9/11-Debatte Eine Lüge, zu groß zum Scheitern

Die US-Gesellschaft hat das Trauma von 9/11 bis heute nicht verarbeitet. Noch immer benutzt die extreme Rechte die Attentate, um Angst zu schüren und ihre Agenda durchzusetzen, meint US-Schriftsteller Adam Haslett. Amerika lebt mit einer gigantischen Lüge.
George W. Bush im April 2008: Cowboy-Rhetorik, die al-Qaida in die Hände spielte

George W. Bush im April 2008: Cowboy-Rhetorik, die al-Qaida in die Hände spielte

Foto: ? Jonathan Ernst / Reuters/ Reuters

Um das Erbe des 11. Septembers 2001 in der US-Politik und Kultur zu verstehen, ist es wichtig, sich den Kontext zu vergegenwärtigen. Zehn Monate vor den Anschlägen hatte George W. Bush die Wählermehrheit an Al Gore verloren. Doch aufgrund der Intervention des Obersten Gerichtshofs, in welchem die Konservativen fünf und die Liberalen vier Sitze hatten, gewann er schließlich mit den Stimmen der Wahlmänner. Es war die umstrittenste Wahl des Jahrhunderts, und ein Großteil des Landes hielt den Sieg Bushs am Ende für illegitim.

Zwei Jahre zuvor hatte sich das republikanische Repräsentantenhaus unter Missbrauch seiner verfassungsmäßigen Befugnisse für ein Amtsenthebungsverfahren gegen den damals amtierenden US-Präsident Clinton hergegeben - wegen irreführender Aussagen, die er unter Eid leisten musste. Das Verfahren wäre nie beantragt worden, wenn nicht ein höchst parteiischer Staatsanwalt seine Untersuchungen im Fall Clinton von alten Grundstücksverkäufen auf außereheliche Affären ausgeweitet hätte. Kurz gesagt, um den 11. September 2001 herum hatten parteiische Bösartigkeit und Kraftmeierei - vor allem seitens der Rechten - längst begonnen, wie ein Brunnenvergifter in der amerikanischen Politik zu wirken.

In einer anderen Epoche oder einer anderen politischen Atmosphäre hätten die Zerstörungen vom 11. September zu rechter Zeit überwunden werden können: Man hätte die Toten betrauert, neue Strukturen geschaffen und ein Denkmal errichtet. Es hätte trotzdem eine begrenzte Invasion in Afghanistan und eine fokussierte internationale Allianz gegen al-Qaida und ihre Verbündeten geben können. Stattdessen hat man die Ereignisse schnell in eine bestehende politische Auseinandersetzung integriert.

George W. Bush - die Apotheose der Neokonservativen

Die Geschichte dieses Kampfes hat vor den Präsidentschaften von Bush und Clinton begonnen. Die Errungenschaften des New-Deal-Liberalismus waren in den vergangenen vierzig Jahren ständig und zunehmend den Angriffen von Seiten der neokonservativen Allianz aus sogenannten Populisten, evangelikalen Christen und wirtschaftlich Libertären ausgeliefert. Erst kürzlich sind extrem radikale Figuren wie zum Beispiel Sarah Palin und Rick Perry aufgetaucht - bis dato galt George W. Bush als Apotheose dieser Bewegung: Ein wiedergeborener Christ aus Texas, dessen innenpolitisches Markenzeichen, nur wenige Monate vor dem 11. September zum Gesetz geworden, in einer massiven Steuersenkung für die Reichen bestand.

In der Außenpolitik gab es parallel dazu eine Teilung in demokratische Internationalisten und republikanische Neokonservative, die die Uno verunglimpften und dafür plädierten, dass die USA die Stellung einer uneingeschränkten Supermacht anstreben und Angst vor Zerstörung schüren sollen, um ihre internationalen Ziele durchzusetzen.

