Das Grundgesetz hat Geburtstag Ein Buch voller Tricks

70 Jahre ist es alt und liest sich doch radikal modern. Es braucht keine Fassung in leichter Sprache, denn in ihm wird ein simples "ist" zum Zauberspruch. Warum das Grundgesetz bis heute den Zeitgeist bestimmt.

Grundgesetz auf Schülertisch
Monika Skolimowska/ DPA

Grundgesetz auf Schülertisch

Ein Essay von


70 Jahre nach seiner Verabschiedung wirkt das Grundgesetz wie eine Utopie. Wer es liest, möchte nicht nur in dem darin entworfenen Staat leben. Man möchte sich vielmehr in derselben hoffnungsfrohen und anmutigen Gemütsverfassung befinden, die wir heute aus den Artikeln 1 bis 146 lesen können.

Es ist nicht der Zauber des Anfangs, dazu wissen wir zu viel über die Not und berechtigte Furcht der späten Vierziger- und frühen Fünfzigerjahre, in denen schwer traumatisierte Menschen in Sorge vor einem neuen Krieg lebten. Ihre Gegenwart war geprägt von der Abwesenheit der Millionen Kriegstoten, der Opfer der Shoah, der Teilung des Landes und einer Armut, die man sich heute nicht mehr vorstellen kann.

Wie überhaupt noch die krassesten Darstellungen des Zweiten Weltkriegs und der Shoah Verniedlichungen sind, ein "Conni im Krieg" -Kinderbuch verglichen mit den reellen Erfahrungen und Traumata. Und in dieser Situation wird solch ein Text geschrieben und verabschiedet - voller Zumutungen, Vertrauen und radikaler Menschlichkeit, ohne Drohungen, Kontrollen und Strafen.

Utopisch wirkt heute diese Sprache, die klingt, als würde sie erst in der Zukunft formuliert, als seien wir noch gar nicht so weit. Der Ton des Grundgesetzes wurde nie zuvor und nie wieder so getroffen. Man kann sich die AGB eines Streamingdienstes, eine kommunale Verordnung zur Pflege der Grünflächen oder irgendeinen Beipackzettel durchlesen, von Bundesgesetzen ganz zu schweigen: Es ist, als lese man eine andere Sprache als die des Grundgesetzes.

Sie besticht durch Weglassen und passt zu einer Zeit, die durch Verlust, Abwesenheit und Vermissen geprägt war. Darin erinnert sie an die öffentlichen Bauten der Nachkriegsjahre, an die immensen Fensterfronten, freien und geschwungenen Treppen, das Zusammenspiel von Klinker, Glas und etwas Messing, um jedes Volumen durchlässig zu machen, dem Licht und der Luft den Vortritt zu lassen, sich zurückzunehmen vor den das Gebäude nutzenden Menschen.

Kein Schicksal, kein Pathos, keine Versprechen und keine Opfer

Das Grundgesetz ist radikal modern und entrümpelter als Marie Kondos Kleiderschrank. Es ist schlicht unglaublich, welche großen Begriffe, die die deutsche Geschichte so lange heimgesucht haben, gar nicht mehr vorkommen. Nicht einmal erwähnt das Grundgesetz ein Vaterland. Die Ehre kommt einmal vor, als zu schützende persönliche Ehre. Keine Ehre der Nation, denn die Nation wird im Grundgesetz nicht erwähnt. Und der liebe Gott darf nur bis zur Präambel, im Text selbst taucht er nur in der Eidesformel auf - "so wahr mir Gott helfe" - und dann noch mit dem Hinweis, diese religiöse Beteuerung könne auch weggelassen werden.

Kein Schicksal, kein Pathos, keine Versprechen und keine Opfer - davon hatten die Deutschen im Westen genug, im Osten auch, aber sie hatten noch keine Wahl. Heute ist es gerade der Verzicht auf all das, der den Text so verheißungsvoll klingen lässt, weil jede Wahlwerbung, ja jede Werbung für ein Apple-Produkt mindestens verspricht, das Leben zu ändern und die Welt zu retten. Welche Seiten voller Kitsch und Pomp wären zu befürchten, wenn heute eine Verfassung geschrieben würde?

