1980/81 Die wundersamen Jahre

1989 hat die Welt verändert, heißt es. Aber waren die Ereignisse von 1980/81 vielleicht viel wichtiger?

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Von und Christopher Roth


Warum gerade die Jahre 1980 und 1981? Wann wurde noch mal die erste wirklich große Verschwörung inszeniert? Wann wurden Plots wichtiger als politische Entscheidungen? Wann wurde ein Schauspieler amerikanischer Präsident? Wann wurde eine Wahl durch einen Waffenhandel entschieden? Wann definierten Schwule, wie Heteros sich anziehen sollten? Wann wurde ein Papst durch die Jungfrau Maria gerettet? Wann wurde Geld über den Vatikan nach Polen geschleust? Wann war der Jungfernflug des Spaceshuttle "Columbia"? In all ihrer Theatralität, ihrer Maskenhaftigkeit, ihrer Fabelhaftigkeit sind diese beiden Jahre der Anfang oder Höhepunkt oder der Auslöser einer Ära. Der Postmoderne? Im Rückblick fügen sich fast unglaubliche Gegebenheiten zu einer Geschichte. Zu Geschichte. Die Hauptdarsteller in diesem Stück, das von der Zukunft handelt, balancieren auf einem schmalen Grat, zwischen Realität und Wahn, zwischen Fiktion und Wahrheit.

Wiktor Kortschnoi lacht. Er schüttelt sich fast, er schaut zur Tür, um zu sehen, ob seine Frau das auch gehört hat. Das Göttliche? Ob er das Göttliche gesehen hat? Wiktor Kortschnoi ist einer der besten Schachspieler, die es je gab, aber wer dachte, dass Schach ein Spiel ist, das vor allem mit Rationalität und Logik zu tun hat, der kennt nicht Kortschnoi. Er beugt sich vor und sagt ein Wort, das für ihn alles erklärt, Triumph und Tragödie, das Genie des Einzelnen und die Macht, die über alles zielt: "Parapsychologie" sagt der 79-Jährige und erzählt dann, wie es damals war, als er seinen bittersten Kampf hatte, gegen Anatolij Karpow: Er, Kortschnoi, der zornige Sowjet-Flüchtling, gegen den gescheitelten Vorzeigekommunisten, eine symbolische Schlacht während des Kalten Kriegs, im Herbst 1981, das "Massaker von Meran".

Und Richard Gere legt eine Krawatte auf das eine Hemd. Und eine andere auf ein anderes Hemd. Und noch eine auf das dritte Hemd. Helle Brauntöne. Beige. Welche Krawatte passt zu welchem Armani-Anzug? Im Frühjahr 1980 kam "American Gigolo" von Paul Schrader ins Kino. Gere machte Streck- und Hänge-Yoga, er zeigte seinen Hintern, er tänzelte um sein schwarzes Mercedes-Cabrio herum, und wer dachte, dass ein Film, der von einem Callboy und einer älteren Frau erzählt, nicht schwul sein kann, der kannte Ferdinando Scarfiotti nicht. Der Italiener baute für Schrader ein helles, fast hellenistisches Los Angeles, das es erst einmal auf der Leinwand gab. Giorgio Moroder machte die Musik dazu. Sie waren die ästhetischen "Achsen-Mächte", wie Schrader das nannte, sie waren Old Europe, sie erfanden New Angeles. Etwas Spirituelles durchzieht diesen Film. New Age? New Male? Richard Gere war metrosexuell, lange bevor es dieses Wort gab.

Der Tag des Papstattentats

Françoise Barré-Sinoussi sitzt in einem Büro, das in etwa so groß ist wie der Schreibtisch eines Pharmachefs, sie ist erkältet, und um sie herum stapeln sich die Aktenordner. Barré-Sinoussi vom Institut Pasteur in Paris, 2008 erhielt sie den Nobelpreis für Medizin. Sie identifizierte das HI-Virus, und auch diese Geschichte ist ein Thriller, der von der Konkurrenz zwischen Amerikanern und Franzosen handelt und von einem gewissen Gaëtan Dugas, dem sogenannten Patienten Nummer eins, ein frankokanadischer Steward, der sehr viele Meilen flog und sehr viele Männer hatte, als die ersten Gerüchte über die neue Seuche kursierten, 1980, 1981. Und wer dachte, dass in dem Wort "Schwulen-Krebs" ein Fünkchen Wahrheit steckt, der sollte mal Barré-Sinoussi fragen. Sie schneuzt und holt dann Luft. "So nannte man Aids am Anfang. Was für ein Schwachsinn."

