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ARZNEIMITTEL Geschäft im Dunkeln

Daß das Rheumamittel »Coxigon« erst jetzt vom Markt genommen wurde, ist ein Skandal: Die Herstellerfirma wußte von Anfang an um schwere Nebenwirkungen, die Arzneimittel-Aufsicht hat versagt.
aus DER SPIEGEL 33/1982

Die ersten skeptischen Erfahrungsberichte behandelnder Ärzte, veröffentlicht im seriösen »British Medical Journal«, klangen fast kurios. Bei zahlreichen Patienten, die mit dem neuen Anti-Rheuma-Mittel Benoxaprofen traktiert worden waren, hatten die Mediziner wunderliche Veränderungen festgestellt.

Viele der meist älteren Rheuma-Kranken entwickelten unter Benoxaprofen-Einfluß eine starke Überempfindlichkeit gegen Lichtstrahlen. Auf ihrer Haut entstanden juckende Quaddeln, sobald sie sich auch nur mattem Sonnenschein aussetzten. Vor jedem Gang ins Freie mußten sie sich deshalb mit Sonnenschutzöl einreiben.

Zugleich begannen auf den betroffenen Hautpartien der Rheumatiker Haare zu sprießen. Sogar auf den Glatzköpfen einiger greiser Patienten regte sich neuer Haarwuchs. Doch mit verstärktem Wachstum reagierten in vielen Fällen auch die Fuß- und Fingernägel - sie wucherten mitunter so heftig, daß sie sich von den Nagelbetten ablösten.

Damit freilich wurden, wie sich bald herausstellte, nur die eher harmlosen Nebenwirkungen eines Medikaments beschrieben, das der amerikanische Pharma-Konzern Eli Lilly 1980 zunächst in Großbritannien auf den Markt gebracht hatte. Je länger das Mittel dort im Handel war, desto bedrohlicher hörte sich an, was die Ärzte über immer neue Nebenfolgen bei der Benoxaprofen-Behandlung zu berichten wußten.

Die Anti-Rheuma-Droge, warnten sie, könne Magen- und Zwölffingerdarm-Geschwüre mit schweren inneren Blutungen auslösen, ferner zu Nieren- und Leberdefekten führen, dabei Gelbsucht verursachen, die Sehnerven schädigen und das Blutbild gefährlich verändern. Auch seien Herzrhythmusstörungen, Schädigungen des Knochenmarks sowie der Schleimhäute häufig zu beobachten und immer wieder ausgedehnte, gelegentlich tumorartige Ausschläge: Einer seiner Patienten, so illustrierte ein Mediziner die Hautreaktionen, habe ausgesehen, als sei er »mit einer Lötlampe behandelt« worden.

Bis Mitte 1982 hatten die Ärzte in Großbritannien rund 3500 Zwischenfälle gemeldet, davon 61 mit tödlichem Ausgang. Doch die Behörden warteten ab. Erst jetzt, Anfang August, entschloß sich das britische Komitee für Arzneimittelsicherheit, einen vorläufigen Schlußstrich unter die Schreckensbilanz zu ziehen: Die Pharma-Wächter setzten, vorerst für einen Zeitraum von drei Monaten, die Benoxaprofen-Zulassung außer Kraft.

Nun hatte es plötzlich auch die Herstellerfirma Eli Lilly eilig. Schon am Tag nach der britischen Entscheidung nahm sie das inkriminierte Mittel weltweit vom Markt - gerade rechtzeitig, um einem Verbot auch in anderen Ländern zuvorzukommen, zu spät, um einen weiteren Pharma-Skandal zu verhindern.

Der jüngste »große Arzneimittelfall«, so letzte Woche die »Frankfurter Allgemeine«, läßt mittlerweile deutlich erkennen, daß sich in Sachen Arzneimittelsicherheit während der letzten Jahre so gut wie nichts gebessert hat. Wie etwa vor rund 20 Jahren im Contergan-Fall wurden auch diesmal Warnungen und Risikomeldungen von der Industrie in den Wind geschlagen oder bagatellisiert, während die Aufsichtsbehörden längst überfällige Entscheidungen immer wieder fahrlässig hinausschoben.

Nicht nur in Großbritannien und in den USA, auch in der Bundesrepublik, wo Benoxaprofen seit Anfang 1981 unter dem Markennamen »Coxigon« im Handel war, stellten sich die staatlichen Pharma-Aufseher durchweg taub. Obwohl sich Coxigon auf dem westdeutschen Markt nicht so zügig durchsetzte wie das entsprechende Präparat ("Opren") in Großbritannien, gingen gleichwohl auch beim Bundesgesundheitsamt in Berlin seit Mai 1981 insgesamt 91 zum Teil gravierende Verdachtsmeldungen ein - zweimal immerhin wurde Coxigon dabei mit Todesfällen in Verbindung gebracht.

