50 Jahre Emanzipation "Die Zivilisierung des männlichen Affen"

Von Reinhard Mohr

3. Teil: Schriftsteller Peter Schneider, 68 - "etliche Zacken aus der historischen Krone gebrochen"


Was, wenn Männer Fragen zu stellen beginnen? "Eine starke Verunsicherung durch die beginnende Frauenbewegung" hat der Schriftsteller Peter Schneider, 68, vor ziemlich genau 40 Jahren verspürt - genau zehn Jahre nach dem Gleichberechtigungsgesetz. Der Freund Rudi Dutschkes erlebte den Aufstand der Frauen - damals selbstverständlich noch "Genossinnen" - im "Sozialistischen Deutschen Studentenbund" (SDS) hautnah: "Natürlich war der SDS damals eine reine Männergesellschaft. Nur drei Frauen, unter ihnen Helke Sander, haben überhaupt gewagt, den Mund aufzumachen."

Das sollte sich rasch ändern. Ein paar Jahre später hieß es schon: "Männer müssen draußen bleiben!" Frauencafés, Frauenbuchläden, Frauenkneipen und Frauengruppen aller Art schossen aus dem patriarchalischen Boden. "Einmal habe ich trotzdem versucht, auf eine Frauenparty zu gehen", sagt Schneider, auch eher ein "Softie" als "Macho" alter Schule. "Sie haben mich aber sofort wieder rausgeworfen." Radikalismus bis um Extremismus war damals das Gebot der Stunde.

So erzählt der Berliner Essayist und Romancier die Geschichte einer Mutter mit ihrem kleinen Sohn, die im Platzregen vor einer Frauenbuchhandlung gerieten: "Die Mutter durfte rein, der kleine Mann musste draußen bleiben." Aber das seien "die Kinderkrankheiten jeder radikalen Bewegung", meint Schneider, dessen aktuelles Buch über die Revolte von 1968 nicht zufällig "Rebellion und Wahn" heißt. Kinder zu kriegen galt als furchtbar, rückständig und spießig, und am liebsten hätten einige Aktivistinnen "die Geschlechter gleich ganz von einander getrennt". Weibliche Schönheit wurde zur unwichtigen, wenn nicht störenden Nebensache, ihre Betonung gar ein reaktionärer Akt spätbürgerlicher Männerfixierung.

"Glücklich und der Sklave meiner Frau"

Der junge Schneider selbst fühlte sich damals "unter ständiger Beobachtung, auch im Bett". Kurz: "Alles, was man tat, konnte zum Beweismittel werden." Andererseits wurde er auf diese Weise gezwungen, "sich mit dem eigenen Geschlecht zu befassen". Das ging bis zum - allerdings einmaligen - Versuch einer homoerotischen Annäherung. Sein Resümee: "Den Männern sind etliche Zacken aus der historischen Krone gebrochen worden, und die klassische Macho-Attitüde wirkt heute eher lächerlich. Die Frauenbewegung hat enorm zur Zivilisierung des männlichen Affen beigetragen."

Andererseits scheint ihm der "kleine Unterschied" (Alice Schwarzer) doch beträchtlicher als behauptet. So seien auch seine "großen Folgen" nicht allein mit Gleichstellungsbeauftragten zu bekämpfen. "Auch viele, vor allem jüngere Frauen haben gemerkt, dass der Softie keine Lösung ist. So wie die Frauen heute gerne ihre spezifisch weiblichen Trümpfe und Attribute ausspielen, so tun es auch wieder mehr Männer. Und was ist dagegen einzuwenden, wenn diese Unterschiede nicht automatisch mit gesellschaftlichen Vor- oder Nachteilen verbunden sind?" So sei es kein Nachteil, wenn junge Paare jetzt wieder einige der politisch verfemten Höflichkeitsregeln in Kraft setzten. Die Frage, wer nun - nach all den Geschlechterkämpfen und -krämpfen der letzten Jahrzehnte - beim Flirten und beim Sex eigentlich die Initiative ergreife, bleibe zum Glück offen.



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