Das Grundgesetz bedient sich eines Tricks. Statt der schweren Begriffe sind es schlichte Hilfsverben, die den Text tragen und führen. Die autoritären Wörtchen "soll" und "darf" kommen nur selten vor. Star des Grundgesetzes sind drei Buchstaben, das ärmste der deutschen Verben: "ist". Sie formen den magischen ersten Satz des ersten Absatzes, den Hit der deutschen Nachkriegsgeschichte, ohne den keine Rede zum Thema und natürlich auch nicht dieser Text auskommt: "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Navid Kermani wies auf das Paradoxon hin: Wenn sie so unantastbar ist, warum muss man sie dann schützen, wie es der zweite Satz aufträgt? Bedeutet dieses "ist" ein "sollte sein"?

Rechte Deutung nahezu unmöglich

Als das Grundgesetz geschrieben wurde, stand der Existenzialismus, die französische Variante der deutschen Ontologie in intellektueller Blüte. Etwas muss von Paris nach Bonn geweht sein, denn das ganze Geheimnis der rechtlichen und sozialen Stabilität der Bundesrepublik wurde damals dem Begriff des Seins anvertraut. In philosophischen Seminaren klopfte man damals prüfend auf die Tische: Wo am Tisch ist dieses "ist"?

Im Grundgesetz vertraut man dem Sein als Versprechen, das funktioniert wie ein Zauberspruch. So auch bei Artikel 102: "Die Todesstrafe ist abgeschafft." Keine humanistische Begründung für das Ende einer in Deutschland seit Anbeginn der Geschichte praktizierten Strafe, keine Übergangsfristen oder Ausnahmen für Kinderschänder, kein Argument und kein Selbstlob, einfach der freche Gebrauch eines bescheidenen Verbs: Ist so. Die Würde des Menschen soll nicht unantastbar sein, auch steht da nicht, dass sie nicht angetastet werden darf - sie ist es. Zauberspruch. Der braucht auch keine Drohungen, Sanktionen, Folgegesetze, wenn man das liest, so gilt es schon.

Und so funktioniert auch der so wichtige Artikel 3 Satz 2: "Männer und Frauen sind gleichberechtigt." De facto und de jure waren sie es noch lange Jahre nicht, die Frauen hatten einen harten und zähen Kampf vor sich. Das Grundgesetz war in diesem Augenblick seiner Zeit voraus und motivierte zur politischen Unruhe. Alle neuen sozialen Bewegungen, die für die Geschichte der Bundesrepublik so wichtig waren, konnten sich auf Aspekte des Grundgesetzes berufen. Es wurde unnötig, die Systemfrage zu stellen. Für die Rechtspopulisten ist weniger im Angebot: Eine rechte Deutung des Grundgesetzes ist nahezu unmöglich.

Keine Diskussion, sondern Zauberspruch

Das Grundgesetz braucht auch keine Fassung in leichter Sprache, jeder Schüler kann es verstehen, man könnte sogar damit lesen lernen. So ergibt sich ein weiterer Effekt, ein anderer Trick des Textes, die narzisstische Zufuhr. Wer den ersten Satz liest, versteht ihn nicht nur, sondern fühlt sich unmittelbar angesprochen. Auch meine Würde ist gemeint, steht damit im Zentrum der ganzen staatlichen Veranstaltung.

Um sich so angesprochen und geschützt zu fühlen, muss man keine Voraussetzung erfüllen, muss weder moralisch gefestigt sein noch gebildet sein, weder gut, noch tapfer noch reich noch überhaupt deutscher Staatsbürger, einfach jedem Menschen wohnt diese Würde inne, die dem ganzen Staat seinen Zweck vorgibt. Und die Wucht dieser humanistischen Radikalität wird abermals durch Weglassen verstärkt. Die Würde kommt nur an dieser einen Stelle vor. Es wird nicht ausgeführt, wie sich Würde konstituiert, ob man sich würdig erweisen kann oder gar soll, ob diesem Recht auch Pflichten entsprechen - keine Diskussion, sondern Zauberspruch.

Mit dem Obrigkeitsstaat rechnet das Grundgesetz ab. Bundespräsident, Bundeskanzler - alle Promis des Staates werden ohne jeden Schmuck erwähnt, sind reine Funktion. Vom Bundespräsidenten wird lediglich beschrieben, wie er ins Amt kommt, was aber nicht eigens gerühmt oder gewürdigt wird, nichts vom Ersten Bürger im Staate. Auch der Bundeskanzler kommt ohne höhere Weihen aus, von der berühmten, später sogenannten Richtlinienkompetenz kennt der Text nur die Richtlinie - stilistisch ein feines, aber deutliches Band, nicht diese scheppernden, pompösen drei Silben von der Kompetenz. Prominenz beeindruckt das Grundgesetz nicht.

