Alice Hasters

Weltweite Proteste gegen Rassismus Warum jetzt?

Alice Hasters
Ein Gastbeitrag von Alice Hasters
Ein Gastbeitrag von Alice Hasters
Auch in Deutschland protestieren plötzlich viele gegen Polizeigewalt und Rassismus. Auch hier ausgelöst durch der Tod von George Floyd - aber nicht allein.
Gestreckte Fäuste bei einer Demo in Italien: weltweit ein neues Ausmaß

Gestreckte Fäuste bei einer Demo in Italien: weltweit ein neues Ausmaß

Foto: REMO CASILLI/ REUTERS

Viele Menschen gingen am Samstag auf die Straße. Sie hielten Schilder hoch, auf denen "White Silence is Violence" oder "Racism kills" stand - oder eben der Spruch, mit dem die Bewegung angefangen hatte: "Black Lives Matter". Diese Szenen spielten sich aber nicht nur in den USA ab, sondern auch in Deutschland.

Mehr als 10.000 Menschen in Köln, in Berlin mehr als 15.000, in München um die 20.000. Sie alle kennen den Namen des schwarzen Mannes, der am 25. Mai erstickte, weil ein weißer Polizist sein Knie 8:46 Minuten lang in seinen Nacken drückte. Der Mann, der in diesen Minuten 16 Mal mit dem Satz "I can’t breathe" um sein Leben flehte: George Floyd.

Die Frage, die viele gerade beschäftigt, ist: Warum bewegt der Tod von Floyd so viele Menschen? Warum gehen ausgerechnet jetzt Zehntausende auf die Straße?

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H. Henkensiefken/ hanserblau

Alice Hasters wurde 1989 in Köln geboren. Sie studierte Journalismus in München und arbeitet u. a. für die "Tagesschau" und den RBB. Mit Maxi Häcke spricht sie im monatlichen Podcast "Feuer und Brot" über Feminismus und Popkultur. 2019 erschien ihr Buch "Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten". Alice Hasters lebt in Berlin.


Die nahe liegende Antwort lautet: Weil die Welt sehen konnte, was passierte. Wir sahen Floyd hilflos auf den Boden liegen. Und Derek Chauvin, den Polizisten, ohne Aufregung, man möchte sagen: kaltherzig, auf seinem Nacken knien. Ein virales Video.

Doch hätte es nur das gebraucht - ein Video, das die Ungerechtigkeit festhält - dann hätten schon vor Jahren Zehntausende auf den Straßen sein müssen. 2014 war es Eric Garner, der "I can’t breathe" flehte, als er von Polizisten erstickt wurde. Im selben Jahr wurde der zwölfjährige Tamir Rice von der Polizei erschossen, als er auf der Straße mit einer Spielzeugpistole spielte. 

Auch die Videos dieser Szenen gingen um die Welt. 2016 streamte Diamond Reynolds, wie ihr Freund Philando Castile bei einer Verkehrskontrolle von einem Polizisten erschossen wurde, auf dem Rücksitz saß ihre vierjährige Tochter. Und das sind nur drei weitere Beispiele aus einer langen Liste an schwarzen Menschen, die durch die Hände von Polizisten oder Zivilisten grundlos starben. 

Es ist nicht nur der Tod von George Floyd. Es ist der erstarkende rechte Terror, die rechte Politik, die lauter gewordene Debatte über Rassismus im Alltag und nicht zuletzt die Corona-Pandemie, die uns zu diesem Moment geführt haben.

Es gingen auch damals Menschen auf die Straße, überall auf der Welt. Es waren ähnliche Szenen zu sehen: von Menschen, die friedlich protestierten, von Demos, die eskalierten, und von sich zersplitternden Gruppen, die vor Tränengas und Wasserwerfern flohen. Von unbegründeten Festnahmen, schlagenden Polizisten, geplünderten Geschäften.

Auch in Deutschland formierte sich schon damals eine "Black Lives Matter"-Bewegung. Es waren manchmal Hunderte, an erfolgreichen Tagen ein bisschen mehr als tausend Menschen, die hierzulande zu den Demos kamen.

