Podcast von Gerhard Schröder Bewegter Unruhezustand

Gerhard Schröder hat jetzt einen Podcast. Da spaziert er durch die Themen wie ein Rockstar durch das Kaufhaus Harrods: Man hat es eigens für ihn geöffnet, Geld spielt keine Rolle - aber er braucht und findet nichts.
Gerhard Schröder mit Béla Anda, seinem früheren Regierungssprecher, bei der Podcastaufnahme

Gerhard Schröder mit Béla Anda, seinem früheren Regierungssprecher, bei der Podcastaufnahme

Foto:

---/ dpa

"Ja, Gerd." So programmatisch beginnt die erste von acht Folgen des Podcasts "Die Agenda", in dem der ehemalige Regierungssprecher Béla Anda seinen einstigen Chef Gerhard Schröder besucht. Es ist angenehme Affirmation im Duzton, gleich sehr gemütlich und für heutige Erwachsene auch angenehm nostalgisch. Das Thema fehlt ein bisschen, aber der Überschwang des Wiedersehens trägt leicht darüber hinweg, eine Weile jedenfalls. Schröder pflegt seine alten Sprachspezialitäten und sagt "im Übrigen" selbst dann, wenn er gar keinen Rest bezeichnen, sondern einfach ein bisschen weiterreden möchte.

Gleich zu Beginn geht es um Gerd "ganz persönlich" in der Corona-Zeit. Der Bundeskanzler a.D. möchte das Thema wechseln und über Sport reden, findet aber nicht recht hinein. Es wirkt zunächst so, als fordere er, die distanzierten Individualsportarten Tennis und Golf als weniger riskant einzustufen; nur stünden die im Ruf, Sport für Wohlhabende zu sein. Schröder bestreitet das, kommt dann aber lieber auf die Bundesliga zu sprechen. Die sei ein Business, stellt er fest, aber es wird nicht klar, ob sie deswegen begünstigt oder reguliert werden sollte.

Schröder spaziert durch die Landschaft der Themen wie ein schwerreicher Rockstar durch das Londoner Kaufhaus Harrods: Man hat es eigens für ihn geöffnet, Geld spielt keine Rolle, aber er braucht und findet nichts.

Im Beruf "wenig gefordert"

Ja, Gerd. Anda behauptet, in der Corona-Zeit hätten viele die "Regenrinne sauber machen" wollen und man lauscht aufmerksam, wie der Absatz weitergehen mag, aber dann kommt er auf das Thema Bücher. Schröder erläutert, dass er die Bücher gelesen habe, "die da immer lagen." Die beiden Bücher von Florian Illies und die beiden Bände der Biografie von Churchill - erkennbar ist das wieder nichts Spannendes für ihn.

Schröder bedauert, im Beruf "wenig gefordert zu sein, und zwar in jeder Hinsicht." Man kann das als eine Spitze gegen den allzu gemütlichen Podcast verstehen, war aber vermutlich nicht so gemeint. Ihm fehlt Action.

Als ständiger Bewohner der kuriosen, ein wenig traurigen Welt der bundesdeutschen Prominenten versucht Schröder, etwas Privates einzuflechten. Die Maske, die habe er unter dem Einfluss seiner aus Südkorea stammenden Ehefrau zu tragen gelernt. Übrigens scheint sie auch welche herzustellen, jedenfalls klingt es im Gespräch so, als seien auch die Andas mit zwei Masken aus Schröderscher Produktion bedacht worden. Béla Anda sagt tapfer, er freue sich darauf, diese Masken anzuziehen.

Gerhard Schröder und die Liebe, das wäre auch ein schönes Thema für ein Gespräch. Wie er sich mit seinen Ehefrauen veränderte, was er suchte, was ihn enttäuschte und wie er auf die Jahre zurückblickt. Aber Schröder schaut auch dieses Thema bald gelangweilt an und dreht sein Kaleidoskop weiter.

Richtig polemisch kann er leider nicht werden, die Zeiten sind nicht so. Und wie wäre ein Bundeskanzler a.D., der holzt wie im Wahlkampf? Eigentlich große Klasse, nach Schröders Geschmack. Ob er oft versucht war, die "Bild" Zeitung anzurufen und zu erklären: Freunde, ich bin wieder da? SPD-Vorsitz, Kanzlerkandidatur – wer hätte sich ihm entgegenstellen sollen? Es gibt keine Amtszeitbeschränkungen im Grundgesetz und er ist jünger als Joe Biden. Ja, Gerd.

Gibt es im Leben noch etwas außer Macht und Geld?

Aber Schröder ist ein kluger Mann, also arbeitet er brav im Podcast seine konsensuelle Lobliste ab: der Finanz- und der Sozialminister zuerst. Wenn er ihre Namen nennt, zieht er sie maximal zusammen und so klingen sie fast wie eine alteingesessene Firma: ScholzunHeil. Er lobt Spahn, die Kanzlerin und sogar den Außenminister, obwohl er mit ihm, wie er anfügt, so seine Differenzen hat.

Ja, Gerd, einige zündende Einzeiler braucht so ein Podcast aber schon. Schröder ist nach wie vor ein fleißiger Mann, auch hier bekommt das Publikum Pointen zum Nacherzählen. Zu Trumps Engagement in Korea bemerkt er: "Für ihn war das Show, für die anderen ist das Schicksal." Und dem bunten Volk der Corona-Maßnahmen-Gegner sagt er: "Idioten auf dieser Welt gab es immer."

Das Gespräch wechselt dann zwischen privaten Themen wie dem Leben in Seoul und Reminiszenzen an den Wahlkampf gegen Edmund Stoiber, es ist ein Starten und Abbremsen. Schröder redet manchmal nur im Notizmodus, nennt Begriffe und dann, als würde er es mit grüner Cheftinte an den Rand eines Redenentwurfs notieren, ruft er: "Differenzieren!"

Es ist tragisch

Die halbstündige Themensuche entspricht der Schwierigkeit, die der ehemalige Bundeskanzler hat, in seine öffentliche Rolle als ehemaliger Bundeskanzler zu finden. Helmut Schmidt wurde nach seiner Amtszeit populär, wohlhabend und geachtet, Schröder ist bislang nur die Sache mit dem Geld gelungen. Ins Gespräch streut er zuverlässig Bemerkungen, die allesamt in Moskau gut ankommen dürften – Kritisches über irgendein russisches Phänomen kommt ihm aber nicht über die Lippen. In diesem Punkt gleicht er Trump, man kann das rational gar nicht fassen.

Wie seine Altersgenossen Bill Clinton und Tony Blair erlebt Schröder nach dem Ende der Amtszeit einen bewegten Unruhezustand: Alle drei sind reich, fit und prominent, aber wozu? Von einer Rolle als Elder Statesmen, gar einer moralischen Instanz, sind sie alle drei aus unterschiedlichen Gründen weit entfernt. Für ein Trio, das Ende des vergangenen Jahrhunderts so idealistisch angetreten war, die Welt zu reformieren, ist das eine bittere Bilanz.

Gibt es im Leben noch etwas außer Macht und Geld? Im Podcast hebt Schröder interessanterweise auf das Miteinander, auf den Sozialstaat ab. Der liege ihm am Herzen. Es ist tragisch. Verbindet sonst noch jemand seinen Namen mit dem Sozialstaatsgedanken? In der nächsten Folge, die am kommenden Dienstag veröffentlicht wird, geht es dann um die Bewältigung der Wirtschaftskrise.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.