125 Jahre Telefon Die unaufhaltsame "Generation Drrring"

Alexander Graham Bell sei Dank: Heute vor 125 Jahren brach die Telefon-Revolution aus. Eine satirische Betrachtung der jüngsten Kommunikations-Hysterie...

Von Daniel-Dylan Böhmer


Als Alexander Graham Bell seine Erfindung am 14. Februar 1876 beim amerikanischen Patentamt als "No. 174.465" registrierte beschrieb er sie als "einen Apparat für die telegrafische Übertragung von sprachlichen oder anderen Tönen" und erreichte damit die eigentlich entscheidende Entwicklungsstufe in der Geschichte der Elektrizität: das Telefon.

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In der euphorisch-chaotischen Pionierzeit des Telefons experimentierten die frühen "Teilnehmer" mit dem neuen Medium, ohne einen konkreten Nutzen damit zu verbinden: Sie telefonierten zum Spaß miteinander, erzählten sich Witze und Alltagssorgen, später tauschten sie wissenschaftliche Erkenntnisse miteinander aus. Doch der endgültige Durchbruch des Telefons kam, als Bell begriff, dass die Begeisterung der Pioniere auch eine breite Öffentlichkeit erfassen würde, wenn man das Telefon kommerziell nutzbar machen würde.

Sein 1880 gegründetes Unternehmen "ToughCall" war zwar nicht die erste, am Ende jedoch die erfolgreichste Firma, die Zubehör für das Telefon entwickelte. Mit ihrer Monopolstrategie prägte sie das Zeitalter zusammen mit Konzernen wie Rockefellers Standard Oil, Stinnes oder Krupp. Bell ist die Popularisierung des Telefons zu verdanken und die Idee, dass wagemutige Privatunternehmen die großartige Idee des Telefons in der Gesellschaft vertreten müssen, um deren Modernisierung voranzutreiben.

Die Welt nahm seine Botschaft begeistert auf. Schon 1885 standen fast 60 Prozent der Haushalte im Deutschen Reich ein Telefon zur Verfügung. Die Vielfalt der über das Telefon verfügbaren Dienstleistungen nahm explosionsartig zu, insbesondere die der Informationen: Im selben Jahr konnten sämtliche Artikel aus Meyers Konversationslexikon telefonisch abgerufen werden, die "Frankfurter Zeitung", die "Vossische Zeitung" und alle namhaften Blätter der Welt verlasen ihre Tagesausgaben in telefonischen Ansagen. Besonderer Beliebtheit erfreuten sich telefonische Auktionen, und böse Zungen munkelten, telefonische Prostitution sei die weitaus verbreitetste Anwendung des Telefons. Doch das neue Massenmedium beschränkte sich nicht lange auf den Unterhaltungs- und Wissensbereich.

Vor allem junge Menschen lernten früh, damit umzugehen, doch dass diese Generation als "Generation Drrring" ihren Namen und ihren Platz in der Geschichte fand, lag vor allem an der Umwälzung, die das Telefon in der Wirtschaft bewirkte. Natürlich lag es im eigenen Interesse von "ToughCall" und anderen Telefonkonzernen, diese Entwicklung voranzutreiben. Die Börse, die durch den florierenden Kolonialhandel entstanden war, war die Plattform dafür. Der Börsenhandel konnte über das Telefon viel schneller abgewickelt werden. Um nur einige Zahlen zu nennen: Deutsch-Südwestafrika wechselte in den Monaten Juli und August 1887 528-mal den Besitzer und wurde danach mit Aussicht auf bessere Renditen in mehrere Bundesländer zerschlagen. Der Wert des Kaiserreichs Indien stieg am 15. Juni 1886, zwischen 14.41 Uhr und 14.58 Uhr von 846 Millionen Reichsmark auf 2,6 Billionen Reichsmark. Bis Juli war sein Wert jedoch wieder auf ein historisches Tief von 5,99 Reichsmark gefallen und gehört seitdem einem Kioskbesitzer aus Iserlohn, unter dessen Rufnummer seit 1904 nur ein Anrufbeantworter erreichbar ist. Ob seine Nachkommen ihn abhören, ist unklar.

Weise stellten sich die Herrscher und Staatsmänner dem Wandel nicht in den Weg, sondern öffneten das Wirtschaftsleben großzügig dem Fortschritt. Bismarck, der sich im Reichstagswahlkampf 1888 bewusst an den Neuen Mittelstand wandte, machte in seinen Reden deutlich, dass die Zukunft des Reiches davon abhänge, im Telefonzeitalter sprichwörtlich "den Anschluss (!) nicht zu verpassen". Und Kaiser Wilhelm II. war es, der mit seiner Initiative "Schulen ans Telefonnetz" den geforderten "Platz an der Sonne" für Deutschland auf lange Zeit sicherte. Seit 1906 hatte jedes deutsche Schulkind auf seiner Bank einen Telefonapparat stehen, außerdem wurden ab 1912 sämtliche Vorlesungen der Freiburger Universität vor 14 Millionen Studierenden in aller Welt telefonisch abgehalten.

Doch das war nur ein Schritt zu der neuen Arbeitswelt, in der bereits Ende Juli 1914 87,6 Prozent aller Werktätigen ihren Beruf telefonisch ausübten. Und der Fortschritt ist unaufhaltsam: 56 Jahre nach der amtlichen Anerkennung der telefonischen Ehe steht uns nun, mit der Entschlüsselung des menschlichen Genoms, endlich die lang erwartete telefonische Befruchtung bevor. Auch wenn einige unverbesserliche Romantiker sicher auch in Zukunft noch hin und wieder einen Liebesbrief absetzen werden...ganz altmodisch per E-Mail natürlich. Im Internet...



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