300 Millionen Dollar hinterm Sofa Michelangelo-Experte hält Fund für echt

Ist das Gemälde hinterm Sofa wirklich ein Michelangelo? Im Hause von Martin K. aus Buffalo wusste man auch nicht so recht. Doch ein Kunsthistoriker ist jetzt überzeugt: Das Bild stammt vom italienischen Renaissance-Meister - und könnte damit bis zu 300 Millionen Dollar wert sein.

Michelangelo-Pietà im Vatikan: Stammt jetzt auch ein Pietà-Gemälde vom Meister?
AP

Michelangelo-Pietà im Vatikan: Stammt jetzt auch ein Pietà-Gemälde vom Meister?


Im Haus von Martin K. hieß das Bild nur "The Mike" - in Anspielung auf Michelangelo. Die Familienüberlieferung besagte, es sei ein Werk des Renaissancekünstlers. Doch die deutschstämmige Familie des ehemaligen Air-Force-Piloten, die in Buffalo im US-Bundesstaat New York lebt, nahm die Story offensichtlich nur halb ernst. Denn wie die "New York Post" berichtet, hing "The Mike" an einer Wand, bis die Kinder die Madonnen-Darstellung beim Spielen mit einem Tennisball herunterholten. Daraufhin verpackten die Eltern das Bild und stellten es hinter ein Sofa - wo es geschlagene 27 Jahre lang blieb. Erst im Jahr 2003, nach seiner Pensionierung, kontaktierte Martin K. den italienischen Kunsthistoriker und Restaurateur Antonio Forcellino.

Der Michelangelo-Experte, der 2006 eine Biografie des Künstlers veröffentlicht hat, glaubte zunächst an eine Kopie. Doch mittlerweile ist er "absolut überzeugt" davon, dass es sich um ein Original handelt. In seinem Buch "La Pietà Perdura" ("Die verlorene Pietà"), das jetzt in Italien erschienen ist, erzählt Forcellino die Geschichte des Bildes und dokumentiert den fünfjährigen Forschungsprozess, den er dem Werk hat angedeihen lassen.

Ein Indiz für die Echtheit des Bildes ist für ihn eine unfertige Stelle auf der Leinwand: Laut Forcellino ein untrüglicher Beweis dafür, dass es sich "niemals, niemals, niemals um eine Kopie eines anderen Gemäldes handeln könne, denn kein Kunstmäzen in der Renaissance hätte für eine unvollständige Kopie gezahlt."

Möglicher Marktwert: 300 Millionen Dollar

Zudem will er über einen Brief in der Bibliothek des Vatikans herausgefunden haben, dass Michelangelo das Madonnen-Bild 1545 für eine Freundin namens Vittoria Colonna gemalt habe; also fast fünfzig Jahre nachdem er seine berühmte Pietà-Skulptur geschaffen hatte. In späteren Dokumenten sei festgehalten, dass das Pietà-Bild in den Besitz einer deutschen Baronin überging, die es schließlich einer Hofdame vererbte. Und diese Hofdame war nach Recherchen Forcellinos niemand anderes als die Schwägerin des Urgroßvaters von Martin K.; 1883 hätte die Familie das Bild dann in die USA gebracht.

In Rom und Florenz gäbe es ähnliche Versionen im Museum, so Forcellino, doch das gefundene Werk sei "sogar noch schöner". Der Kunsthistoriker hatte 1999 eine bis dahin unentdeckte Statue ebenfalls als Werk Michelangelos identifiziert und sie anschließend restauriert.

Bisher fehlt eine zweite fundierte Expertenmeinung zu der mutmaßlichen Kunstsensation. Alessandro Nova etwa, Direktor des Kunsthistorischen Instituts in Florenz, hält es für unwahrscheinlich, dass es sich um ein Michelangelo-Werk handelt. Nova sagte SPIEGEL ONLINE, er habe bisher nur Fotos im Internet gesehen. Seiner Meinung nach handelt es sich um ein Bild des 16. Jahrhunderts aus dem Umkreis Michelangelos, das eine graphische Spätkomposition des Künstlers wiederholt.

Der Marktwert des Bildes - falls es sich um einen Michelangelo handelt - könnte laut "New York Post" bis zu 300 Millionen Dollar betragen. Ein Grund für den pensionierten Piloten Martin K., es nicht mehr hinter dem Sofa zu lagern. Sondern in einem Tresor bei der Bank.


Hinweis: Eine erste Version dieser Meldung suggerierte, dass Alessandro Nova das Madonnen-Bild möglicherweise für eine Fälschung hält. Das ist so nicht richtig und wurde korrigiert.

lar/dpa



© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.