65. Geburtstag F.K. Waechter und das kollektive Schwein

Die Käthe-Kollwitz-Puppe kann Hunger schreien, Mutter küsst besser als Vater, und Goethe spielt Flöte auf Schiller sein Piller. Die Inhalte von F.K. Waechters Zeichnungen sind zumeist absurd, manchmal anstößig, und noch öfter respektlos. Am vergangenen Sonntag wurde der Autor von über 40 Büchern 65 Jahre alt.

Von Wiebke Brauer


Zeichner Waechter: "Es war eine Karikatur einer Frisur"
DPA

Zeichner Waechter: "Es war eine Karikatur einer Frisur"

Wie zum Trotz trägt er noch immer sein hippieskes Langhaar. Obwohl er sich schon ab und zu mit dem Gedanken trägt, sie abzuschneiden. Sagt er. Der Grund für seine Hartnäckigkeit liegt in der Frisurenmode seiner Jugend: "In meiner Kindheit wurden die Haare ja sehr kurz getragen. Und wenn man, so wie ich, lockiges Haar hat, dann war es auf der einen Seite raspelkurz, dann kam der Scheitel und auf der anderen Seite türmte es sich. Es war eine Karikatur einer Frisur." So blieb das Haar. Personifizierte Realsatire liegt Waechter nicht.

"Käsekuchen"- Cartoon: Spielerischer Entstehungsprozess
Diogenes 2002

"Käsekuchen"- Cartoon: Spielerischer Entstehungsprozess

Lieber bannt er das Imaginäre auf das Papier. Das ist von jeher so. 1946, nach seiner Flucht von Tiegenhof bei Danzig nach Schleswig Holstein, zeichnet Waechter einen bartlosen Gott in Gummistiefeln und Jägerhütchen. Die Reaktion ist wenig zufriedenstellend: Er erntet Gelächter und ist gekränkt. Mehr Erfolg hat er mit seiner ersten Auftragszeichnung. Für einen Klassenkameraden zeichnet er eine nackte Frau. Gesehen hat er noch nie eine. Trotzdem kommt die nackte Frau besser an als Gott.

1962 kommt Waechter nach Frankfurt und arbeitet für das Satire-Magazin "Pardon". In Frankfurt ist "alles anders", wie er im neuen opulenten Sammelband "Waechter" schreibt: "Alle scheinen "Linke" zu sein und keine Dorfdeppen." Drei von den "Linken" haben es ihm besonders angetan: Robert Gernhardt, Clodwig Poth und Fritz Weigle alias F. W. Bernstein. Mit ihnen begründete Waechter die Neue Frankfurter Schule, die progressive Satire-Werkstatt der Achtundsechziger. 1966 erscheint unter dem Titel "Die Wahrheit über Arnold Hau" das erste Buch der drei Zeichner und Autoren. Zusammen rufen Sie die "Arnold-Hau-Coop" ins Leben, produzieren Kurzfilme und Komisches am Kneipentisch.

Waechter-Karikatur: Keine Schnellschüsse
Diogenes 2002

Waechter-Karikatur: Keine Schnellschüsse

Denn wer annimmt, Waechters skurrile Sketche entstünden in der Einsamkeit des Schreibtischs, der irrt. Mit Fritz Weigle und Robert Gernhardt arbeitet er nach dem kollektiven Spaßprinzip. Waechter über den spielerischen Entstehungsprozess seines berühmten Käsekuchen-Cartoons: "Den Käsekuchen hätte keiner von uns allein zustande gebracht. Ich habe das 'Käsekuchen' brüllende Schwein gezeichnet, das um die Ecke kommt und Gernhardt den alten Mann oben, der 'Pinki, hierher!' ruft."

Wenn keine Mitspieler vorhanden sind, entsteht der Witz in assoziativen Etappen: "Ich habe oft zu zeichnen begonnen, ohne zu wissen, ob und wie ich das Begonnene noch ins Komische drehe. So habe ich beispielsweise ein Paar gezeichnet, es dann später in ein Boot gestellt und das Boot "Polen" genannt. Und dann kam die Unterzeile dazu. "Waechters Zeichnungen sind keine Schnellschüsse, sondern vergnügliche Geschichten, über die sich auch der Betrachter etappenweise freut. Beim Anblick des Bildes mit der Unterzeile: "Am Abend hilft die Jägerin dem Jäger in die Negerin" wird erst überrascht gejapst und dann befreit gekichert.

"Polen"-Cartoon: Assoziative Etappen
Diogenes 2002

"Polen"-Cartoon: Assoziative Etappen

Aber irgendwann hat auch bei Waechter der Spaß ein Ende. Bei dem endgültigen Satiremagazin "Titanic", das er mitbegründete, wirft er Anfang der neunziger Jahre das Handtuch. Für ihn war aus Sinn Unsinn geworden - die "Titanic" hatte ausgedient. Dabei gilt es Waechter nicht, den Leser aufzurütteln oder zum Denken zu bewegen: "Wenn ich jemanden zum Denken und Rätseln anrege, habe ich das gern, und wenn viele Menschen Verschiedenes zu einer Zeichnung denken, freue ich mich besonders."

Den erzieherischen Gedanken unterstellten dem mit Preisen überhäuften Kinderbuchautor eher andere. Als 1970 sein meistverkauftes Buch "Anti-Struwwelpeter" erscheint, berichtet auch der "Stern" darüber und untertitelt Waechters Bild mit den Worten: "Grafiker will Bewusstsein von Kindern ändern". Den Zeichner schaudert es noch heute: "Grauenhaft."

"Das Lächeln der Fundamentalisten": Skurrile Sketche
Diogenes 2002

"Das Lächeln der Fundamentalisten": Skurrile Sketche

Über die Erziehung seiner drei Söhne sagt er, dass er ihnen "zu wenig Grenzen gesetzt habe." Aber mit seinen Idealen habe das nichts zu tun, wie er beteuert: "Alle wollen es besser machen als die eigenen Eltern." Trotzdem findet er, dass er seinen Kindern genug entgegen gesetzt habe: "Es findet sich immer etwas, wogegen man rebellieren kann. Meine Söhne wurden oft stumm, so wie gegen einen übermächtigen Vater - wobei ich das sicher nicht war", wie er flugs hinzusetzt.

Ob man ihn sich deshalb zum Vater wünschen würde, steht auf einem anderen Blatt. In einem Interview der "Frankfurter Rundschau" wurden Waechter und sein ebenfalls zeichnender Sohn Phillip einmal gefragt, als welche Tiere sie sich gegenseitig darstellen würden. Philip entscheidet sich, seinen Vater als Adler mit kräftigem Schnabel zu zeichnen, sein Vater wählt für seinen Sohn das Eichhörnchen. Der Grund? "Adler fressen am liebsten Eichhörnchen." Klingt wie eine echte Waechter-Zeichnung - und der Betrachter hätte sich wie immer königlich darüber amüsiert.

F. K. Waechter: "Waechter", 589 Bilder aus 37 Jahren, Diogenes Verlag, 39,90 Euro


Ausstellungen zum 65. Geburtstag von F. K. Waechter:


"Waechter": Museum für Komische Kunst/Caricatura im Historischen Museum in Frankfurt. 18. Oktober 2002 bis 5. Januar 2003


"Wir können noch viel zusammen machen - F.K. Waechter zum 65. Geburtstag": Museum für Bilderbuch-Kunst und Jugendbuchillustrationen, Troisdorf. 10. November 2002 bis 5. Januar 2003



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