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Geschüttelt oder gerührt?

SPIEGEL-Redakteur Hellmuth Karasek über den neuen James Bond *
aus DER SPIEGEL 33/1987

Als James Bond, der 007-Killer-Agent Ihrer Majestät, vor 25 Jahren seinen Film-Dienst antrat, um sich erfolgreich mit Russen, Frauen und privaten Weltherrschaftsaspiranten herumzuschlagen, war er eine Novität in jeder Hinsicht.

Zwar waren die Fleming-Vorlagen, die Bond-Romane, sozusagen im schönsten Kalten Krieg entstanden, mit bösen Russkies, die nur Wodka und böse Absichten hatten, während der britische Agent die schöne freie Welt des Champagners, der Sportwagen und Playgirls verteidigte. Aber in den Sechzigern wurde daraus schnell ein ironischer Koexistenz-Spaß:

Die Schurken taten nur so, als ob es die Russen wären, in Wahrheit waren es größenwahnsinnige Privatorganisationen, die Geld, Diamanten, Frauen und Macht wollten und mit der Atombombe oder dem Weltkrieg drohten.

Bond, James Bond, keine Angst, brachte alles in Ordnung, ohne danach auch nur den Scheitel nachziehen zu müssen. Er war ein Gentleman und Genießer und bereiste im Dienste der Menschheit alle exklusiv teuren Ferienorte von St. Moritz bis zu den Bahamas. Er hatte schnelle Autos, maßgeschneiderte Anzüge, Mädchen aus allen Kontinenten, ob blond, ob braun, Rassenvorurteile kannte er, ganz aufgeklärter »Playboy«-Leser, nicht.

Inzwischen sind Agenten-Thriller, in denen Geheimdienstler die Welt vor Verrückten retten, die allesamt ein bißchen wie Hitler und ein bißchen wie Howard Hughes sind, die Dutzendware auf dem Buch- und Filmmarkt. 007-Bond ist im wahrsten Sinne des Wortes Kinderkram, mit Feuerwerk, Bumbumbum, Spielzeugautos und einem Sex, bieder wie die Abziehbilder in Herrenmagazinen .

Die Erotik - ein schmutziges Grinsen und Augenzwinkern vom jeweiligen Bond. Die Kämpfe - eine Ausstattungsorgie der Pyrotechniker, Trickspezialisten und Stuntmen. Die Handlung - Schema F: Am Anfang siegen die Schurken, am Schluß tickt die Zeitbombe zu Lande, unter Wasser und in der Luft, die Bond im letzten Moment entschärft.

Inzwischen, 25 Jahre sind lang, hat die Rolle drei Bonds verschlissen wie eine richtige zähe Beamtenlaufbahn, von den verbrauchten Häschen und Chargen ganz zu schweigen. Viele Bond-Gefährten tummeln sich inzwischen im Altersheim, viele Vorgesetzte ruhen inzwischen in Frieden, Reserve hat Ruh''.

Der erste, Sean Connery, war ein schottischer Lieferwagenfahrer, der viel Haare auf der Brust hatte (und bald um so weniger auf dem Kopf, also ein Toupet trug) und der die Rolle schön schmierig und schmissig erotisch anlegte. Mit Falten wurde er immer attraktiver. Aber eines Tages hatte er den 007-Dienst im _(Mit Timothy Dalton, Maryam d''Abo. )

Lieben, Schießen und Prügeln satt und wurde ein richtiger Schauspieler. Mit Botschaft und Text und so.

Der zweite James Bond, George Lazenby, ein australischer Dressman und Autoverkäufer, der den besten Eindruck bei Schläger-Testszenen gemacht hatte, war eine Eintagsfliege im Bond-Smoking. Er war der einzige Bond, der heiraten durfte: die »Schirm, Charme und Melone«-Heroine Diana Rigg. Sonst verstrahlte er in etwa den Charme eines Fußballspielers von Hajduk Split, und zwar den eines Verteidigers. Er gilt unter den Fans nicht als ernsthafter Bond, eher als Fehltritt.