Doch die Berliner Gesundheitsbeamten dachten zu keinem Zeitpunkt daran, Coxigon aus dem Verkehr zu ziehen. Sichtlich erleichtert begrüßten sie jetzt das Stoppsignal, mit dem Eli Lilly die kurze Karriere des Anti-Rheuma-Mittels fürs erste abrupt beendete.

Mit gewaltigem Propagandagetöse und großen Verheißungen hatte sie begonnen. Coxigon, so hatten die Reklame-Trompeter bei der Einführung des Mittels in der Bundesrepublik 1981 verkündet, lasse »nach bisherigen Erkenntnissen erwarten, daß die Gelenkzerstörungen beim Rheuma beeinflußbar werden, ohne daß gleichzeitig die Gefahr schwerer Nebenwirkungen geschaffen wird«. Und noch deutlicher: »Die von vielen herkömmlichen Antirheumatika bekannten Magen-Darm-Beschwerden werden mit Coxigon vermieden.«

Überdies, so die Werbestrategen weiter, unterscheide sich das neue Medikament von den bisherigen Mitteln auch »hinsichtlich des Wirkprinzips": »Coxigon hemmt die Wanderung von entzündungsfördernden Zellen (Monozyten) zum rheumatischen Gelenk. Dadurch kann man erwarten, daß eine Verschlechterung der betroffenen Gelenke weitgehend verhindert wird. Zum ersten Mal kann man jetzt bei der Behandlung rheumatischer Erkrankungen mehr tun als nur die Symptome bekämpfen.«

Derlei Formulierungen, so schien es damals, versprachen trotz allerlei vager Wendungen («... kann man erwarten ...") sensationelle Fortschritte in der Rheuma-Behandlung - und einen fast hundertprozentig sicheren Geschäftserfolg für Eli Lilly. Denn da die Ursachen rheumatischer Erkrankungen bis heute nahezu gänzlich unbekannt sind, fehlte es - bis auf wenige Ausnahmen, die nur in einigen Spezialfällen helfen - auch an Heilmitteln, mit denen das Übel an der Wurzel kuriert werden kann.

Andererseits gilt Rheuma in allen Industrieländern als Volkskrankheit Nummer eins. Mindestens zehn Prozent der Bevölkerung dort sind nach Schätzungen der Experten rheumakrank. Die Patienten leiden nicht nur unter extremen Schmerzzuständen, sondern häufig auch S.165 unter schweren Behinderungen etwa durch Gelenkversteifungen oder Skelett-Deformationen, die schließlich zu einem Krüppeldasein führen können - eine Millionen-Klientel also für Eli Lilly, die begierig die Heilsbotschaft der Coxigon-Macher aufnahm.

Dafür sorgten, mit bis dahin unbekannter Geschicklichkeit, die Werbestrategen des Pharma-Multis; von vornherein nahmen sie bei ihren Einführungskampagnen - zunächst in Großbritannien, später ebenso in der Bundesrepublik - via Presse und Fernsehen das Laien-Publikum ins Visier. So luden sie Zeitungs- und Fernsehjournalisten in noble Hotels wie etwa Hamburgs »Vier Jahreszeiten«, wo die medizinisch meist wenig versierten Redakteure aus Expertenmund über das kommende Opren- oder Coxigon-Wunder unterrichtet wurden, mit Erfolg: In den Zeitungen, in Großbritannien auch auf den Bildschirmen, wurde lauthals eine »neue Ära« der Rheuma-Behandlung ausgerufen.

Vor allem in britischen Arztpraxen sahen sich daraufhin die Doktoren von Rheumatikern bedrängt, die, mit den Zeitungsausschnitten in der Hand, das vielversprechende neue Heilmittel verlangten. Die »heavy promotion« der US-Firma, klagte im November 1980 das »British Medical Journal«, mache es der Ärzteschaft fast unmöglich, die Pharma-Neuheit verantwortungsbewußt zu erproben und mit der gebotenen Vorsicht zu verschreiben.

Womöglich lag es an der aggressiven, marktschreierischen Propaganda von Eli Lilly, daß die Benoxaprofen-Präparate von der Fachwelt anfangs eher mit Skepsis betrachtet wurden. Was immer mit Benoxaprofen bewirkt werden könne, erklärte etwa der Rheuma-Spezialist Dr. Frederic McDuffie von der amerikanischen Arthritis Foundation, »kann man auch mit Aspirin erreichen, vorausgesetzt, man verordnet genug davon«.

Zurückhaltung übten zunächst die Experten auch in der Bundesrepublik, wo das neue Mittel von der Laienpresse gleichfalls erst einmal hochgelobt wurde. Trotz öffentlicher Jubelrufe aber - »neue Hoffnung für viele Rheuma-Patienten« versprach etwa die Berliner Funksendung »Echo am Morgen« - war Coxigon im Mai 1980 bei der Zulassungsprüfung durch das Bundesgesundheitsamt im ersten Anlauf durchgefallen.