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Ganz in Schwarz

Foto: KAI PFAFFENBACH/ REUTERS

Doch jetzt haben die Proteste weltweit ein neues Ausmaß. Jetzt versuchen nicht einmal konservative Politiker, das Handeln der Polizei zu rechtfertigen. Jetzt posten Millionen von Menschen auf der ganzen Welt an einem Dienstag schwarze Kacheln auf Social Media, bei der Aktion #blackouttuesday, um sich antirassistisch zu positionieren. Noch mal: Was ist jetzt anders?

Es ist nicht nur der Tod von George Floyd. Es ist der erstarkende rechte Terror, die rechte Politik, die lauter gewordene Debatte über Rassismus im Alltag und nicht zuletzt die Corona-Pandemie, die uns zu diesem Moment geführt haben.

Schauen wir zuerst auf die USA: Seit das Virus ausgebrochen ist, wird noch einmal deutlicher, welche strukturellen Ungerechtigkeiten vorherrschen. Es sind vor allem schwarze Menschen, die ihre Arbeit verloren haben, es sind vor allem nicht-weiße Kinder, die keinen Internetanschluss daheim und damit in Zeiten der Pandemie keinen Zugang zur Bildung haben. Es sind vor allem schwarze Menschen, die an dem Virus sterben. Die Todesrate bei Afroamerikanern ist überdurchschnittlich hoch . Unter anderem, weil sie öfter unter Vorerkrankungen leiden. 

Das liegt unter anderem daran, dass viele Afroamerikaner in Gegenden mit schlechter Luft- und Wasserqualität leben, dass sie oft erschwerten Zugang zu gesunden Lebensmitteln haben. Nicht zuletzt wird auch eine rassistische Behandlung in den Krankenhäusern eine Rolle spielen. Studien zeigen, dass Schmerz und Krankheiten bei Afroamerikanern oftmals unterschätzt werden. Die Auswirkungen einer rassistischen Gesellschaft wurden also schon seit April, als sich Corona in den USA exponentiell verbreitete, besonders deutlich.

Im Mai lockerten die USA die Maßnahmen. Es waren wieder mehr Menschen auf der Straße. Doch wer wurde verhaftet, wo kam es zu Eskalationen, wenn die Polizei die Hygieneregeln kontrollierte? Schwarze Menschen wurden belangt, bestraft, mitgenommen - öfter als andere. Im Netz sah man einerseits Bilder von Polizisten, die weißen Menschen freundlich Masken aushändigten, wenn sie keine dabei hatten. Andererseits wurden schwarze Menschen in Handschellen gelegt, weil sie zu nah beieinander standen.

Was Floyds Tod so unerträglich macht, ist, dass sich nichts geändert hat.

Dann kamen innerhalb weniger Wochen drei Meldungen.

Die erste: Ahmaud Arbery, ein schwarzer Jogger, wurde von zwei Zivilisten in Glynn County in Georgia erschossen, weil sie ihn verdächtig fanden. Der Fall ereignete sich schon im Februar, doch blieb zunächst ohne Konsequenzen. Erst als ein Video auftauchte, bekam er nationale und schließlich weltweite Aufmerksamkeit. Die ersten Menschen entschieden sich, zu protestieren, trotz der Pandemie. Die zwei Männer, die Arbery erschossen, wurden angeklagt.

Die zweite Meldung: Breonna Taylor, eine afroamerikanische Notfall-Sanitäterin, wurde im Schlaf von der Polizei erschossen. Die Polizisten waren angeblich auf der Suche nach einer Person - die zu dem Zeitpunkt aber schon gefunden und wenig später verhaftet wurde, wie sich später herausstellte. Der Vorfall blieb für die Polizisten ohne Konsequenzen.