Der dritte James Bond, Roger Moore, hatte den Vorteil, daß er nie ein Schauspieler war, nie einer sein wollte, nie einer wurde. Er war die blonde Prachtausgabe einer Comic-Figur, ein Mann wie fürs Schaufenster der Herrenausstatter. Er war, zugegeben, harmloser als Connery, dafür aber auch dauerhafter. Er grinste und kämpfte, schließlich auch tapfer gegen das Alter, das bekanntlich immer Sieger bleibt.

Zum Schluß, so sagen böse Zungen, habe er sich schon doubeln lassen müssen, wenn er beschwingt durch ein Zimmer gehen wollte. Zwölf Jahre sind eine lange Zeit. Seine letzten Liebesübungen wirkten wie Erste-Hilfe-Kurse für Runzelsex. James Bond drohte, ein Fall für den Gerontologen zu werden.

Nun, in dem neuen Bond-Film, der auf deutsch »Der Hauch des Todes« heißen soll (was offensichtlich nicht als Mundwasserreklame gemeint ist), tritt Timothy Dalton seinen Agenten-Dienst an.

Ihm eilt ein bedrohlicher Ruf voraus: Er sei einer der angesehensten Schauspieler Englands, der sogar Texte von Shakespeare auf der Bühne ausdrucks- und eindrucksvoll sprechen könne. So was ist im seichten Smalltalk von Bond-Filmen ja eher hinderlich, wo es nicht um »Sein oder Nichtsein« geht, sondern um »Geschüttelt oder gerührt« - nämlich beim Martini.

In englischsprachigen Zeitungen haben sich daher auch Kritiker lange Gedanken darüber gemacht, wie hintersinnig er seine berühmte Vorstellung, »Gestatten, Bond, James Bond« ausgesprochen, ja interpretiert habe.

Im Deutschen ist sein Shakespeare-Handicap weitgehend wegnivelliert. Er spricht einfach Synchrondeutsch. Im Deutschen sieht er auch aus wie Roy Black oder der junge Adrian Hoven, die man beide ein wenig abgehärtet hat. Aber nur ein wenig.

Das macht insofern nichts, als seine Partnerin, die blonde, schmale, bläßlich schöne Maryam d''Abo aussieht wie eine Nastassja Kinski, die eine Entziehungskur in erotischer Ausstrahlung erfolgreich absolviert hat. Auch die geschickt lancierte Werbe-Meldung, sie habe sich im neuen »Playboy« skrupellos enthüllt, macht die liebenswerte Cellistin nicht dämonischer.

So passiert das Wunder, daß Bond und sie eine Romanze miteinander erleben als hieße der Film »Der Förster vorn Silberwald« (Silberwald gleich Hohe Tatra). Man hat gesagt, Bonds neue Treue und melodramatische Innerlichkeit sei eine Folge der neuen Aids-Ängste. Promiskuität sei nicht mehr in, nicht mal als infantiler Wunschtraum im Bond-Kino.

Mag sein. Jedenfalls wird die Kamera nach scheuen Kußszenen so von dem hold-keuschen Liebespaar weggeschwenkt und auf die Tapete daneben gefahren, daß man denkt, man sei im Kino der Fuffziger. Das ist man auch.

Sogar die wacklig-biederen Anspielungen auf »Glasnost«, Afghanistan und Abrüstung wirken seltsam altbacken. Zu nah darf reale Zeitgeschichte an das ewige Bond-Märchen vom omnipotenten Mann nicht ungestraft herangebracht werden.

Denn John Glens Regiearbeit, die den üblichen Verwirrungs-Schrott zwischen Moskau und London, in der Slowakei, in Marokko und im Wien der Fiaker und der Mozart-Opern abfackeln läßt, ist so hausbacken und so unironisch, daß der Film wirklich wie eine betuliche Feuerwerkerei von damals wirkt, aller technischen Verschwendung zum Trotz.

Jetzt, verkehrte Welt, ist der Held jung und der Film alt. Aber immer noch geht''s um die drohende Vernichtung der Welt durch einen Schurken, der mit afghanischem Opium und amerikanischen Raketen auf Teufel komm raus dealt. Keine Angst - auch ein Shakespeare-Mime adrett und sanft, kann die Welt retten. Und das tut er dann auch.

Mit Timothy Dalton, Maryam d''Abo.

Hellmuth Karasek
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