Gescheitert war der Versuch am Widerstand einer Gruppe von Rheumatologen (im Branchenjargon: »Klub der Sizilianer"), in der Professor Klaus Miehlke aus Wiesbaden die tonangebende Rolle spielt. Miehlke, Chef einer Rheumaklinik, rühmte sich anschließend auf einem Medizinerkongreß in Wien, maßgeblich an der ablehnenden Coxigon-Entscheidung mitgewirkt zu haben.

Überraschend schnell jedoch, noch im selben Jahr 1980, revidierte Miehlke sein Urteil. »Wenn Coxigon«, erkannte er jetzt, »die Monozyten hemmt und so kausal wirkt, müssen wir das Mittel in die Hände bekommen.« Offenbar hatten die Coxigon-Hersteller einen Weg gefunden, den Professor doch noch vom Nutzen des neuen Präparats zu überzeugen, das dann im zweiten Durchgang, im November 1980, doch zugelassen wurde.

Dabei, glauben Insider, habe Eli Lilly unter Zeitdruck gestanden. Denn hätte sich die Coxigon-Zulassung noch länger verzögert, so wäre der Marktstart des Medikaments womöglich in den Sommer 1981 gefallen. Dann aber wären jene entstellenden Nebenwirkungen allzu rasch publik geworden, die bei Sonnenlicht entstehen - und die bei Eli Lilly von Anfang an bekannt waren, doch als »kosmetische Probleme« stets heruntergespielt wurden.

Wohl nicht zuletzt dank Miehlkes Meinungswandel konnte die Firma Coxigon in der trüben Jahreszeit, Anfang 1981, in den westdeutschen Handel bringen. Und im Schutz der winterlichen Dunkelheit gedieh das Geschäft auf Anhieb. Schon im März 1981 zählte die geheime Pharma-Statistik des Frankfurter Instituts für Medizinische Statistik (IMS) Coxigon zu den »erfolgreichsten Präparaten im dritten Monat nach Ausbietung«. In der IMS-Rangliste der »zehn erfolgreichsten Hersteller mit neuen Präparaten« lag Eli Lilly auf Platz drei.

Aus dem Stand erzielte der Pharma-Konzern mit Coxigon einen Monatsumsatz von rund 975 000 Mark ab Fabrik - was einem Monatsabsatz von 45 100 Coxigon-Packungen entsprach, die überwiegend von den niedergelassenen Ärzten verschrieben wurden.

Das war allerdings nicht viel im Vergleich zum Benoxaprofen-Boom in Großbritannien; dort wurden 1981 mindestens achtmal so viele Packungen verkauft wie in der Bundesrepublik. Entsprechend zahlreicher waren die Meldungen über unerwünschte Nebenwirkungen, die bei den britischen Gesundheitsbehörden einliefen - ein Umstand, der die deutschen Arzneimittelwächter in Berlin offensichtlich beruhigte: Allem Anschein nach gingen sie davon aus, daß Benoxaprofen ausschließlich in Großbritannien ein Pharma-Risiko darstelle.

So überließ das Bundesgesundheitsamt - weit davon entfernt, die britischen Risikoberechnungen statistisch auszuwerten und auf bundesdeutsche Verhältnisse zu übertragen - allein der Herstellerfirma die Aufgabe, möglicherweise notwendige Sicherheitsmaßnahmen zu treffen. Erst als Eli Lilly das Präparat bereits vom Markt genommen hatte, wurde die Behörde aktiv: Sie spendierte sich ein Eigenlob.

Die mit der ihrer »Zulassungsentscheidung ausgesprochenen Einschränkungen«, so das Amt, hätten bewirkt, daß in »Deutschland Zahl und Schwere der unerwünschten Wirkungen nicht das Ausmaß erreichten wie in Großbritannien« - was der Wahrheit kaum entspricht: Die britischen Ärzte waren über Benoxaprofen-Nebenwirkungen besser informiert als die deutschen Kollegen.

Saumseligkeit allerdings hat im Benoxaprofen-Fall nicht nur das Bundesgesundheitsamt bewiesen; auch die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA leistete bei der Zulassung des Anti-Rheuma-Mittels, so »Time«, »schlampige Arbeit": Wie sich jetzt herausstellte, hatten die US-Beamten wichtige Hinweise auf mögliche Nebenwirkungen, darunter Gelbsucht, beim Genehmigungsverfahren seinerzeit schlicht übersehen.

Salopp klang auch die Entschuldigung, die vorletzte Woche ein FDA-Sprecher vortrug: Seine Behörde, klagte er, leide unter Personalmangel - in den USA (10,8 Millionen Arbeitslose) sei es »schwierig, Leute zu finden, die in der Dokumentation arbeiten wollen«.

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