Abschied aus London Was ist britisch?

Es müsste leicht sein in diesen Tagen, sich aus London zu verabschieden. Man ist ständig nervös, wenn die Familie mit der U-Bahn fährt. Edgware Road und Notting Hill klingen wie Kriegsschauplätze. Nichts wie weg hier. In Wahrheit aber fällt SPIEGEL-Korrespondent Matthias Matussek der Abschied schwer.


London - Man hat Freunde hier, man mag die Stadt - und vor allem ist man Journalist. Jetzt zu gehen, ist, als verließe man das Theater im dramatischen vierten Akt.

Welche Farcen, welche Triumphe, welche Tragödien in diesen letzten anderthalb Jahren. Die Intrigen und Thronfolgekämpfe in Westminster, die hinreißenden Sex-Skandale um Minister und Tory-Journalisten und Fußballer, Michael Gambon als Falstaff, die Abschaffung der Armut mit Pink Floyd im Hyde Park.

Und nun, ganz zum Schluss, hat sie mich ins Herz getroffen, die Stadt. Da war diese goldene Stunde der Olympia-Vergabe am Trafalgar Square, und nur wenige Tage darauf die berührende Andachtsstunde für die Terroropfer. Himmel und Hölle.

London hat sich in diesen letzten 18 Monaten verändert. Die ganze britische Nation hat sich verändert. Die Tonlage ist anders. Sie ist triumphalistischer. Sie ist trotziger. Sie ist gereizter. Und sie fragt immer bohrender nach dem, was die Nation zusammenhält. Was ist das, "Britishness"?

Für mich war es wohl dieser Nachmittag vor rund zwei Wochen, den ich auf dem Rasen des Buckingham Palace verbrachte, zwischen Männern im Cutaway und Frauen unter großen Hüten. Queen Elizabeth II. neigte sich lächelnd ihrer Commonwealthfamilie zu auf ihrer traditionellen Gartenparty. Sie schritt die Spaliere ab, die Lords und das gemeine Volk, die indischen Saris und die anglikanischen Priesterroben und die afrikanischen Burnusse. Höfliches Gemurmel.

Gemurmel, das zerrissen wurde von einem Inferno aus Polizeisirenen, Hupen und schappenden Hubschrauberblättern jenseits des Gartens.

Es war der Donnerstag der zweiten Terrorserie. London war in Aufruhr. Noch wusste keiner genau, ob es erneut Tote gab. Die Fahndung lief auf Hochtouren.

Doch hier auf dem Rasen warteten Hunderte vor dem königlichen Teezelt, um ihrer Königin beim Teetrinken zuzuschauen. Natürlich war es eine Szene voller Ironien. Der Schulterschluss der Britischen Vielvölkerfamilie konnte ja nicht darüber hinwegtäuschen, dass es die eigenen Kinder waren, die sich einem Mörderkult verschrieben hatten.

Und die Tugenden, die auf dem Rasen vorgeführt wurden? Der Stoizismus, die Bildung, der Humor? Natürlich waren auch sie längst niedergerungen in der Welt jenseits der königlichen Hecken, dort genauso wie überall sonst. Nicht durch Bomben, sondern durch Big Brother, Porno, Drogen, "binge drinking" und "happy slapping". Auf der Insel haben diese Verfallsformen und sozialen Krankheiten vielleicht extremere Formen angenommen, doch es gibt sie genauso in Frankreich, Deutschland und anderswo.

Die Gesellschaften in der globalisierten Welt atomisieren. Sie fliegen uns buchstäblich um die Ohren. Auch in Frankreich, auch in Deutschland mit ihren multikulturellen Kompositionen überlegt man sich: Was hält uns im Innersten zusammen?

Auf der Insel zählt man in verstörten Mantras in diesen Tagen alle die Segnungen auf, mit denen man die Welt beglückte: Parlamentarismus, Shakespeare, Fußball. Warum hassen sie uns?

