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»Gerade ist ein Wunder geschehen«

aus DER SPIEGEL 53/1971

Armageddon, die sagenhafte Endschlacht, muß so ähnlich sein: Drunten drohte die rote Rotte Korah, rüttelte am Paravent, ballte die Fäuste und schrie »Scheiße« und »Macht kaputt, was euch kaputt macht«.

Droben aber, auf der Bühne, bebten und beteten die Jünger Jesu, reckten Zeigefinger gen Himmel, riefen »Weiche. Satanas« oder umklammerten, wie das vom Fixen kurierte Fräulein Karin, die Bibel und schluchzten um ein Wunder: »Herr, erweise dich als Realität.«

Die Herren von der Realität weilten schon unter uns: Polizisten, in Gammlerparkas bis zur Kenntlichkeit verkleidet, standen auf der Bühne Schildwacht. ließen die Störenfriede per Photo festhalten und vermieden, daß sich die Linken und die vom rechten Glauben in die langen Haare gerieten.

Die Linken hatten »Diskussion« gefordert, aber Herbert Krause, 33, Oberhirte des ersten Hamburger »Jesus-Festivals«, wollte nur »mit Jesus sprechen": Fünf Abende lang lauschten je 2000 Seelen in einer kahlen Messehalle dem himmlischen Geplauder.

Nicht alle waren schon Jesus-People, Leute also, die zum Zeichen den Zeigefinger recken, gern »Jesus liebt dich« oder »Halleluja« rufen und durch einen Wink des Herrn von Haschisch, Heroin, vorehelichem Verkehr oder simplem Nikotin abgebracht wurden. Auch viele Unbekehrte saßen da herum.

An die vor allem war die Botschaft adressiert, die Krause teils dem kleinen schwarzen Büchlein entnahm. teils durch frohen Gesang und sinnfälliges Laienspiel übermitteln ließ; es war eine große Werbekampagne für einen Alleskleber namens Jesus.

Manchen armen Hascher und manches arme Hascherl hat es an diesen Abenden auch erwischt. Denn Krauses Bekehrungs-Offensive nutzte erprobte Strategien: apokalyptisches Geraune etwa, Gemeinschafts-Feeling. rüttelnde Predigt sowie Auftritte einstiger Sünder. die Zeugnis ablegen für die garantierte Wirkung des Marken-Mittels.

Die Stars der Sünder-Revue waren Fräulein Karin mit dem lieben Gesicht und der ambulante Hippie Pascal. Beide hatten, erzählten sie, in Drogenbanden gelegen und vergebens Entziehungs-Kuren gemacht; allein des Herren Hand habe sie geheilt.

Die nackte, krasse Lebens-Not bricht in solchen Konfessionen hervor, und keiner kann davon unbewegt bleiben. Die meist flinke Beichtlust freilich und der salbungsvolle Traktätchen-Ton schlagen aufs Gemüt; und mancher Bekehrte wirkte schlicht neurotisch.

Seit sie »was mit Jesus habe«, gestand eine herbstliche Herbe, konnte sie vom Rauchen ablassen; einem Lockenknaben hilft nun immer Jesus in der Schule; und die vielen jungen Mädchen, die sich »gerufen« fühlten, haben sich einfach »Jesus hingegeben«.

Da muß der Geist wohl auch im Saale wehen: »Gerade ist ein Wunder geschehen«. schallt es von der Bühne. »einer will bezeugen, daß er Jesus erlebt hat.« Anschluß-Bekehrungen sind teil der Dramaturgie, und ein gelber »Sünden-Eimer« auf der Bühne soll den alten Adam aufnehmen Doch die Bekenner, wünscht die Fest-Leitung, sollten »nicht viel über 30« sein: die Alten kramen gern in Kriegserinnerungen.

Was der Schnellbrüter produziert, mag Steine erweichen. Ein hübsches Kind mit runder Brust versichert, daß ihr »Sex und Jungens nicht mehr helfen können: Ich versuch's jetzt mit Jesus«. Und jubelnd tönt, daß eine Zuckerkranke plötzlich nur noch die halbe Dosis Insulin zu spritzen brauche.