Als Papst Johannes Paul II. schon fast vor Mehmet Ali Agca steht, da beugt er sich, so will es die Legende, hinunter zu einem Mädchen, das ihm ein Heiligenbild der Jungfrau Maria hinhält. Es ist der 13. Mai 1981, der Jahrestag der Marienerscheinung im portugiesischen Fátima. Ali Agca schießt. Nur weil der Papst sich bückt, wird er nicht gleich getroffen, nur deshalb überlebt er. Es gibt verschiedene Theorien darüber, wer dieses Attentat wollte. Die einen sagen, es war Ajatollah Chomeini und der erste Akt des Dschihad. Die anderen sagen, es war der eine oder andere sowjetische Geheimdienst, es ging um den Einfluss des Papstes in Polen, wo 1980 die Werftarbeiter streikten und Solidarno sich formierte. Und wer dachte, das Ende des Kommunismus sei vor allem mit dem Jahr 1989 verbunden, der vergisst Lech Walesa und diesen Papst, der seinem Attentäter sehr schnell verzieh und tatsächlich half, Geld nach Polen zu bringen. Die dritte Prophezeiung von Fátima, so heißt es, sei das Papstattentat gewesen. Aber ob das schon die ganze Geschichte oder gar die Wahrheit ist, wer weiß das schon.

Wiktor Kortschnoi erzählt eine Geschichte, über die er selbst lachen muss. Es geht um einen Heidelbeerjoghurt, den Anatolij Karpow bei seinen Spielen gegen Kortschnoi auf den Tisch gestellt bekam. Kortschnoi ist sich sicher, dass Karpow irgendwelche Medikamente bekam, die ihn wach und fit machen sollten, vielleicht sogar Kokain. Außerdem saßen bei den Partien 1981 in Meran immer sechs Männer aus Leningrad im Publikum, die nichts anderes zu tun hatten, als Kortschnoi niederzustarren. Schach kennt das Göttliche und das Diabolische. Schach ist Schönheit, Zerstörung, Vernichtung. "Schach ist doch nur ein Spiel", sagt Kortschnoi, aber er glaubt das selbst nicht. 1981 versuchte er sich mit Yoga, mit vegetarischem Essen, mit Hilfe einer spirituellen Rätsel-Frau aus Amerika gegen die Psycho-Hexerei der Sowjets zu wehren. Er ist sich nicht sicher, ob die Frau vom CIA bezahlt wurde, er fragte aber auch nicht nach. Wer dachte, der Systemkonflikt wurde nur mit Raketen ausgetragen, der hat die Symbolkraft von Schach nicht verstanden. "Ich habe meine Gegner aus der Sowjetunion gehasst", sagt Kortschnoi, "natürlich."



insgesamt 2 Beiträge
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de.nada 05.04.2010
1. †
Ronald Belford "Bon" Scott (* 9. Juli 1946 in Kirriemuir, Angus, Schottland; † 19. Februar 1980 in London) Vielleicht begannen sich auch bereits einige Leute ernsthaft über die Einführung des Privatfernsehens herzumachen ? Außerdem, hatte stellvertretend für die "Menschheit mit ohne Technik", Reinhold Messner dafür gesorgt, daß wir uns die Erde Untertan machten, so Ungefähr zumindest. Das geschah auch noch im Gründungsjahr der Grünen. Also, geht doch auch ohne Sauerstoff. ;)
Hans Engler, 05.04.2010
2. Columbia-Explosion
Zitat von sysop1989 hat die Welt verändert, heißt es. Aber waren die Ereignisse von 1980/81 vielleicht viel wichtiger? http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,686248,00.html
Die "Columbia" absolvierte 1981 die ersten Testfluege, eplodierte aber 2003. Wieso sollte ausgerechnet 1980/81 besonders wichtig sein? Wieso sind diese beiden Jahre wichtiger als sagen wir 1975/76 oder 1986/87? Ohne so einen Vergleich ist dieser Essay nichts als belangloses Geplauder.
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