Was ist Britishness in diesen Tagen? Eine Umfrage des "Daily Telegraph" versuchte Antworten, mehr oder weniger überraschende. Rechtswesen und Meinungsfreiheit und Parlamentarismus - das würde wohl jede andere entwickelte Nation auch angeben.

"Wirtschaftlicher Erfolg". Nicht sehr überzeugend. Sicher, das Land ist in einem Konsumrausch. All die Property-Shows! Schöner Essen, schöner Trinken, schöner Wohnen. Bizarr, wie das deutsche Wirtschaftswunder der sechziger Jahre. Als gesellschaftlicher Klebstoff dient so was nicht, vor allem nicht für die, die draußen bleiben.

Was noch? An der Spitze der genannten Umfrage zur Britishness steht der "Widerstand gegen Nazi-Deutschland". Auch nicht sehr überzeugend. Was sollen somalische Einwanderer heute damit anfangen? Oder Jugendliche aus Leeds?

Hitler taugt in Wahrheit nur noch als lahmer Witz. Wir kamen kürzlich mit dem Schriftsteller Ian McEwan und seiner Frau aus einem Restaurant und rannten in diesen berühmten Regisseur hinein. Ian stellte uns als seine Freunde aus Deutschland vor, und besagter Regisseur, Oscar-Preisträger, riss den Arm zum Hitler-Gruß hoch und brüllte vor Lachen.

Nun ja.

Übrigens, es stimuliert den eigenen Patriotismus ungemein, wenn man das eigene Land ständig gegen Klischees zu verteidigen hat. In dieser Hinsicht sind die Briten für uns Deutsche genauso anregend, wie wir es für sie sind.

Nationen funktionieren in dieser Zeit globalisierter Märkte wie Markennamen, die wirken, weil sie Wert auf ihre Differenzen legen. Alle halten sich selbst für tolerant, alle sind stolz auf ihre jeweiligen Tüftler, Entdecker, Feldherren. Doch es gibt Unterschiede. Von Japanern kauft man HiFi, von Deutschen Autos, von Franzosen Wein und Käse. Amerikaner sind großzügig, und die Briten haben Humor. Die Unterschiede sind hartnäckig, langlebig, und sie bestehen zu Recht.

Die britische Werbung ist hinreißend komisch, "Absolute power" ist markerschütternd, Ricky Gervais mein Favorit. Und der Journalismus auf der Insel ist bestes Entertainment. Es gibt kaum etwas Anregenderes als den kultivierten Hooliganismus der hiesigen Kolumnisten, mit denen ich mich wunderbar streiten konnte.

Eine Bitte an die britischen Kollegen: Verliert auch in diesen Zeiten der Bedrohung euren Humor nicht! Macht euch nicht zu viele Gedanken darüber, was Britishness ist und ob man euch mag oder nicht! Soweit also ist es schon gekommen, dass ein Deutscher das seinen englischen Kollegen zuruft, aber es hat seinen Grund:

Nach der Olympia-Vergabe an die Briten hatte ich mir erlaubt zu witzeln, dass diesem Land einfach alles gelinge, und dass es nun wahrscheinlich Schleswig-Holstein angreife und damit eine Gefahr für den Weltfrieden sei. "Nicht dass es schade um Schleswig-Holstein wäre", schrieb ich, "aber es geht ums Prinzip." Der Text war mit "Glosse" überschrieben. SIE WAR EIN SCHERZ. Doch einige britische Kommentatoren behandelten sie absichtsvoll mit unbritischer Humorlosigkeit. Sie verwiesen allen Ernstes auf Hitlers Überfall auf Polen und forderten die Absetzung meines Bruders, der der deutsche Botschafter in diesem Lande ist. Was für ein hübscher Skandal!

