Zur Ausgabe
Artikel 78 / 100
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

MUSIK Geschäft der Saison

Musikpiraten verdienen in diesem Jahr an illegal hergestellten Platten und Tonband-Kassetten fast eine Milliarde Mark. Jetzt unterzeichneten 23 Nationen eine Konvention gegen den Diebstahl von Tonaufnahmen.
aus DER SPIEGEL 48/1971

Ein »großes weißes Wunder« erschreckte die amerikanische Schallplattenindustrie. Musikpiraten hatten vor zwei Jahren unter diesem Titel eine Langspielplatte mit Liedern des Sängers Bob Dylan illegal veröffentlicht.

»Wenn dieses Beispiel Schule macht«. befürchteten die Manager der Firma Columbia Records, die Dylans Platten offiziell preßt, »gehen wir schwarzen Zeiten entgegen.« Die dunklen Tage sind gekommen: Raubpressungen und unerlaubt bespielte Tonband-Kassetten sind das Geschäft der Saison.

Vom Erfolg des »Great White Wonder« angeregt (bisherige Gesamtauflage: 355 000), brachten die Musikpiraten mittlerweile 18 weitere Dylan-Platten sowie eine nicht mehr feststellbare Zahl von Schwarzpressungen anderer Top-Interpreten in den Handel. Zudem wird mindestens jede vierte in den USA veröffentlichte Tonband-Kassette ohne Lizenz hergestellt.

Dem soll nun Einhalt geboten werden. Ende letzten Monats unterzeichneten in Genf 23 Staaten eine Konvention gegen die Schallplatten- und Tonband-Piraterie. Denn der Musik-Diebstahl. von Fälscher- und Schieberringen in großem Stil betrieben, ist längst nicht mehr auf Amerika beschränkt.

Etwa 100 Millionen Langspielplatten und Tonband-Kassetten, schätzt die In-

* Mit gefälschten Tonband-Kassetten und (im Vordergrund) den Originalen zum Vergleich.

ternationale Vereinigung der Phonographischen Industrie, werden alljährlich in der ganzen Welt widerrechtlich produziert und vertrieben. Die Fälschungen sind von den Originalprodukten meist nicht zu unterscheiden; dadurch verlieren die legalen Musikfirmen pro Jahr beinah eine Milliarde Mark.

Besonders gut im Geschäft sind die Piraten in Südostasien; in Malaysia, Indonesien, Taiwan, auf den Philippinen und im Iran etwa liegt ihr Marktanteil bei 80 Prozent. im Iran, wo täglich rund 50 000 Raubplatten produziert werden, mußte die Deutsche Grammophon Gesellschaft (DGG) kürzlich eine Zweigniederlassung schließen, weil sie mit den Preisen der Fälscher nicht mehr mithalten konnte -- eine Entwicklung, die den Plattenkonzernen als existenzgefährdend erscheint.

»Wenn wir«, sagt der Hamburger DGG-Justitiar Günther Gentz, dessen Gesellschaft heftig bestohlen wird, »erst einmal auf großen Märkten in die roten Zahlen geraten, können wir einpacken.«

Die Furcht ist nicht unbegründet. Denn die Raub-Platten und -Bänder sind meist um die Hälfte billiger als die Erzeugnisse der legalen Konkurrenz. Im Orient kaufen US-Touristen ihre Lieblingsschlager. angeblich »made in USA«, oft sogar zu einem Viertel des amerikanischen Preises. Die Piraten zahlen nämlich weder Musikerhonorare noch Urhebertantiemen, sie brauchen keine teuren Studios, keine Werbung, und sie führen keine Kataloge. Außerdem kopieren sie ausschließlich Hits« die große Umsätze garantieren.

So hat sich eine Untergrund-Großindustrie etabliert, die bei geringen Investitionen (gebraucht wird nur ein Stereo-Vervielfältigungssystem) in vier Minuten eine 60-Minuten-Bandkassette fertigen kann -- Warenzeichen und Copyright-Marke eingeschlossen. Die größten Fälscher-Werkstätten. vermutet das FBI, werden von der Mafia finanziert.

In Phoenix im US-Staat Arizona beschlagnahmte die Polizei unlängst 30 Tonnen Vervielfältigungs- und Verpackungsmaschinen; die Fabrik hatte bei einem Monatsumsatz von einer Million Dollar 100 Angestellte beschäftigt und 80 000 Bandkassetten pro Woche hergestellt. 40 Piraten. die in Süd-Kalifornien unter dem Firmennamen »Rubber Dubber« arbeiteten, produzierten 300 000 Langspielplatten in einem Jahr.

Die meisten Tonbänder jedoch werden von Inhabern kleiner Plattengeschäfte in Kellern und Hinterzimmern bespielt. Ihre Tonqualität ist oft mangelhaft -- zumal in Deutschland, wo die Piraten bislang rund ein Zehntel des Kassettenumsatzes bestreiten.

Immer wieder schicken verärgerte Kunden Roy-Black-, Ivan-Rebroff- und Heintje-Kassetten als »technisch ungenügend« an die deutschen Vertragsfirmen der Schlagersänger zurück; es sind in der Regel Fälschungen. »Wir verlieren dadurch«, sagt Justitiar Gentz, »nicht nur Geld und Marktanteile. sondern auch unser Renommee.«

Bisher hat Gentz 15 einstweilige Verfügungen gegen Grossisten und Importeure erwirkt, die Piraten-Erzeugnisse ausgeliefert hatten. Die Hersteller jedoch waren nicht zu ermitteln. Sie verbergen sich hinter Postfach-Nummern und Deckadressen und sind »unbekannt verzogen«, wenn die Polizei kommt.

Von der in Genf verabschiedeten Konvention. die nun von den Unterzeichnerstaaten ratifiziert werden muß, versprechen sich die deutschen Schallplattengesellschaften »eine erhebliche Verbesserung der Situation«. Denn nach Paragraph 108 des deutschen Urheberrechts sind beispielsweise aus den USA stammende Tonaufnahmen in der Bundesrepublik nicht geschützt. Das wird sich ändern, wenn in beiden Ländern das Abkommen rechtskräftig ist.

Noch bedeutsamer ist die Genfer Übereinkunft für Amerika und England, wo demnächst (in den USA am 15. Februar 1973) Gesetze wirksam werden sollen, die Fälscher mit harten Strafen bedrohen.

In den Vereinigten Staaten gibt es derzeit kein bundeseinheitliches Urheberrechtsgesetz, das Schallplatten und Tonbänder einschließt; lediglich die Staaten New York und Kalifornien verbieten Überspielungen zu kommerziellen Zwecken. Das bedeutet, daß eine Plattenfirma in jedem US-Bundesland, in dem Piratenprodukte angeboten werden, einen kostspieligen Prozeß anstrengen muß. In Großbritannien können Musikpiraten gegenwärtig nur mit einer Buße von 83,25 Mark belegt werden. Und das ist, sagt ein Londoner Musikverleger. »so lächerlich wie ein Parkverbot-Ticket«.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 78 / 100
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.