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23. Juni 2008, 18:07 Uhr

50 Jahre Emanzipation

"Die Zivilisierung des männlichen Affen"

Von Reinhard Mohr

Verständnisvoll und selbstkritisch soll der neue Mann sein, aber kein Weichei; weder Schluffi noch unsensibles Schwein. Ständig muss er sich zwischen diesen beiden Polen neu justieren. Was hat die Emanzipation aus dem vermeintlich starken Geschlecht gemacht? Vier Männer geben Auskunft.

Dass die jahrhundertealten Reflexe zwischen Mann und Frau noch funktionieren, merkt Dietmar Wunder, 42, meist spätabends irgendwo an der Bar. Mag das Gespräch mit einer sympathischen Unbekannten zunächst gendermäßig locker dahinplätschern - wenn er seinen Beruf erwähnt, ist es vorbei mit der Unbefangenheit. "Bond, James Bond?!!" heißt es dann, "die deutsche Synchronstimme von Daniel Craig?!!"

Ja, das ist er, und auch im neuen Bond "Quantum of Solace", zu Deutsch etwa "Ein Quantum Trost" (Kinostart am 6. November), der gerade gedreht wird, werden Millionen Kinozuschauer den smarten Draufgänger mit seiner Stimme verbinden. Hat sich also nichts verändert in der Rollenverteilung der Geschlechter fünfzig Jahre nach Inkrafttreten des ersten Gleichberechtigungsgesetzes im "Bürgerlichen Gesetzbuch" (BGB) am 1. Juli 1958? Zieht die klassische Machonummer immer noch wie eh und je?

"Für mich sind Frauen absolut gleichberechtigt", sagt Wunder, der mit einer gebürtigen Jamaikanerin verheiratet ist und zwei Kinder hat. "Das ist überhaupt keine Frage." Dennoch will er ihnen weiterhin die Türe aufhalten, in den Mantel helfen und sie zum Essen einladen. Im Notfall ist auch noch ein Radwechsel an der Autobahn drin. "Knigge reloaded" könnte man sagen, die Rückkehr der - durchaus geschlechtsspezifischen - Formen und Konventionen auf neuer Grundlage.

50 Jahre Emanzipation - das sagen vier prominente Männer:

An die Erschütterung Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre kann Wunder, der auch im Spielfilm "Der Baader-Meinhof-Komplex" (Kinostart im September) mitspielt, sich gerade noch erinnern. Plötzlich seien die Frauen viel stärker und selbstbewusster aufgetreten. Manchmal auch aggressiver. Er reagierte darauf in der "Softie"-Variante und nahm die Attacken auf die alte Männerherrlichkeit eher selbstkritisch an. So entstand eine Art "flexible response" auf Feminismus und Frauenbewegung: Wachstum im Widerstand, die Herausbildung einer offeneren und vielseitigeren männlichen Identität durch ihre Infragestellung von außen.

Eine Art "Frauenversteher" sei er stets gewesen, sagt er nicht ohne Ironie. Offenbar ein ziemlich erfolgreiches Konzept, denn auch starke Frauen fühlten sich davon angezogen. Heute spürt er allerdings auch wieder den kleinen Macho in sich, freilich in aufgeklärter Form: "Ich will meinen Mann stehen", sagt er.

Ein kleiner Bond ist er eben auch im wirklichen Leben. Ein cooler Typ. In Zeiten multipler Herausforderungen ist das allerdings gar nicht so einfach. Verständnisvoll und mitfühlend soll der neue Mann sein, selbstkritisch und aufgeklärt; andererseits darf er kein Weichei sein, der immer nur "irgendwie" schlecht drauf ist, nicht genau weiß, was er will und seine Unentschlossenheit zur Kultur der neuen männlichen Sensibilität verklärt.

Er soll auch klare Kante zeigen können, und wenn er gut verdient, schadet das nicht wirklich. Kurz: "Alte Rollenbilder mischen sich mit neuen. Wie bei den Frauen."

