Historiker zum Stonewall-Jubiläum "Am Anfang war der CSD noch richtig mutig"

Vor 50 Jahren wehrten sich New Yorker Homosexuelle gegen Polizeischikane, später entstand daraus der CSD. Hier spricht der Historiker Rainer Nicolaysen über die Frage, wann Protest zur Party wird - und über seine Kritik am Begriff "queer".

Teilnehmer der Christopher-Street-Day-Parade in Berlin: "In den Achtzigerjahren erlebt die Bewegung eine Zäsur"
Raimund Mueller/ imago images

Teilnehmer der Christopher-Street-Day-Parade in Berlin: "In den Achtzigerjahren erlebt die Bewegung eine Zäsur"

Ein Interview von


Zur Person
  • Markus Scholz/ dpa
    Rainer Nicolaysen ist Professor für Neuere Geschichte und Leiter der Arbeitsstelle für Universitätsgeschichte an der Universität Hamburg sowie Mitbegründer und -herausgeber des seit 2016 erscheinenden "Jahrbuch Sexualitäten".

SPIEGEL ONLINE: Herr Nicolaysen, vor 50 Jahren kam es nach einer Razzia in der New Yorker Schwulenkneipe "Stonewall Inn" in der Christopher Street zu Ausschreitungen, bei denen Homosexuelle sich - erstmals - gegen ihre Schikanierung durch die Polizei wehrten. Welche Bedeutung hat das Ereignis heute?

Nicolaysen: "Stonewall" 1969 steht heute als Chiffre dafür, dass Schwule und Lesben sich Diskriminierung und Angriffe nicht mehr gefallen lassen. Solche besonderen Ereignisse haben aber immer auch einen Vorlauf. Die Sechzigerjahre waren in der westlichen Welt ein "dynamisches Jahrzehnt" in Richtung Modernisierung und Liberalisierung. In den USA ging es um Civil Rights für alle - und das Lebensgefühl gerade der jüngeren Generation orientierte sich nicht mehr so stark an traditionellen Werten wie Pflicht und Disziplin, sondern stärker an Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung. Dazu zählte dann auch, dass Minderheiten gleiche Rechte forderten und sich dazu erst einmal selbst Sichtbarkeit verschaffen mussten.

SPIEGEL ONLINE: Galt das damals auch für Deutschland?

Nicolaysen: Zunächst muss man bedenken, dass in der Bundesrepublik noch zwanzig Jahre lang der § 175 galt, der homosexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte. Er galt unglaublicherweise noch in der von den Nationalsozialisten entgrenzten Fassung von 1935. Mehr als 50.000 Männer wurden zwischen 1949 und 1969 aufgrund dieses Paragraphen verurteilt. Erst wenige Tage vor "Stonewall" hat der Bundestag ein Reformgesetz verabschiedet, das homosexuelle Handlungen unter Männern weitgehend entkriminalisierte.

SPIEGEL ONLINE: Hatten die Ereignisse von New York eine direkte Auswirkung auf deutsche Verhältnisse?

Nicolaysen: Zunächst kaum. Die ersten "Christopher Street Days", also die an "Stonewall" erinnernden Demonstrationen, fanden zehn Jahre später statt, die ersten 1979 in West-Berlin und Bremen. Als neue Traditionsbildung der Emanzipationsbewegung.

SPIEGEL ONLINE:… Die heute auch etwas Karnevaleskes hat, oder?

Nicolaysen: Am Anfang war das politischer. Und auch noch richtig mutig für viele. Den Happening-Charakter mit teilweise bis zu 500.000 Teilnehmern bekam der CSD erst in den Neunzigerjahren - als Rave, der die "Christopher Street" mitunter nur noch im Namen zu tragen schien. Ein Symbol für Aufbruch blieb es über alle Jahre trotzdem.

SPIEGEL ONLINE: In den Achtzigerjahren erlebt die Bewegung eine Zäsur. Es gab die Affäre um den stellvertretenden Nato-Oberbefehlshaber in Europa, den deutschen General Kießling, dem wegen angeblicher Homosexualität vorgeworfen wurde, erpressbar zu sein.