Die schlüssigste Weise, den 11. September zu verstehen, besteht also darin, ihn nicht als Ursache der Katastrophen zu betrachten, die folgten - zwei Kriege, staatlich geförderte Folter, eine massive Rezession - sondern als einen mächtigen Beschleuniger. Er war die Lunte am Pulverfass eines bereits aufgeheizten innenpolitischen Konflikts.

Das Ventil einer kohärenten Geschichte

In ihrem wegweisenden Buch "Die Narben der Gewalt - Traumatische Erfahrungen verstehen und überwinden" führt die Psychiaterin Judith Herman aus, dass eine der wenigen Möglichkeiten, wie Opfer traumatisierender Gewalterfahrungen ihre seelische Ausgeglichenheit wiederherstellen können, darin besteht, in einer Erzählung auszuführen, was mit ihnen passiert ist. Ohne das Ventil einer kohärenten Geschichte lebt das Grauen der Gewalt fort, von der Psyche unverarbeitet.

Dies gilt für kollektive Gewalt ebenfalls. Herman stellte fest, dass Soldaten nach der Rückkehr aus dem Zweiten Weltkrieg sich in viel höherem Maße von den Auswirkungen ihrer Erlebnisse erholen konnten, weil sie mit einer Erfolgsgeschichte des Sieges über die Gräuel des Nationalsozialismus willkommen geheißen wurden. Die Soldaten, die aus Vietnam zurückkehrten, hatten es dagegen viel schwerer, weil die Story ihres Krieges von einer Niederlage und von US-Gräueltaten handelte.

Die Gewalt des 11. Septembers war natürlich anders. Sie war ein terroristischer Akt und daher waren ihre Opfer nicht nur die Ermordeten, sondern auch die Zuschauer. Was uns zu Opfern hat werden lassen war symbolischer und nicht körperlicher Natur. Es gab schon immer viel Gewalt in den USA, doch sie hatte bis dato nicht die weiße Mittelschicht in ihrem Alltag in den politischen und finanziellen Zentren Washingtons und New Yorks heimgesucht.

Was der 11. September auslöste, war die Erschütterung des Sicherheitsgefühls der Vereinigten Staaten als Nation, die über und neben dem Chaos der europäischen und asiatischen Geschichte existierte. Man möge bedenken, dass es während des Zweiten Weltkriegs auf dem Boden der USA weniger als hundert Opfer unter der Zivilbevölkerung gab. Keine Luftangriffe wie auf Dresden, kein The Blitz wie in London und keine Atombombenabwürfe wie auf Hiroshima. Während des mörderischsten Jahrhunderts in der Geschichte der Menschheit blieben US-Zivilisten bemerkenswert sicher vor äußeren Angriffen. Das Trauma des 11. Septembers bestand für die meisten Amerikaner darin, dass das Gespenst eines solchen, plötzlichen Massensterbens heraufbeschworen wurde - auch wenn es in der Realität so nicht stattfand. Die Hauptangst bestand und besteht noch immer vor Massenvernichtungswaffen in den Händen von Terroristen.

Wenn die ideologische Lüge scheitert, bricht das US-Weltbild zusammen

Doch anstatt mit einer Erzählung aufzuwarten, die den Zweck der Angriffe erklärte und den Grund, warum sich die meisten US-Bürger nicht in unmittelbarer Gefahr befanden, verstärkte die Bush-Regierung ihre terrorisierende Wirkung noch, indem sie sie dazu nutzte, noch mehr Ängste zu schüren. Man unterstellte, dass Saddam Hussein beteiligt war. Man behauptete, er besäße chemische und vielleicht sogar nukleare Waffen. Die damalige Außenministerin Condoleezza Rice sagte im Vorfeld des Irak-Krieges, "Wir wollen nicht, dass der rauchende Colt zu einer pilzförmigen Wolke wird."