Kabarettist Horst Schroth, 59 - "durch die Frauenbewegung komplett weichgespült"

Der Schauspieler und Kabarettist Horst Schroth, 59, der Seinesgleichen gern auch "alte Hasen" nennt, hat schon längst, vor allem in seinen Soloprogrammen "Herrenabend" und "Katerfrühstück", die Kontur des zeitgenössischen Mannes gezeichnet: Schlank und fit, modebewusst und flexibel, aber auch kantig und karrierebewusst soll er sein. Er hat ein soziales Herz, aber wenn es darauf ankommt, macht er wenig Worte und kurzen Prozess. Dann brettert er, wie Michael Ballack, das Ding mit Tempo 120 unter die Latte. Er ist ökologisch bewusst, aber bei Gott kein "Müsli". Immer noch trinkt er Pils statt Bionade. Dennoch ist er einfühlsam und im Fall des Falles ein furchtbar lustiger, unterhaltsamer Papi.

Fast möchte man fragen: Was soll dieser Wunderknabe denn noch alles sein, bitteschön - jener "neue Mann", den Ina Deter vor einem Vierteljahrhundert lautstark gefordert hat? Schroth, im sommerlich hellen Anzug und schönen braunen Schuhen zum Rapport erschienen, versteht die ganze Aufregung nicht: "Meine Generation ist doch durch die Frauenbewegung komplett weichgespült worden. Von Anfang an sind wir auf der neuen Welle mitgesurft. Das fing schon in den Wohngemeinschaften an." Als Absolvent der guten alten "Schule der Nation" namens Bundeswehr konnte ihn auch kein noch so ausgefeilter WG-Putzplan aus der Bahn werfen: "Den gab es auch beim Bund. Trotzdem haben die Frauen öfter sauber gemacht als wir." Um die autonomen Frauenkneipen, damals für Männer absolute No-go-Areas, machte er einfach einen großen Bogen. Genauso geschickt wich er "Hardcore-Feministinnen" aus - ein aktives Vermeidungs- und Anpassungsverhalten, das intuitiv den Gang der Geschichte vorwegnahm. Der Fortschritt ist eben auch ein Schneckerich.

Geradezu vorzeitlich mutet dagegen sein Erlebnis in der Bahnhofsapotheke von Schwerte/Westfalen irgendwann zu Beginn der siebziger Jahre an, als ihm auf seine schüchtern vorgebrachte Frage nach Kondomen entgegengeschleudert wurde: "So’n Schweinkram führen wir nicht!" Heute sagt er: "Die Männer sind in der Zwickmühle. Sie dürfen weder ein Schluffi sein noch ein unsensibles Schwein. Ständig müssen Verhalten und Selbstbild zwischen diesen beiden Polen neu justiert werden. Über den landläufigen "Softie"-Typus hat Schroth, der seit 32 Jahren mit derselben Frau verheiratet ist, sich mit einem T-Shirt lustig gemacht. Auf ihm steht: "Schlecht im Bett. Sonst ganz nett." Es fand reißenden Absatz gerade unter durchaus nachdenklichen, selbstkritischen Männern.

Wem diese Auskunft intellektuell nicht befriedigend erscheint, der muss in Horst Schroths aktuelles Soloprogramm kommen. Titel: "Wenn Frauen fragen".

Schriftsteller Peter Schneider, 68 - "etliche Zacken aus der historischen Krone gebrochen"

Was, wenn Männer Fragen zu stellen beginnen? "Eine starke Verunsicherung durch die beginnende Frauenbewegung" hat der Schriftsteller Peter Schneider, 68, vor ziemlich genau 40 Jahren verspürt - genau zehn Jahre nach dem Gleichberechtigungsgesetz. Der Freund Rudi Dutschkes erlebte den Aufstand der Frauen - damals selbstverständlich noch "Genossinnen" - im "Sozialistischen Deutschen Studentenbund" (SDS) hautnah: "Natürlich war der SDS damals eine reine Männergesellschaft. Nur drei Frauen, unter ihnen Helke Sander, haben überhaupt gewagt, den Mund aufzumachen."

Das sollte sich rasch ändern. Ein paar Jahre später hieß es schon: "Männer müssen draußen bleiben!" Frauencafés, Frauenbuchläden, Frauenkneipen und Frauengruppen aller Art schossen aus dem patriarchalischen Boden. "Einmal habe ich trotzdem versucht, auf eine Frauenparty zu gehen", sagt Schneider, auch eher ein "Softie" als "Macho" alter Schule. "Sie haben mich aber sofort wieder rausgeworfen." Radikalismus bis um Extremismus war damals das Gebot der Stunde.