Nicolaysen: Ja, Homosexualität war zwar zweitgehend entkriminalisiert, konnte aber noch immer Karrieren zerstören und zur sozialen Ächtung führen.

SPIEGEL ONLINE: Und dann kam Aids.

Nicolaysen: Eine Infektionskrankheit, die von manchen sogar als Strafe für einen promisken Lebensstil von Homosexuellen phantasiert wurde, ja. Aids hat die Debatte zurückgeworfen, einerseits. Da gab es unter anderem einen berüchtigten "Spiegel"-Titel, 1983 muss das gewesen sein: "Tödliche Seuche". Das war Katastrophenberichterstattung. Hier wurde Panik geschürt, bei Schwulen und gegenüber Schwulen. Das ging bis zu Forderungen gerade aus Bayern, infizierte Homosexuelle müssten interniert werden.

SPIEGEL ONLINE: Und andererseits?

Nicolaysen: Die andere Seite ist, das Schwules damit dauernd Thema war: Wie leben Schwule eigentlich? Wie haben die Sex? Könnte mein Nachbar auch schwul sein? Es war eine Wahrnehmung, zwar zunächst negativ konnotiert, aber doch eine breite Wahrnehmung. Mit den staatlichen Aids-Hilfen und Slogans wie "Gib Aids keine Chance" wurde immerhin dies geschafft: mehr Aufklärung über Sexualität, besonders über schwule Sexualität.

SPIEGEL ONLINE: Es starben zu jener Zeit auch große Helden der eher heteronormativen Hollywoodkultur.

Nicolaysen: Ja, der schwule Rock Hudson zum Beispiel - ein Männlichkeitsidol der Fünfzigerjahre. Und dann war er 1985 zu Gast in der Talkshow von Doris Day, schon von seiner tödlichen Krankheit gezeichnet. Das hat nachgewirkt.

SPIEGEL ONLINE: In seinem Buch "Die Kapsel" erzählt der Journalist Martin Reichert davon, dass die Szene damals wie ausgestorben war.

Nicolaysen: "Ausgestorben" - ein makabrer Ausdruck in diesem Zusammenhang - wohl nicht, aber jeder kannte jemanden, der an einer HIV-Infektion erkrankt oder gestorben war. Das war sicher eine prägende Erfahrung dieser Generation.

SPIEGEL ONLINE: Nun gibt es eine neue Generation, die diese Erfahrung nicht gemacht hat und gesellschaftspolitische Errungenschaften wie die Homo-Ehe als Verbürgerlichung empfindet.

Nicolaysen: Die "Ehe für alle" ist aus meiner Sicht ein großer Fortschritt. Denn man muss ein Recht erst einmal haben, bevor man darauf, wenn man will, verzichten kann. Das alles gehört zur Emanzipationsgeschichte; schon die "eingetragene Lebenspartnerschaft" von 2001 war eine Errungenschaft, von der man in den Achtzigerjahren nicht einmal geträumt hätte.

SPIEGEL ONLINE: Anstelle einer erkennbaren Schwulen- und Lesbenbewegung gibt es nun die LGBTIQ-Community, eine diverse Sammlungsbewegung vor allem queerer Menschen.

Nicolaysen: Eine solche Weitung ist aufgrund vergleichbarer Diskriminierungslagen beteiligter Minderheiten richtig und notwendig. "Queer", verstanden als bunt und divers, das ist doch sofort einleuchtend. Wenn "queer" aber als ideologischer Begriff gebraucht wird, nach dem es diese Gruppen gar nicht mehr gibt - und Geschlechter auch nicht - und alles sich in "queer" auflöst, wird es problematisch….

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Nicolaysen: Weil dabei viel verloren gehen kann von den Emanzipationsprozessen, die seit 50 Jahren laufen und dabei weit gekommen sind, aber keinesfalls an irgendein Ende - schon gar nicht auf globaler Ebene.



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