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Menschen im Bundestag: Herumgehocke und reden, reden, reden

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3sat-Doku über Politiker Im Betonkäfig der Macht

Reden, entscheiden, leiden: Die 3sat-Reportage "Volksvertreter - Abgeordnet in den Bundestag" lässt den Alltag zwischen Plenum und Parteiratssitzung verdammt hart aussehen. Sind die Leidtragenden der repräsentativen Demokratie etwa ihre Repräsentanten?

Politik macht einsam. Wenn Elisabeth Scharfenberg von den Grünen sich nachts durch Berlin in ihre kleine Abgeordnetenwohnung fahren lässt, weiß sie, dass dort nach einem 16-stündigen Arbeitstag niemand auf sie wartet. Darauf, sagt Scharfenberg, sei sie nicht vorbereitet gewesen, als es sie aus dem Wahlkreis Hof/Wunsiedel in den Bundestag verschlug.

Siegfried Ressel hat einen zweiteiligen Film über fünf MdB gemacht, fünf Menschen des Bundestags. Sicher: Es geht um ihre Motivationen, ihren Alltag, ihre unterschiedlichen Persönlichkeiten. Aber es geht auch um die Sinnbilder des Käfigs, in dem diese Politikarbeiter gefangen sind. "Ein in sich geschlossenes System" sei der Bundestag, sagt Heike Hänsel von der Linken. Das "abgeordnet" im Untertitel klingt beinahe wie ein Strafbefehl.

Die Bilder, die den nachhaltigsten Eindruck machen, sind bei Ressel gerade die von der Leere. Glasfassaden lassen auf Etagen mit einsamen Sitzgruppen schauen, in betonwuchtig eingerahmten Korridoren verlieren sich, auch wenn die Sitzungsperiode gerade erst anläuft, weniger Menschen, als man in einem Parlamentsgebäude erwartet hätte. "Die ersten Tage, die ich hier war, war ich ein Fremder", sagt Thomas Feist von der CDU.

Reden, reden, reden

Es sind diese so klug wie manipulativ gewählten Metaphern von Entfremdung, Einsamkeit und der überwältigenden Wucht eines starken, bestehenden Systems mit eigenen Regeln und einer eigenen Topografie, mit denen Siegfried Ressel seine Arbeit von Politikerporträts wie etwa Andreas Dresens Filmen über Herrn Wichmann abhebt. Dieser Herr Wichmann, ein unermüdlicher Straßenwahlkämpfer und Basiswühler aus der Uckermarck, prallte immer wieder auf das Alltagsleben in seinem Wahlkreis. Ressels Protagonisten prallen meist auf ihresgleichen.

Vieles von dem, was da in parteiinternen Scharmützeln und im Wahlkampf so vor sich geht, hat man allerdings doch schon irgendwo gehört oder gelesen: Das Zittern von Elisabeth Scharfenberg auf dem bayerischen Nominierungsparteitag, wenn sie erst von der Liste zu fliegen scheint, dann aber doch noch einen vermutlich sicheren Platz gewinnt. Die Sitzungen, in denen Feist sich über winzige Details auf den Plakaten mit seinen Mitarbeitern die Köpfe zerbricht. Das Herumgehocke in Arbeitsgruppen, Ausschüssen, das Reden, Reden, Reden. Gegen Ende des zweiten Teils leidet Rolf Mützenich, der außenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, unter einer Heiserkeit, die man sich als symptomatisch für seinen Berufsstand vorstellen muss.

Eindeutig akzentuiert Ressel die Unterschiede zwischen seinen Protagonisten. Wer genau hinschaut, erkennt, welche Setzung vom Filmemacher stammt und welche er wohl vorgefunden hat. Ob Hänsel ihr Büro extra für die Kamera mit bunten Batikstoffen und Anti-Atomkraft-Logos verziert hat? Wohl eher nicht. Ob man Sylvia Canel von der FDP woanders hätte interviewen können als in einem Zugabteil, das schwer nach erster Klasse aussieht und - so suggeriert es die Montage - direkt zu einem Treffen mit Industrievertretern führt? Das wohl schon.

Tränen im Plenarsaal

Und trotzdem: Ressel zeigt Idealisten, keine Karrieretypen. Er hebt Anspruch, Druck und Ungewissheit hervor, die das Abgeordnetenleben bisweilen, so scheint es jedenfalls, zu einer Zumutung machen. Von Tränen vor der entscheidenden Abstimmung über ihren Platz auf der Landesliste erzählt Scharfenberg. Hänsel berichtet von einer Krebserkrankung im Jahr 2008, zu der womöglich, wie sie vermutet, auch ihr Arbeitspensum beigetragen haben könnte.

Für grundsätzliche Zweifel am Geschäft ist in diesem Film dennoch kein Platz. Wenn doch, dann wird der Protest etwa von demonstrierenden Gewerkschaftern ins Bild getragen, die SPD-Mann Mützenich und seinem Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel die Hölle heißpfeifen und "Lügner, Lügner" brüllen.

Es wirkt beinahe so, als richte sich der Zweiteiler vor allem an diese Menschen und werfe ihnen vor, es sich mit der Beurteilung ihrer Vertreter ein wenig zu leicht zu machen. Das ist, so kurz vor den Wahlen, natürlich auch eine Form der Propaganda auf leisen Sohlen. Die Leidtragenden unserer repräsentativen Demokratie sind bei Ressel eindeutig die Repräsentanten. Das muss man so vielleicht nicht unbedingt unterschreiben.

Aber der Glaube an das eigene Programm muss schon verdammt groß sein, um die geschilderten Härten wegzustecken.


"Volksvertreter - Abgeordnet in den Bundestag", Mittwoch und Donnerstag, 20.15 Uhr, 3sat

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