Die dritte Meldung: Ein Video  eines Zwischenfalls taucht auf. Eine weiße Frau namens Amy Cooper ist sauer, weil der afroamerikanische Vogelbeobachter Christian Cooper sie bittet, ihren Hund anzuleinen. Sie droht, die Polizei zu rufen und zu sagen, dass "ein afroamerikanischer Mann ihr Leben bedrohe". Wohl wissend, so scheint es, was für Konsequenzen es für schwarze Menschen haben kann, wenn die Polizei sie als gefährlich einstuft.

Und dann: George Floyd. Die Polizei wird gerufen, weil er eine Rechnung von 20 Dollar mit gefälschten Geldscheinen bezahlt haben soll. Was folgt, ist eben nicht neu, es ist altbekannt. Ein sich wiederholender Albtraum. Was Floyds Tod so unerträglich macht, ist, dass sich nichts geändert hat. Diese Erkenntnis kommt in einer Zeit, in der Rassismus präsenter scheint denn je.

Hanau ist nicht lange her

All das spielt eine Rolle. Es ist der Grund, warum schwarze Menschen sich nicht mehr entschuldigen, wenn ein Supermarkt geplündert wird - und sogar laut einer Umfrage der Monmouth University  54 Prozent der Amerikaner Verständnis für Brandstiftung während der Proteste in Minneapolis zeigten.

Doch warum sind es jetzt auch in Deutschland Zehntausende, die auf die Straße gehen? Solidarität ist ein Teil der Antwort. Auch hier haben Menschen verstanden, dass man schwarze US-Musiker wie Beyoncé, Solange und Kendrick Lamar nicht hören oder nachahmen kann, ohne sich für ihre politische Lage zu interessieren. Nicht zuletzt, weil Rassismus und Polizeigewalt ständige Themen ihrer Musik sind.

Aber auch hier sind die Menschen selbst wütend und müde. Weil auch in Deutschland überproportional viele nicht-weiße Menschen in prekären Verhältnissen leben und wenig bis keine Möglichkeit haben, sich in Zeiten der Pandemie zu schützen, weil sie in systemrelevanten Berufen arbeiten.

Dazu kommt auch hier die unbefriedigende Aufarbeitung rassistischer und rechtsextremer Übergriffe: Hanau ist nicht lange her. Der Täter erschoss zehn Menschen, neun davon aus rassistischen Motiven. Als Rechtsextremist wurde er jedoch im Bericht des BKA nicht klassifiziert, unter anderem, weil er auch freundliche Kontakte zu nicht-weißen Menschen pflegte. Wieder ergab die Untersuchung: Der Täter handelte allein.

Ebenso wie der Täter in Halle, wie der Mörder von Walter Lübcke. Dass dies alles Einzeltaten sein sollen, beruhigt diejenigen wenig, die potenziell Opfer rassistischer Gewalt werden können. Ganz im Gegenteil.

Ebenso unbefriedigend aufgeklärt: der mittlerweile 15 Jahre alte Fall von Oury Jalloh. Ein schwarzer Mann, der in einer Dessauer Polizeizelle verbrannte. Der diensthabende Polizist wurde wegen fahrlässiger Tötung 2012 zu 10.800 Euro Strafe verurteilt.  Das Verfahren ist abgeschlossen, der Tathergang bis heute nicht richtig aufgeklärt.

Hinzu kommt ein alltäglicher Rassismus im Leben von nicht-weißen Menschen, der sich unter anderem darin äußert, verdächtig oft in "verdachtsunabhängige Personenkontrollen" von der Polizei zu geraten.

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Hasters, Alice

Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten

Verlag: hanserblau
Seitenzahl: 224
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Und noch ein letzter Faktor scheint entscheidend: die langen Traditionen des schwarzen Widerstandes und globaler schwarzer Identität. Schwarze Menschen begreifen schon seit Jahrzehnten, dass Anti-Schwarzer-Rassismus ein globales Problem ist - und dass der Kampf dagegen, egal wo er geführt wird, Solidarität benötigt.

Seit Jahren stehen vor allem schwarze Menschen auf der Straße und rufen "Black Lives Matter". Was sich geändert hat: Zehntausende schenken ihnen endlich Gehör.