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Geplante Lässigkeit

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aus DER SPIEGEL 41/1983

Ein Widerspruch in sich« sei die Mailänder Mode mit »ihrer total geplanten Lässigkeit« - ein Spiegelbild der Stadt, in der »Sozialisten regieren und der Kapitalismus floriert«, in der »Rokoko-Paläste minimalistische Interieurs bergen« und in der »die Schatten von Renaissance-Palästen über glatte, neondurchflutete Luxusläden fallen«.

Dieses Urteil der New Yorker Mode- und Gesellschaftsgazette »W« schienen die Mailänder Modemacher bei den Frühjahrsdefilees der letzten Woche partout bekräftigen zu wollen: Die glänzenden, weißen Satinseidenblusen, die wadenlangen Schlitzröcke aus Leinen und Organza, die breiten Gürtel - alles wurde von den Designern mit so widersprüchlichen Attributen versehen wie »geradlinig, fließend«, »elegant, ironisch« oder »Orient auf italienisch«, wie Gianni Versace seine Kollektion nannte.

Italiens führender Modemacher Giorgio Armani sprach von »maskulin und feminin zugleich« und auch der neue Star-Stilist Gianfranco Ferre orakelte »die Umrisse sind männlich, aber darunter ist alles sehr weiblich«. Zumindest das »sehr« war übertrieben, wenn auch zwischen den nüchternen Kragenrevers seiner Jacken die kleinen, nackten Brüste der Mannequins wippten.

Vorherrschend in allen Kollektionen waren die schon lange totgesagten, nun wieder aufgefrischten, mitunter kragenlosen und mitunter fast bis zu den Knöcheln verlängerten Blazer. Überraschende Ideen, neue Impulse scheinen in Mailand zur Zeit rar. Gelähmt von der neuen Pariser Kreativität und dem japanischen Lumpenschick, treten die Mailänder modisch auf der Stelle und konzentrieren sich auf ihren »Italian Look«, der stark von der Männerkleidung beeinflußt ist.

Natürlich waren, etwa bei Versace, auch Drapierungen und Zipfel und bei Missoni und Soprani schöne, gerade Kleider zu sehen. Auch glitzerten Pailletten und Straß überall, und Krizias weiße Pullover waren mit schwarzen Flecken gesprenkelt.

Aber das Modevolk reagierte eher müde. Tollen Beifall zollte es nur am letzten Tag der Defilees - dem Mann, der in den letzten drei Jahren dem Laufsteg-Rummel ferngeblieben war, Giorgio Armani. Der ließ in seinem neuen Stadt-Palazzo (sechs Millionen Dollar Umbaukosten, eine Million Jahresmiete) schlichte Hosenanzüge oder sanfte Wickeljacken zu langen Baumwollröcken und flachen Schuhen völlig schmucklos aufmarschieren. Die Spiegelwände im eigenen Amphitheater reflektierten vom Laufsteg nur müdes Grau, Beige und Blau. Seine Maxime - »never ever overdressed« - hat der Trendmacher offenbar als ehernes Gebot verstanden. Armani: »Ich komme mir wie ein Mann vor, der jahrelang um die Welt gereist ist und nun entdeckt, daß er sein eigenes Haus am liebsten hat.«

Dennoch zogen manche Einkäufer nachdenklich durch den magisch beleuchteten Innenhof von Armanis Palast heimwärts: Sie müssen in sechs Monaten diese ernsten Luxuskleider zu Stückpreisen von 2000 bis 3000 Mark an die Frau bringen.

David Kramberg, Besitzer einer Luxus-Boutique am West-Berliner Ku'damm, verdrießt das allerdings nicht. »Ein guter Armani«, so hat er erfahren, »muß anfangs immer sehr schwer verständlich sein.«

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