Gerhard Richter in New York German Horror

Bedeutende Ausstellung für einen bedeutenden Maler: Das New Yorker Metropolitan Museum zeigt Gerhard Richter - und offenbart die ganze Dramatik seines Werks.

Es hätte wohl sogar der Privatjet eines Sammlers bereitgestanden, um Gerhard Richter von Köln nach New York zu transportieren, doch am Ende haben die Ärzte "Nein" gesagt. Der wohl bedeutendste lebende Künstler ist 88 Jahre alt und bei der Eröffnung seiner triumphalen Ausstellung im New Yorker Metropolitan Museum nicht anwesend. Es heißt, er wollte unbedingt kommen, denn es geht hier noch einmal um Richters Lebensfrage, die er seit nunmehr sechzig Jahren erkundet. Lange Zeit wusste die Öffentlichkeit gar nicht, wie diese Frage lautete, denn der Maler hat sie jahrzehntelang verschleiert. Gerhard Richter hatte von seinem Werk stets verlangt, dass es für sich spreche, keiner weiteren Erläuterungen ihres Absenders bedürfe.

Rückblickend geht es für einen Künstler, der 1932 geboren wurde, der in der Nachwuchsorganisation der Hitlerjugend war, kurz vor Mauerbau aus der DDR floh und im westdeutschesten Westen, in Düsseldorf und Köln zum Weltstar wurde – natürlich geht es für so einen Künstler um die Frage, wie sich der Horror darstellen lässt, der für einen Angehörigen dieser Generation die deutsche Geschichte sein musste. Nachdem er Anfang der Sechzigerjahre inmitten all der westdeutschen Avantgardisten an der Kunstakademie in Düsseldorf gelandet war, hatte Richter behauptet, die Wahl seiner Sujets sei zufällig.

Der Wehrmachtssoldat "Onkel Rudi"? Abgemalt von einem zufällig entdeckten Foto. Die Familie am Meer? Irgendjemand. Das Mädchen mit dem Kind? Eine "Tante Marianne" eben. Er könne dazu keine weiteren Angaben machen.

"Die Provokation der Werke lag in ihrer vermeintlichen Bedeutungslosigkeit."

Benjamin Buchloh, Kurator

"Das war die damals ganz typische modernistische Apathie gegen biografische Erklärungsansätze", sagt Benjamin Buchloh, der, in enger Zusammenarbeit mit Gerhard Richter selbst, einer der Kuratoren der Ausstellung ist. Buchloh ist mit Richter seit 1972 befreundet. Die beiden haben sich vor fast 50 Jahren in Düsseldorf kennengelernt, heute lehrt Buchloh Kunstgeschichte an der Harvard University. Buchloh sagt, auch ihm sei die abgründige Ebene der Bilder damals nicht aufgefallen. "Niemand hat gefragt, warum das Bild 'Tante Marianne' hieß. Die Provokation der Werke lag in ihrer vermeintlichen Bedeutungslosigkeit."

In Wirklichkeit war der Wehrmachtssoldat Richters eigener Onkel, die Familie am Meer war die seines Schwiegervaters, das Mädchen seine Tante, das Kind er selbst, alles abgemalt von Familienfotos. Er hatte seine Mutter gebeten, sie ihm aus der DDR zu schicken. Auch die schauderhafte Verstrickung, in der sich diese Fotos zueinander befanden, kam erst vierzig Jahre später durch den Journalisten Jürgen Schreiber heraus: Der Mann, der später Richters Schwiegervater werden sollte und der auf dem Gemälde mit seiner Frau und beiden Töchtern am Meer zu sehen ist, war als Gynäkologe und SS-Mann während des Dritten Reichs für das Euthanasieprogramm der Nazis mitverantwortlich. Seine Tante Marianne, auf dem Gemälde mit Richter selbst zu sehen, war 1945 wegen vermeintlicher Geisteskrankheit von den Nazis getötet worden. Der Mann, der dafür mitverantwortlich war, wurde gute zehn Jahre später Richters Schwiegervater.

Vom Biografischen und Gefühligen sollte niemand wissen

Mit diesen Bildern von 1964 und ’65 beginnt die Ausstellung im Metropolitan Museum, dazu gehört noch ein weiteres Bild, "Herr Heyde", das den Leiter der Euthanasiezentrale bei seiner Verhaftung 1959 zeigt, die Vorlage dafür war übrigens ein Foto aus dem SPIEGEL.

Gerhard Richter hatte vor 1965 schon versucht, die deutsche Geschichte in seinen Werken zu verarbeiten, doch er scheiterte. Die Ergebnisse fühlten sich hohl und pseudokritisch an. Erst als er die eigene biografische Verstrickung hinzufügte, schien Richter in den Bildern eine Art Wahrhaftigkeit zu erkennen. Doch das Biografische und Gefühlige, niemand sollte davon wissen. Gerhard Richter galt jahrzehntelang als kalter Künstler – in Wirklichkeit lag nichts der Wahrheit ferner.

Im letzten Raum der Ausstellung, ein Stockwerk tiefer, ist dann der voraussichtliche Endpunkt von Richters Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte zu sehen. 50 Jahre, ein ganzes Leben und ein gesamtes Werk liegen dazwischen. Er besteht aus vier Fotos, vier Ölgemälden und vier Digitalprints der Ölgemälde und stammt aus dem Jahr 2014, Richter war da schon über 80 Jahre alt. Er hat es "Birkenau" genannt.

Wieder ist es so, dass der Betrachter ohne diese Zusatzinformation Schwierigkeiten hätte, den Ölgemälden sowie ihren digitalen Kopien Bedeutung zuzuschreiben. Richter hatte sie nach ihrer Fertigstellung zunächst ohne den Titel und ohne die Vorlagenfotos in Dresden gezeigt. Die Fotos zeigen Szenen aus dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, die ein Häftling herausschmuggeln konnten. Zwei der Fotos zeigen brennende Leichen.

Auch sechzig Jahre später gibt es keine Erlösung

Auf den Ölgemälden sind graue und rote Richter-typische Schlieren zu sehen. Sie wecken bedrohliche Gefühle, das ist aber auch alles. Darüber hinaus sagen sie nichts. Unter den Ölschichten befinden sich angeblich die Skizzen der Fotos, die Richter versucht hat, zu übertragen. Doch zu erkennen ist nichts mehr. Richter hat sie alle übermalt. Offenbar gibt es für Richter auch sechzig Jahre später keine Erlösung.

Wenn die Bilder etwas sagen, dann sprechen sie von der Nichtdarstellbarkeit des Holocaust. Und ihnen gegenüber hängen ihre digitalen Klone. Das Unaussprechliche ist also noch nicht einmal mehr einzigartig. Es kann reproduziert werden.

Es ist das große Verdienst von "Painting After All", so der Ausstellungstitel, Gerhard Richters ohnehin einzigartiges Werk zwischen diesen beiden Polen – die deutsche Geschichte aus der Sicht des Jahres 1965 und die deutsche Geschichte aus der Sicht des Jahres 2014 – sinnvoll einzuhängen: Seine tragische Familiengeschichte, der Horror der deutschen Geschichte, am Ende bleibt es Malerei. Painting after all.

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