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ENGLAND Geometrie der Angst

aus DER SPIEGEL 14/1965

Bryan Robertson, Offizier vom Orden des Britischen Empire und Direktor der Londoner Whitechapel Gallery, hegte patriotischen Stolz im Busen: »Gewiß kein anderes Land dieser Erde«, so rühmte er, könne »heutzutage mit dem mannigfaltigen und eindringlichen Skulptur-Werk konkurrieren«, das Großbritanniens Bildhauer-Garde zu bieten hat.

Robertsons nationale Hymne galt drei Londoner Expositionen, in denen zur Zeit erstmals und umfassend die britische Bildhauerei der Gegenwart ausgestellt wird:

- In der Tate Gallery wird »Britische Skulptur in den sechziger Jahren« (30 Künstler, 103 Exponate) gezeigt;

- in der Arts Council Gallery haben

16 Schüler des Royal College of Art 43 Arbeiten zur Schau gestellt;

- in der Whitechapel Gallery machen

neun Jung-Artisten der »Neuen Generation« (so der Name der Ausstellung) mit 36 Werken Kunst-Revolution.

Diese plastische Hülle in Fülle ist erstaunlich. Es hat in England nie eine Bildhauer-Tradition gegeben. »Noch vor vierzig Jahren«, erläuterte »Time«, »wäre ein großer englischer Bildhauer so unvorstellbar gewesen wie ein Hottentotte als Premierminister von Schottland.«

Dem Mangel haben Henry Moore (Jahrgang 1898) und Barbara Hepworth (Jahrgang 1903), die beide 1928 zum erstenmal selbständig ausstellten, erst während der letzten Jahrzehnte abgeholfen. Die abstrakten Bildwerke der Hepworth und Henry Moores archaische Monumentalformen aus Stein, Holz und Bronze sind inzwischen in aller Welt gerühmt, prämiiert und aufgestellt worden. Und Moores Beispiel hat eine zweite britische Bildhauer-Generation inspiriert.

1952 war das englische Skulptur-Wunder dann plötzlich da; auf der venezianischen Biennale präsentierten sich gleich acht Insulaner zu internationalem Debüt und Applaus: Reg Butler (Jahrgang 1913), Lynn Chadwick (1914), Bernard Meadows (1915), Kenneth Armitage (1916), Robert Adams (1917), William Turnbull (1922), Geoffrey Clarke (1924) und Eduardo Paolozzi (1924).

Es blieb nicht bei diesem ersten Erfolg. 1956 holte Chadwick den Internationalen Großen Biennale-Preis für Plastik heim, 1958 wurde Armitage, 1960 Paolozzi, 1962 Hubert Dalwood preisgekrönt - das Jahrzehnt gehörte, nach dem Urteil der Kritiker und der Jurys, den Engländern und ihrer spätsurrealistischen Kunst.

Es war eine Kunst, die sich Anfang der 50er Jahre vom großen Vorbild Moore entfernt hatte: Ihre andeutend figurativen Formen waren stärker von den zeitgenössischen Bildhauern Giaeometti und Calder beeinflußt; sie bestanden aus Metallplatten, -streifen und -drähten, in denen Furcht und Zittern des Krieges erstarrt zu sein schienen.

»Diese Abbilder«, schrieb der englische Kunsthistoriker Sir Herbert Read 1952, »sind Zeugnisse der Verzweiflung oder der Auflehnung ... Es sind Abbilder der Flucht, der rohen Krallen, des geschundenen Fleisches, des frustrierten Geschlechts - eine Geometrie der Angst.«

Die traumatische Geometrie gilt noch in den sechziger Jahren zumindest einigen Bildhauern als verbindliche Form. In der Tate Gallery, wo (neben den britischen Klassikern Moore und Hepworth) die acht Debütanten von Venedig ausstellen, stehen Alptraum-Gestalten mit Spaltfüßen. Insektenbeinen, eckigem Schrumpfkopf und Körperstacheln umher, sind bedrohlich grimassierende Tier-Mensch-Klumpen postiert (so vom Moore-Schüler Michael Ayorten, 43, und hochpolierte Bronzeleiber, in denen Wundrisse klaffen (so bei Werken des Moore-Schülers Meadows) oder deren Metallfleisch zu schmelzen und zu tröpfeln scheint (Butler). Ralph Brown, 37, hat vor zwei Jahren seine »Königin« ("The Queen") in Bronze gegossen. Das Abbild der Majestät hat zwei tiefe Löcher im Busen und steht auf hageren Beinen, die in Schwimmflossen-Füßen enden.