Nun weiß jeder, der meinen Bruder kennt, wie sehr er sich bemüht, Akzeptanz zu schaffen für die Bundesrepublik Deutschland. Er ist Diplomat, ich bin keiner. Wir haben verschiedene Berufe. Wir sind zwei verschiedene Menschen. Mittlerweile herrscht Eiszeit zwischen uns. Er empfängt mich nicht mehr. Ich vermute, er hat diese alte Kirschholzkommode vor die Tür gerückt.

Ich bekomme nur noch diese braunen Botschaftsumschläge, in denen die hate-mail steckt, die er seit meiner Glosse bekommt. Blaue, hektisch geschriebene Briefe, unruhige Zeilen, die immer wieder unterbrochen sind mit Aufschreien in Großbuchstaben, Sachen wie: "GO TO HELL!"

Ich möchte diese Gelegenheit noch einmal dazu benutzen, klar zu stellen: ich glaube nicht, dass Großbritannien Schleswig-Holstein angreifen wird. Es war ein Witz. Schön, dass das noch geklärt werden konnte.

Verstört hat mich bei der oben genannten Umfrage zur Britishnesss, dass die Queen nur auf einem Mittelplatz genannt wurde. Wenn ich auf etwas neidisch bin bei meinen britischen Freunden, dann darauf, dass sie diese Queen haben. Ich war hingerissen an diesem Nachmittag, im Garten des Buckingham Palace. Was für grandiose historische Echos! Mit welcher Würde hier eine untergegangene Welt verteidigt wurde, mit nichts anderem als hochgezogenen Brauen, vollendeten Manieren.

Mein Nachbar Bruce Welch, ein Gründungsmitglied der legendären "Shadows", erhielt letztes Jahr seinen OBE (Order of the British Empire) aus ihren Händen. Als er seinen Diener machte, sagte er: "Ma'am, ich bin genauso lange im Showbusiness wie Sie." "Und?", sagte die Queen mit mütterlicher Strenge, "nie ein böses Wort?" Ich möchte auch von dieser Königin repräsentiert werden. Ich wäre bereit, dafür in Zukunft auf alle geschmacklosen Witze zu verzichten und mich zu unterwerfen. Hat sie nicht noch Anrechte auf Hannover?

Bis dahin allerdings wird es weitere Auseinandersetzungen geben, aber sicher auch die Entdeckung verblüffender Ähnlichkeiten. In diesen Tagen ist Großbritannien ein Land in Identitätskrisen, die uns Deutschen nicht fremd sind. Es ist ein Land, das sich seiner selbst vergewissern will, denn die Bomben haben eine tiefe Kränkung hinterlassen. Es ist ein Land mit einer imponierenden Erfolgsgeschichte in den letzten Jahren, sicher aber auch mit imponierenden Fehlschlägen.

Unter dem Gesichtspunkt der Terrorbekämpfung zum Beispiel war der Irak-Krieg eine Katastrophe. Ganz sicher wurde der Hunger nicht durch dieses Konzert im Hydepark beseitigt. Und ob ausgerechnet ein britischer Premier zum Retter Europas wird, bezweifle ich. All diese Überhebungen sind womöglich weniger britisch, als man denkt. Und sie werden von den meisten meiner britischen Kollegen ebenso kritisch gesehen. Die Anthropologin Kate Fox bemerkte, dass "nationale Prahlerei unbritisch" sei. Britisch sei das: Understatement, Ironie.

Was wiederum dem Temperament des Journalismus eher widerspricht. Was britisch für mich ist: Das, was Joachim Fest kürzlich als "Begabung zur öffentlichen Vernunft" beschrieb. Es wird auf der Insel, auch im gegenwärtigen Reizklima, nicht zur Hexenjagd kommen. Was sich derzeit entfaltet, ist, von einzelnen rassistischen Entgleisungen abgesehen, die Kraft der Debatte, die Würde der Demokratie.

Für einen Korrespondenten sind dies goldene Zeiten. Farewell Britannia, ich werde dich vermissen!



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