Zur Ausgabe
Artikel 100 / 133
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

LITERATUR Geschickt verstrickt

aus DER SPIEGEL 43/1997

Amerikanischen Lesern ist Anita Shreve, 50, als Autorin von vier spannenden Romanen längst bekannt. Mit ihrem fünften Buch, »Das Gewicht des Wassers«, könnte ihr nun auch in Deutschland der Durchbruch glücken. Denn der Schriftstellerin ist eine clevere Mischung aus schaurigem Kriminalfall und psychologisch ausgefeiltem Beziehungsdrama gelungen.

»Manchmal stelle ich mir vor, daß man eine Geschichte nur oft genug zu erzählen braucht, um zu bewirken, daß der Schmerz nachläßt und die Worte an den Armen herabperlen und vom Körper abtropfen wie Wasser. Dann würde ich diese Geschichte tausendmal erzählen«, sagt die Ich-Erzählerin Jean. Und dann schildert die Fotoreporterin, wie schnell ein Durchschnittsleben in die Katastrophe kip- pen kann. Ort der Tragödie ist eine karge Insel vor New Hampshire. Dort soll Jean ein über hundert Jahre zurückliegendes Verbrechen erforschen: den Mord an zwei Norwegerinnen. Die detektivische Urlaubsfahrt, bei der Jean von ihrem Mann Thomas, ihrer Tochter Billie, dem Bruder ihres Mannes, Rich, und dessen Freundin Adaline begleitet wird, entwickelt sich - beklemmend und unausweichlich - zum tödlichen Drama.

Geschickt verknüpft die Autorin Jeans Nachforschungen mit dem dräuenden Unheil auf dem Segelboot. Während Jean immer mehr dem Rätsel der Morde auf die Spur kommt - sie entdeckt Aufzeichnungen einer norwegischen Einwanderin, die ein Familiendrama enthüllen -, gerät sie so sehr in den Sog der Geschichte, daß sie eine fatale Paranoia entwickelt und ungewollt eine Katastrophe heraufbeschwört: Geradezu besessen malt sie sich aus, was sich, während sie auf Recherche ist, zwischen ihrem Mann und der schönen Adaline abspielen könnte.

In lyrisch aufgeladener Prosa beschwört Shreve zudem das schwere Leben der Immigranten auf der Insel und vergegenwärtigt in kräftigen Bildern die Atmosphäre des 19. Jahrhunderts. Auch wenn sie bei der Außenweltbeschreibung etwas ins Klischeehafte abdriftet - das Boot gerät prompt in einen Sturm, düstere Wolken ziehen auf -, die seelische Verstrickung ihrer Protagonistin, ihre Schuld und ihr Leid beschreibt und analysiert sie so sensibel wie packend.

Anita Shreve: »Das Gewicht des Wassers«. Aus dem Amerikanischenvon Mechthild Sandberg. Piper Verlag, München; 292 Seiten; 39,80Mark.

kleinau
Zur Ausgabe
Artikel 100 / 133
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.