Was im Grundgesetz nicht steht

Baumarktparkplatz: Entfaltung der Persönlichkeit statt Untertanentum
Federico Gambarini/ DPA

Baumarktparkplatz: Entfaltung der Persönlichkeit statt Untertanentum

Seit dem Grundgesetz steht das private Glück im Zentrum der deutschen Umtriebe, Grillvergnügen, Baumarktbesuche, der Irrsinn des Berufs und das Abenteuer Familie - das Grundgesetz lässt all dem den Vortritt, niemand soll mehr Untertan sein, sich opfern oder den Heldentod wünschen. Dieser Glücksbegriff taucht wohlgemerkt nicht auf, wieder viel zu schwer. Stattdessen erfindet der Parlamentarische Rat den Begriff von der "freien Entfaltung der Persönlichkeit", eine Vorstellung, über die die deutschen Eliten früher nur gelacht hätten - nun ist so etwas grundgesetzlich geschützt.

Und es hat geklappt. Wenn man sich in diesen Tagen über Politik und den Lauf der Welt unterhält, sei es mit Profipolitikern oder den Leuten in der Supermarktschlange, fällt oft so ein kleiner Satz: "Privat geht's mir super, aber..." Das ist so der Zeitgeist. Reisen, Gesundheit, Vermögen und Bildung - in nahezu allen Punkten geht es den Deutschen heute unendlich viel besser als denen von 1949.

Aber etwas fehlt doch auch, vielleicht die öffentliche Aufgabe, die uns Bürgerinnen und Bürgern zugemutet werden kann. Der Moment, wo wir gestalten, weil nichts von allein kommt, und dazu auch aufgerufen werden, zu helfen in Fragen des Klimaschutzes, der Gemeinschaftspflege und der Innovationen. Das Grundgesetz, dieses magische Buch, das so viel deutsche Dämonen erledigen konnte, hat uns verwöhnt. Alles super also, aber auch noch nicht alles, denn was unsere Generation noch so auf die Beine stellen sollte, steht nicht im Grundgesetz.



insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
CHV 23.05.2019
1. Eine schöne Würdigung
Diesem Essay ist nichts hinzuzufügen. Es beschreibt die Besonderheit unserer Verfassung und ist eine Liebeserklärung an diese, die es geschafft hat unserm Land seit nunmehr siebzig Jahren ein friedliches Zusammenleben zu bescheren. Happy Birthday liebes Grundgesetz, Danke dass Du da bist. Hoffentlich bleibst Du uns genauso erhalten. Dafür lohnt es sich zu kämpfen.
scxy² 23.05.2019
2. Danke Herr Minkmar
Ihr Essay ist fein gesagt! Ein wichtiges Wort gegen die Vermüllung unserer Verfassung.
ambulans 23.05.2019
3. kleiner
einwurf von der seite, herr minkmar: sprache, stringente denkstruktur, logik und die überlegte verwendung deklaratorischer definitionen (sind ..., ist ..., etc.) sind zwar einmalig in der zeit nach 1945 (praktisch alle erneuerungen, ergänzungen u.ä. in der heutigen fassung unseres GG erreichen nicht mehr die absolute höhe der fassung von 1949). aber: als zuvor schon HGB (für die wirtschaft) und BGB (fürs private) entwickelt wurden - also um 1900 - hätte selbst der berufs-kritiker und -grantler karl kraus daran nichts auszusetzen gehabt. so perfekt wie damals wurde die deutsche sprache niemals wieder (und das von den eigentlich eher "verrufenen" juristen - nicht etwa den schriftstellern!) gehandhabt. das war deutsch at his best ...
richey_edwards 23.05.2019
4. Der Geist des Grundgesetzes ging
irgendwo in den 90ern verloren. Die Politik ist voll von angstmachenden Szenarien wie die Klimakatastrophe und die "Freie Entfaltung der Persönlichkeit" wird längst von einer ungzügelten PC in die Schranken gewiesen. Der letzte Absatz im Artikel ist das Problem.
chrimirk 23.05.2019
5. Danke, Der Spiegel!
Es ist ein Glück, in Deutschland leben zu dürfen. Bei allen Jammereien, berechtigten Kritiken, offensichtlichen Fehlern: Die Deutschen West hatten nach 1945 ein Riesenglück im Unglück, nämlich dass es genau diese 3 wetslichen "Siegermächte" gab und nicht auch noch die vierte, die in der Ost-Zone ihre "Herrschaft" entwickelte. Jetzt heisst es nach vorne schauen und denen, die es in der UE brauchen/wollen, Hilfe anbieten!
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