Wer auf die fehlende Verknüpfungslogik hinwies, wurde als unpatriotischer Schwächling diffamiert. Schließlich griffen die politischen Strategien Bushs und Osama Bin Ladens auf geradezu perverse Weise ineinander. Die Ersatz-Cowboy-Rhetorik des Präsidenten schürte Unmut im potentiellen Rekrutierungsbasar der al-Qaida, während die Drohvideos Bin Ladens Bush dabei halfen, im Jahr 2004 seine Wahl zur zweiten Amtszeit zu gewinnen.

Ich erinnere mich, ein Interview mit einer Mutter eines toten US-Soldaten im Radio gehört zu haben - zu einer Zeit, als das Fehlen von Massenvernichtungswaffen im Irak unbestreitbar wurde, selbst für die Regierung Bush. Sie wurde gefragt, ob sie glaube, dass der Präsident das Land betrogen habe. Ich werde ihre Antwort nie vergessen: "Ich könnte das einfach nicht glauben", sagte sie. "Wenn ich das glauben würde, dann ergäbe nichts mehr einen Sinn." So funktionieren große Lügen: Wie Banken werden sie zu groß zum Scheitern. Ihr Stellenwert im ideologischen Kraftfeld wird so zentral, dass die Menschen sie nicht mehr durchschauen dürfen, da sonst ihr gesamtes Weltbild zusammen bräche. Bis zum heutigen Tag glauben nach wie vor Millionen Amerikaner, dass Saddam Hussein am 11. September beteiligt war.

Die Agenda der extremen Rechten bestimmt noch immer die Politik

Als Land haben wir die Angriffe nicht bewältigt, weil wir keine gemeinsam geteilte Geschichte haben, warum sie verübt wurden oder was sie zu bedeuten hatten. Und nicht nur in der Außenpolitik diente der 11. September als Beschleuniger für die wachsende Dominanz des rechten Flügels. In einer der größten Privatisierungsmaßnahmen, die es jemals gegeben hat, outsourcte das Pentagon Dienstleistungen im Wert von Hunderten von Milliarden US-Dollar, die davor von Regierungspersonal ausgeführt worden waren. Über die aufgerüstete innere Sicherheit wurden Unsummen von öffentlichen Geldern direkt an Privatunternehmen übertragen, oft für unechte, betrügerische oder einfach ineffiziente Produkte und Dienstleistungen.

Zwischenzeitlich war es den Mitarbeitern der neu geschaffenen Transportation Safety Administration verboten, sich gewerkschaftlich zu organisieren - entgegen der allgemeinen Norm für Bundesbedienstete. Mittlerweile hat Präsident Obama diese Entscheidung wieder rückgängig gemacht. Die jüngsten Angriffe auf die Gewerkschaftsrechte für Beschäftigte im öffentlichen Dienst der USA erscheinen in ihrer Unverfrorenheit als neuartig, aber sie waren bereits unmittelbar nach dem 11. September auf den Weg gebracht worden.

Heute bestimmt die Agenda der extremen Rechten die Wirtschaftspolitik in Washington. In diesem Sommer wurde die Gefahr einer Zahlungsunfähigkeit der USA - man könnte sogar sagen, der Schrecken angesichts einer solchen - dazu verwendet, um Präsident Obama dazu zu nötigen, mitten in einer Rezession drakonischen Kürzungen der Staatsausgaben zuzustimmen. Das mag weit entfernt von den Flugzeugen liegen, die in das World Trade Center flogen. Was sie verbindet, und was die letzten Jahrzehnte des amerikanischen Lebens charakterisiert, ist indes eine durchgehende, unterschwellige Panik. Das Unheil scheint allerorten zu lauern. Wir werden täglich über neue Gefahren belehrt. Keine Zeit zum Nachdenken, nur zum Handeln. Die Beute geht jedoch stets an diejenigen, die bereit sind, mit der Angst der Menschen zu spielen.

Aus dem amerikanischen Englisch von Matthias Hammelehle