn Angehörige eines Entführungs- oder Mordopfers so einen Podcast hören, in dem über die Aussagen des Täters gekichert wird? Wäre es denkbar, dass ein Vergewaltigungsopfer selbst so spricht? »Mir ist da eine spektakuläre Geschichte passiert, die dich erschüttern wird«? Wo wäre die Grenze? Würde man sich auch unterhaltsame »True Crime«-Folgen über Morde im Holocaust anhören?

Wobei, so absurd ist der Gedanke ja nicht, und es gab nicht ohne Grund viel Kritik an der Instagram-Serie des SWR und BR über Sophie Scholl.  Was geht vor – Aufklärung oder die Wahrung der Würde von Getöteten, oder könnte man nicht vielleicht versuchen, beides zu vereinen?

Für die produzierenden Journalist*innen mag es entlastend sein, den eigentlich eher zermürbenden Job der Prozessberichterstattung in etwas Aufregendes umzuformen und sich als möglichst harter Hund zu präsentieren, der schon alles gesehen hat. Aber aus Sicht des Publikums  (das oft mehrheitlich weiblich ist)? Wie kann es wahlweise »spannend« oder »entspannend« sein, sich gruselig-dramatisch aufgearbeitete Geschichten etwa über reale Femizide anzuhören, wenn in Deutschland jeden dritten Tag ein Mann seine Partnerin oder Ex-Partnerin tötet? Ist es die Freude, davon nicht betroffen zu sein?

»Unsere massenmediale Kultur ist geradezu besessen von weiblichen Mordopfern«, hieß es neulich im Deutschlandfunk.  Junge, schöne, tote Frauen sind die Standardausstattung vieler Krimis – und vieler »True Crime«-Formate. Dass das irgendwie zu einem Bewusstsein oder gar zur Verhinderung solcher Morde führt, ist unplausibel, denn Krimis sind schon lange so, und Femizide sind seit dem »True Crime«-Boom nicht merklich zurückgegangen. Schön für die Produzent*innen von »True Crime«, denn das Material für ihr widerliches Business wird ihnen so schnell nicht ausgehen.