So erzählt der Berliner Essayist und Romancier die Geschichte einer Mutter mit ihrem kleinen Sohn, die im Platzregen vor einer Frauenbuchhandlung gerieten: "Die Mutter durfte rein, der kleine Mann musste draußen bleiben." Aber das seien "die Kinderkrankheiten jeder radikalen Bewegung", meint Schneider, dessen aktuelles Buch über die Revolte von 1968 nicht zufällig "Rebellion und Wahn" heißt. Kinder zu kriegen galt als furchtbar, rückständig und spießig, und am liebsten hätten einige Aktivistinnen "die Geschlechter gleich ganz von einander getrennt". Weibliche Schönheit wurde zur unwichtigen, wenn nicht störenden Nebensache, ihre Betonung gar ein reaktionärer Akt spätbürgerlicher Männerfixierung.

"Glücklich und der Sklave meiner Frau"

Der junge Schneider selbst fühlte sich damals "unter ständiger Beobachtung, auch im Bett". Kurz: "Alles, was man tat, konnte zum Beweismittel werden." Andererseits wurde er auf diese Weise gezwungen, "sich mit dem eigenen Geschlecht zu befassen". Das ging bis zum - allerdings einmaligen - Versuch einer homoerotischen Annäherung. Sein Resümee: "Den Männern sind etliche Zacken aus der historischen Krone gebrochen worden, und die klassische Macho-Attitüde wirkt heute eher lächerlich. Die Frauenbewegung hat enorm zur Zivilisierung des männlichen Affen beigetragen."

Andererseits scheint ihm der "kleine Unterschied" (Alice Schwarzer) doch beträchtlicher als behauptet. So seien auch seine "großen Folgen" nicht allein mit Gleichstellungsbeauftragten zu bekämpfen. "Auch viele, vor allem jüngere Frauen haben gemerkt, dass der Softie keine Lösung ist. So wie die Frauen heute gerne ihre spezifisch weiblichen Trümpfe und Attribute ausspielen, so tun es auch wieder mehr Männer. Und was ist dagegen einzuwenden, wenn diese Unterschiede nicht automatisch mit gesellschaftlichen Vor- oder Nachteilen verbunden sind?" So sei es kein Nachteil, wenn junge Paare jetzt wieder einige der politisch verfemten Höflichkeitsregeln in Kraft setzten. Die Frage, wer nun - nach all den Geschlechterkämpfen und -krämpfen der letzten Jahrzehnte - beim Flirten und beim Sex eigentlich die Initiative ergreife, bleibe zum Glück offen.

DJ Shantel, 40 - "der moderne Mann fühlt nicht mit dem Bauch"

Der Frankfurter Musiker DJ Shantel, 40, tourt mit seinem Bucovina Club Orkestar ("Disko Partizani") durch die Welt - er gehört zu jener Generation, die schon eine neue Synthese aus alter und neuer Männlichkeit gebildet hat: "Mein levantinisches Lebensgefühl macht mich glücklich und gleichzeitig zum Sklaven meiner Frau. Ich möchte alles geben und arbeite bis zum Umfallen. Sie muss teuren Schmuck tragen und sich mit Geschmack kleiden." Mit den 68ern hat er dagegen nichts am Hut: "Diese ganze Generation ist doch eine verkrampfte, asexuelle und antiseptische Ikonografie des Scheiterns".

Auf die Frage, was nun, nach 50 Jahren Emanzipation, vom Mann übrig geblieben sei, hat er eine klare Antwort: "Der moderne Mann fühlt mit dem Bauch und handelt mit dem Kopf, nicht mit seiner Hose. Sein Gefühlsleben ist wie eine Neutronenbombe: Konsequent, aber unsichtbar. Er hält die Tür auf und trägt gleichzeitig die Einkaufstüten - ohne seinen Rücken zu krümmen."

"Halbe Männer, ganze Frauen": Lesen Sie in der Titelgeschichte des aktuellen SPIEGEL, mit welchen Folgen sich die Emanzipation als eines der größten Gesellschaftsexperimente der deutschen Geschichte erweist.

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