Exemplarisch für Englands Skulptur sind diese Abbilder des geschundenen Fleisches nicht mehr. Die Angst-Ära geht zu Ende, die Bronzezeit klingt aus, und selbst das klassische Handwerk des Meißelns und Modellierens hat an goldenem Boden verloren.

Den Anfang mit dem Traditions-Ende machte der Schotte italienischer Herkunft Eduardo Paolozzi, 41. Er schweißte zu Ruhm und Ehren des technischen Zeitalters Aluminiumteile zu freundlichen, computer-ähnlichen Idolen zusammen, die nach seiner Vorstellung »so faszinierend sein sollen wie die Fetische eines kongolesischen Medizinmannes«.

Der Ex-Cambridge-Student und Moore-Schüler Anthony Caro, 41, der von Amerikas Op-Artisten (SPIEGEL 13/1965) gelernt hat, geht einen großen Schritt weiter. Er mag die bandagierte und verwundete Kunst« seiner Vorläufer nicht, er ist es müde, »Ersatz-Menschen« in Bronze zu gießen und auf Sockel zu stellen. Mit Schweißbrenner und Niethammer fertigt er aus vorfabrizierten Metallplatten, Stahlträgern und Aluminiumrohren farbig bemalte Konstruktionen, die wie abstrakte, ins Dreidimensionale erweiterte Malereien anmuten.

Nach den radikal neuen Vorbildern ihres Lehrers Caro verfahren auch die jungen Kunst-Revolutionäre der Whitechapel Gallery (Durchschnittsalter: 27). Sie haben die Sockel und Podeste ihrer Vorgänger zerschlagen, die Bronze zum alten Eisen geworfen und sich Materialien entdeckt, die flexibler und ökonomischer sind: Kunststoff aller Sorten, Gips und Zement. Von Bildhauerei kann bei dieser Tätigkeit nicht mehr die Rede sein. Einige der Kunst-Plastikeure lassen ihr Oeuvre sogar beim Handwerker anfertigen.

Die wichtigste Neuerung der Bildnisse, die sich Englands Plastiker machen, ist jedoch die Farbe, die wie ein Mantel um die abstrakten Bildwerke gelegt ist und deren Textur so vollkommen verbirgt, daß sie beim Betrachter Augentäuschungen hervorruft: Aluminium wirkt wie Holz, Fiberglas wie Wellpappe, Zement wie Pappmache. Das Resultat ist immer die Halluzination von Schwerelosigkeit und optimistischer Tagträumerei.

»Vor fünf Jahren war die Skulptur noch purer Nihilismus«, erkannte der Ex-Oxford-Student William Tucker, 30, dessen bunte Konstruktionen wie Gebilde aus Kinderbausteinen aussehen.

»Aber heute geht es uns ums Leben, nicht um den Tod, und wir fürchten uns nicht vor Worten wie Schönheit, Freude, Vergnügen.«

Genauso empfinden die übrigen Revolutionäre der »Neuen Generation« bei ihrem bilderstürmerischen Experiment, das sich von Moore ab- und der neuen amerikanischen Op-Art zugewandt hat: Roland Piche, 26, zum Beispiel, der auch in der Arts Council Gallery vertreten ist, offeriert zwischen käfiggleichen Kubus-Gerüsten schlauch- und sackartige Eingeweide in leuchtend bunten Farben.

Die Werke des in Johannesburg geborenen Isaac Witkin, 28, ähneln kunterbunten Dampfheizungsrohren; die surrealistischen Fiberglas-Präparate von Derrick Woodham, 24, gedeihen zu monströsen Würmern oder Feuerwehrschläuchen; und die Arbeiten von Michael Bolus, 30 (in Kapstadt geboren), machen kaum noch einen Unterschied zwischen Plastik und Malerei: Seine flach auf dem Boden liegenden bunten« Metallfolien könnten auch Op-Art darstellen.

Philipp King schließlich, 30. in Tunis geboren und einer der Begabtesten seiner Generation, hat für eines seiner Werke einen Titel gefunden, der die ganze Kunstrichtung etikettiert: Er nannte einen Kleiderständer aus Kunststoff, den er rosa, beige und zartviolett bemalte: »Tralala«.

»Artificial Sun«, »Tralala«, »The Queen«, »Pandarus": Künstler lassen ihre Werke beim Handwerker anfertigen

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