30 Jahre "Titanic" Das Böse ist immer und überall

Von Zonen-Gabys erster Banane bis zur erfolgreichen WM-Bestechung: Das endgültige Satiremagazin "Titanic" wird 30. Was gibt's denn da zu feiern? Hier gratuliert und kondoliert einer, der den Jubilar recht gut kennt, weil er seit Jahren in der Redaktion arbeitet: Mark-Stefan Tietze.


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Grins, kicher, lach: Die besten "Titanic"-Cover
Satiremagazine sind wie kostbare Weine: Nach 30 Jahren sollte man sie endlich mal öffnen und einer kritischen Würdigung unterziehen, sonst werden sie sauer und sind nur noch für viel Geld bei Sotheby's loszuschlagen. In diesen Tagen ist es nun "Titanic", die 30 Jahre alt wird, und prompt feiert die Öffentlichkeit das bekannteste Satiremagazin Deutschlands überschwänglich für seine Respektlosigkeit, seinen grenzgängerischen Humor, seine vielen teuren Beleidigungsprozesse. Lob und Jubel halten sich in den medialen Würdigungen ungefähr die Waage - von Kritik allerdings keine Spur.

Dabei haben die journalistischen Speichellecker in ihren Elogen ja mit vielem recht: "Titanic" ist oft unvorstellbar lustig, selten wurden in der Menschheitsgeschichte die Grenzen der Satire tiefer ausgelotet, die Zeichner und Autoren gehören selbstredend zu den Besten der Welt. Schaut man aber genauer hin und misst das Blatt an seinen eigenen Ansprüchen, sieht die Bilanz schon nicht mehr ganz so rosig aus. Weder ist es gelungen, die "endgültige Teilung Deutschlands" entscheidend voranzutreiben, wie es das Impressum seit jeher befiehlt; noch hat man alle anderen Presseerzeugnisse vom Markt gefegt, einen radikalen politischen Systemwechsel herbeigeführt oder wenigstens Kultur und Unterhaltung von sämtlichen lästigen Elementen gesäubert.

Ganz im Gegenteil.

Als sich Helmut Kohl 1982 an die Macht putschte, verharmloste "Titanic" den dicken Gewaltherrscher jahrelang als possierliche "Birne" und hielt ihn so über vier Legislaturperioden im Amt - mit den bekannt schrecklichen Folgen: Privatfernsehen, Wiedervereinigung, BSE. Durch seine sensationelle Wette als Buntstiftlutscher bescherte Chefredakteur Bernd Fritz 1988 wiederum Thomas Gottschalk Traumquoten und eine nachhaltige Popularität, ohne die dieses Fossil der TV-Unterhaltung gewiss längst das Zeitliche gesegnet hätte.

Ein Teil von jener Kraft, die stets das Gute will und stets das Böse schafft

Die vielleicht schlimmste Fehlleistung: der legendäre Titel aus dem November 1989, der überhaupt erst den Boden für die innere Einheit Deutschlands bereitete. Erst Zonen-Gaby (nur echt mit der Gurkenbanane), gab den Ostdeutschen ein liebenswertes Gesicht und verhinderte dadurch jeden berechtigten Widerstand gegen die Wiedervereinigung. Ebenfalls schlimm, wenn auch nicht ganz so teuer: Dem Filou Björn Engholm, der es während der Barschel-Affäre mit der Wahrheit nicht so genau genommen hatte, versüßte "Titanic" nach einem längeren Rechtsstreit 1994 den wohlverdienten Ruhestand mit 40.000 Mark - leider!

Und als Chefredakteur Sonneborn im Jahr 2000 die WM nach Deutschland holte, indem er den Fifa-Wahlmännern einen Fresskorb mit deutschen Würsten und Kuckucksuhr versprach, da spülte das nicht nur ungewollt Milliarden in die deutsche Wirtschaft, sondern machte den patriotischen Wahnsinn des Jahres 2006 erst möglich.

Kurz: Was immer "Titanic" im Laufe seiner Geschichte an Gutem und Systemzersetzendem im Schilde geführt haben mochte - am Ende schuf das Blatt stets nur Böses und Systemstabilisierendes. So ist es in der Tat ein Wunder, dass das Heft über drei Dekaden hinweg immer eine ausreichende Zahl von Lesern fand. Das Geheimnis hinter diesem Erfolg: "Titanic" schrieb ihnen stets nach dem Mund. Dazu mussten die Mitarbeiter, meist feinsinnige Künstlertypen, zwar ständig über den eigenen Schatten springen. Dies fiel ihnen aber mangels eigenen Rückgrats nie allzu schwer.

Der Leser will Hitler? Dann kriegt er eben Hitler

Wenn der Leser also pubertäre Kalauer auf Kosten irgendwelcher Minderheiten forderte, kriegte er diese pubertären Kalauer. Wenn der Leser schon wieder Hitler auf dem Titel sehen wollte, kriegte er eben seinen ewigen Hitler. Und wenn es den Leser zwischendurch nach grenzüberschreitender Spitzensatire mit sprach- und medienkritischen Obertönen dürstete, nach explosiver Hochkomik, die sich mit den Mächtigen anlegt und ihrer Zeit formal, inhaltlich und intellektuell weit voraus ist - okay, dann kriegte er halt auch das!

Mit diesem billigen Trick erzielte "Titanic" eine Leser-Blatt-Bindung, wie sie inniger kaum vorstellbar ist. Die Kehrseite der Medaille jedoch: Das Magazin verblieb in seinem selbstgewählten Ghetto; lediglich in den alternativ geprägten Anfangsjahren streute es hin und wieder mehr als 100.000 Exemplare im Monat unters Volk. Stets von neuem versäumte es die Redaktion nämlich, neue Leserschichten zu erschließen - kaufkräftige Menschen zum Beispiel, die Schminktipps oder Kliniktests schätzen, einfühlsame Prominentenporträts lieben und für ihr Leben gern die Anzeigenseiten zwischen den Beiträgen studieren.

Eine letzte kritische Anmerkung darf dem Jubilar darum nicht erspart bleiben: In den Gründungsjahren war das Heft vollgestopft mit Werbung für köstliche Drehtabake, hochwertige Chromdioxid-Cassetten und schicke Autos wie den Citroën 2 CV oder den Renault R 4. Dass unter dem protofaschistischen Regime der letzten Jahre für Tabakerzeugnisse nicht mehr geworben werden darf - geschenkt. Aber eine schöne Anzeige von Citroën für irgendeine ihrer ollen Schrottmühlen, die müsste demnächst nun wirklich mal wieder drin sein!

Mark-Stefan Tietze ist "Titanic"-Redakteur und - neben Peter Knorr, Oliver Maria Schmitt, Martin Sonneborn und Hans Zippert - Mitherausgeber des Jubiläumsbandes "TITANIC - das endgültige Satirebuch: Das Erstbeste aus 30 Jahren", soeben erschienen bei Rowohlt Berlin, 416 Seiten, 25 Euro.



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