Kommentar zum 9/11-Jahrestag Fürchtet euch nicht

Der Westen schien fast geheilt von der Angst vor Krieg und Terror, doch zum Jahrestag der Anschläge von 9/11 sieht die Welt düster aus wie schon lange nicht. Es ist zum Verzweifeln. Fast.
Angehörige von 9/11-Opfern in New York: Die alte Angst lauert

Angehörige von 9/11-Opfern in New York: Die alte Angst lauert

Foto: Andrew Burton/ AFP

An einem Tag wie heute fällt die Hoffnung schwer. Trübe Aussichten, wohin man auch blickt. Man muss sich schon sehr anstrengen, an diesem 11. September einen hellen Schimmer zu entdecken.

Gerade hat der US-Präsident Barack Obama seine Nation und mithin die westliche Welt auf einen neuen Krieg gegen den Terror eingeschworen, diesmal muss der sogenannte "Islamische Staat" vernichtet werden, eine entfesselte Horde, die mit ihrer Wucht und verrohten Grausamkeit selbst al-Qaida in den Schatten zu stellen scheint.

Lange litt die kollektive Psyche des Westens unter dem Schock des Angriffs auf die Zwillingstürme in New York, fern schien die Möglichkeit eines Brückenschlags zur islamischen Welt. Dann kam eine Zeit, da schien er möglich: Derselbe Präsident, der heute zu den Waffen ruft, stand noch vor fünf Jahren in der Universität von Kairo und sprach zur islamischen Welt, "Ein neuer Anfang" hieß seine Rede, bald darauf bekam er den Friedensnobelpreis.

In den USA ging die Angst zurück: Noch 2010 nannten nur drei Prozent der Amerikaner den Terrorismus als wichtigstes Problem der Nation. Jetzt sind es 14 Prozent. Vielleicht liegt es nicht nur an den horrenden Preisen, dass es offenbar sehr schwierig ist, ausreichend Mieter für das neue World Trade Center zu finden.

Die alte Angst lauert wieder in den Nachrichten aus aller Welt, an einem Tag wie heute kann man sich um viele Jahre zurückgeworfen fühlen. Der Nahostkonflikt scheint unlösbarer, der islamistische Terror bedrohlicher denn je, und man kann schon froh sein um jede Stunde, in der im Osten der Ukraine niemand er- oder abgeschossen wird. Dafür entsteht dort gerade ein neuer Eiserner Vorhang, und bildmächtig präsentiert die Bundeswehr deutsche Kampfjets in Estland, eine Alarmrotte zum Einsatz gegen eindringende russische Flieger. Vor zwanzig Jahren schloss die Nato eine "Partnerschaft für den Frieden" mit Russland, von der ist längst keine Rede mehr, im Gegenteil: Die Jahre der Annäherung scheinen wie weggewischt, im Radio läuft wieder "Land of Confusion" und im Baltikum spielen sie "Top Gun".

Wir waren schon so viel weiter. Das könnte deprimieren, aber es muss ein Ansporn sein für einen neuen Anlauf: Wo wir schon waren, da können wir wieder hin - und sogar weiter. Beim nächsten Mal muss es besser werden, vernünftig nämlich.

Eine wirkliche Partnerschaft mit Russland schließen, irgendwann wird das wieder möglich sein, selbst Putin wird nicht ewig herrschen, nach ihm muss es besser werden. Zwei Staaten schaffen, in denen Israelis und Palästinenser friedliche Nachbarn sein können, irgendwann muss das gelingen. Denn Teilhabe und Würde für jeden ist kein Hirngespinst, sondern eine anzustrebende Möglichkeit, und damit sind Gesellschaften vorstellbar, in der keiner auf die Idee käme, mit Nationalisten zu sympathisieren oder mit Islamisten, eine Weltordnung, in der das Recht gilt, und nicht nur des Stärkeren. Sind sie doch?

An einem Tag wie heute darf man die Hoffnung nicht aufgeben.