Sebastian Hammelehle

Schröder und die Currywurst Willkommen im postphallischen Zeitalter

Sebastian Hammelehle
Eine Glosse von Sebastian Hammelehle
Altbundeskanzler Schröder will den Lieblingsimbiss der Deutschen retten – warum das denn?
Kanzler Schröder, Currywurst (2005 in Berlin): »Kraftriegel des Facharbeiters«

Kanzler Schröder, Currywurst (2005 in Berlin): »Kraftriegel des Facharbeiters«

Foto: Carsten Koall / Getty Images

Irgendwann, es muss in den Nullerjahren gewesen sein, wurde in Berlin ein neuer Hauptbahnhof errichtet. Der Architekt hatte ein schönes, langes Glasdach entworfen. Doch im Bau war dieses Dach irgendwie kürzer geworden. Der Architekt ärgerte sich. Als es sich ergab, nutzte er die Gelegenheit, sich an höchster Stelle zu beschweren. Beim Bundeskanzler. Der, im Kanzleramt Nachbar des neuen Bahnhofs, hatte dafür wenig Verständnis: »Mensch, die Wurst ist lang genug. Ich sehe sie jeden Tag.«

Muss man an dieser Stelle nachtragen, dass es sich bei diesem Kanzler um Gerhard Schröder handelte und dass er mit der Wurst das Glasdach gemeint hat?

Die Ära Schröder war die Zeit, als die Wurst selbst, oder zumindest alles, was wurstförmig, wurstnah oder wenigstens wurstartig war, die Staatsräson bestimmte. »Bild«, »BamS« und Glotze waren die Leitmedien der politischen Kommunikation, »Hol mir mal 'ne Flasche Bier« der Hit mit dem Schrödersample – und dann war da noch die Zigarre, das Insignium einer Epoche, in der die Männer noch Schwänze hatten. Verzeihung, alberne Anspielung auf einen alten Filmtitel . Aber so war er, der Humor der Schröderjahre: bewusst unkorrekt.

Die Wurst als Wille und Vorstellung

Das ist heute alles ein bisschen anders. Die Wurst wie auch die Zigarre sind von ihren Gegnerinnen und Gegnern längst enttarnt als das, was sie in deren Augen eigentlich sind: überkommene Insignien toxischer Männlichkeit, weder klimafreundlich noch abgasneutral. Wir leben schließlich in postphallischen Zeiten. Die heutigen Statussymbole sind nachhaltig, moralisch vorzeigbar und grün.

Eine Firma wie Volkswagen würde wohl kaum mehr auf die Idee kommen, den Phaeton auf den Markt zu bringen, die größenwahnsinnige Luxuskarosse der Schröderjahre. VW wirbt heute mit einem Elektroauto namens ID.3. Klingt irgendwie nach iPhone. Also zeitgemäß. Und damit attraktiv für all diejenigen, die sich vom Benzingestank, vom Zigarrenrauch, vom Männerschweiß, von all den Ausdünstungen vergangener Tage also verabschieden wollen.

Wer in dieser Zielgruppe würde noch Fleisch essen? Insofern ist es nur konsequent, dass Volkswagen in der Kantine des sogenannten Wolfsburger Markenhochhauses nun in einer symbolträchtigen Aktion alle Fleischgerichte abgeschafft hat, Currywurst inklusive. Symbolpolitik ist schließlich in Mode. Sie kostet wenig, sie ist gut fürs Image. Und stets findet sich irgendein fossiler Lieblingsfeind des progressiven Lagers, um der Sache den nötigen medialen Wirbel zu verschaffen. Das kann die Uefa sein, Friedrich Merz oder Boris Palmer. In Wurstfragen wohl vor allem Gerhard Schröder.

Die Wurst von gestern

In einem Post auf LinkedIn versuchte sich der frühere Basta-Kanzler noch einmal an einem Machtwort: »Currywurst mit Pommes ist einer der Kraftriegel der Facharbeiterin und des Facharbeiters in der Produktion. Das soll so bleiben.« Auch einen Hashtag setzte er: #RettetdieCurrywurst.

Ach, die Currywurst. Besungen von Herbert Grönemeyer, beschrieben von Uwe Timm, verspeist von zahllosen »Tatort«-Kommissaren, zum deutschen Nationalimbiss überhöht, nun soll sie verschwinden, unkorrektes Relikt einer Zeit, als die Männer noch Würste hatten? Verzeihung, noch eine alberne Anspielung. Der Geist der Schröderjahre, so ganz vergeht er eben doch nicht – weder in unseren Köpfen, noch im Internet.

Als Wahlkämpfer war Gerhard Schröder genial. Er konnte vereinfachen und zuspitzen, ohne dass es platt wirkte, manchmal war er dreist und manchmal alarmistisch. Klingt wie eine Betriebsanleitung für Social Media. Jetzt kämpft Schröder dort für die Currywurst. Ein bisschen übertrieben. Schließlich ist die Currywurst noch immer allgegenwärtig, in 29 anderen Volkswagenkantinen zum Beispiel. Man sieht sie eigentlich jeden Tag, mittlerweile sogar vegan.

Was Schröder eigentlich ansprechen will, ist wohl etwas Anderes, etwas Irrationales. Die Currywurst ist hier nur ein emotional aufgeladenes Symbol für ein Gefühl, das er mit vielen anderen teilen möchte. Mit vielen Männern, nicht nur seiner Generation; womöglich auch mit vielen Facharbeitern, die einst Stammwähler der SPD waren, und heute politisch heimatlos sind. Es ist ein Verdacht: Nicht nur die Wurst könnte als gestrig gelten – sondern man selbst. Denn es ist ja weniger der Phaeton, der dem modernen Männertyp entspricht, sondern das Elektroauto. Qualmt nicht, beansprucht wenig Platz und schnurrt leise vor sich hin.

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