Wem solche Massage noch kein Damaskus brachte, konnte sich bei der »Kontaktaufnahme mit Jesus« individuell beraten lassen: Junge Leute, das Schildchen »Seelsorger« an der Brust, trugen in der Pause die »Jesus liebt dich«-Botschaft direkt an den Mann.

Da hörten die Liebe-Diener freilich oft grobe Worte. »Ihr helft doch nur den Ausbeutern«, wurden sie gerügt; und als einer schwärmte. Jesus erfülle ihm jedes Wunsch-Gebet, fragte ihn ein Lehrling trocken, ob sich auch Lohnerhöhung erbeten lasse.

So stießen die Jesus-People teils auf Schafe, teils auf Böcke; ins Leere Stießen sie nicht. Was gelind erstaunt, denn irgendwelche Neuigkeiten bringen die frommen Brüder wirklich nicht.

Erweckungsbewegungen derlei pietistischer, puritanischer Art gab es schon

Gott weiß. wie viele. Lose Sitten. leere Kirchen boten Anlaß. sowie alle Zeichen, die auf ein nahes Ende deuteten.

Die Ideologien solcher Sekten sind im Pop-Pietismus der Jesus-People fast vollständig konserviert: missionarischer Drang etwa, Verachtung der Vernunft, ewiger Enthusiasmus, Lust am Dienen und Entsagen und eine kindliche Wundergläubigkeit.

Die Existenz des Herren erweist sich für Jesus-People schon an kleineren Mirakeln -- wenn er, beispielsweise. wunschgemäß eine Kerze verlöschen läßt. Von solchen Gottesbeweisen spricht der Festival-Leiter Krause mit dem Bedacht Ben Cartwrights.

Lernt man diesen Menschen näher kennen, reift Respekt für ihn heran. Krause entstammt einer pommerschen Baptisten-Sippe. ist Jugendpastor der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinden, hat zu seinen drei Kindern ein viertes adoptiert und leitet seit gut einem Jahr in einer öden St-Pauli-Straße ein »Jesus-Center«.

Mit 15 Helfern durchstreift er die Hamburger Gammler- und Schießer-Lokale, holt die Ausgeflippten zu Bibel. Brot und Bett ins »Jesus-Center« und erbittet Geld nur vom Herren; der zahlt, über Mittelsmänner, prompt.

Die Fixer sind für Krause, was für Jesus die Aussätzigen waren, und sie sind ihm wohl auch ein Zeichen, daß das Weltende und damit der Herre naht. Er verweist auf den Propheten Joel, und den Kindern in der Messehalle sagt er: »Tut Buße und laßt euch taufen.«

Dafür stand. in einer Ecke, ein gluckerndes Schwimmbassin bereit. Doch als am letzten Festival-Abend das große Taufen anheben sollte, hatte Satan, in Gestalt Hamburger Anarchisten, doch noch zugeschlagen: Durch eine Ladung Kalium-Permanganat war das Wasser violett verfärbt.

Durch diese Brühe wollte keiner zum Heil gelangen, und so war es ein Glück. daß schon am vorletzten Abend ein kleiner Trupp ins Wasser gegangen war: In reinem Weiß kletterten hauptsächlich Mädchen zu Krause ins Bassin, ließen sich tauchen und stiegen. zum »Halleluja« der Gemeinde. selig herfür.

Der Anblick der nassen Bräute erweckte auch in Unbekehrten freudige Empfindungen: und wenn durch diesen Pop-Jesus tatsächlich der eine oder andere von schlimmer Sucht befreit wird: nun denn, in Gottes Namen.

Ein bißchen von den alten High-Gefühlen kann man ja auch bei der neuen Droge finden. Im gemeinsamen Gebet, beim »sing and pray«, stellen sich durchaus ekstatische Stimmungen ein: Jeder ruft da. was ihn gerade plagt.

Einem »Bild«-Kenner entfuhr die Bitte: »Herr Jesus, mach, daß in der 'Bild-Zeitung' nichts Falsches über das Jesus-Festival berichtet wird.«

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