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Abtreibungen und Frauenbild

"Eine gewinnbringende Erfahrung"

Wie fühlen sich Frauen nach einer Abtreibung? Die Gesellschaft erwartet Trauer und Trauma. Hier erklärt die Wissenschaftlerin Erica Millar, warum der Eingriff auch glücklich machen kann.

Ein Interview von

Getty Images

Symbolbild

Donnerstag, 13.12.2018   17:12 Uhr

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SPIEGEL ONLINE: Frau Millar, Abtreibungen sind in vielen Staaten zwar mittlerweile legal, dennoch hat der Papst sie vor kurzem mit Auftragsmord verglichen.

Millar: Das hat der Papst gesagt? Davon habe ich hier in Australien gar nichts gehört. Aber natürlich wurde seit den Protesten der Frauenbewegung in den Siebzigern etwas erreicht: Heute weiß zumindest jeder, dass Abtreibungen existieren, das ist ein Fortschritt. Und es ist einfacher, eine Abtreibung zu haben.

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SPIEGEL ONLINE: Dennoch: In Deutschland praktizieren laut einer ARD-Recherche immer weniger Ärztinnen und Ärzte Schwangerschaftsabbrüche, machen sich Ärztinnen, die auf ihrer Homepage über Abtreibungen informieren, strafbar. Und in den USA hat zwischen 2011 und 2016 ein Viertel der Abtreibungspraxen geschlossen.

Millar: Das stimmt. Seit der Supreme Court 1992 entschied, dass die Bundesstaaten Maßnahmen einführen können, um Frauen Abtreibungen auszureden, hat sich die Situation verschärft: Es ist viel schwerer geworden, abzutreiben. Auf der anderen Seite gibt es zum Beispiel Irland, eines der konservativsten Länder in der EU, das nun Abtreibungen entkriminalisiert.

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SPIEGEL ONLINE: Sie haben Ihr Buch "Happy Abortions" genannt. Können Abtreibungen glücklich machen?

Millar: Das ist natürlich provokativ. Natürlich denke ich nicht, dass Abtreibungen nur glücklich machen können oder sollten. Dafür sind die Erfahrungen und Lebenswelten von Frauen viel zu heterogen. Aber ich habe mich gefragt: Warum ist es so unmöglich für uns zu akzeptieren, dass Abtreibungen auch Glück bedeuten können?

SPIEGEL ONLINE: Und?

Millar: Wenn wir über Abtreibungen reden, dann nur darüber, wie schwierig das für Frauen ist. Und, dass ein Abbruch Traumata, Reue, Trauer und Scham produziert. Merkwürdigerweise nehmen wir dabei an, dass alle Frauen gleich reagieren, und zwar nur mit negativen Emotionen. Dabei haben sozialwissenschaftliche Befragungen das Gegenteil gezeigt: Frauen fühlen nicht die ganze Zeit Trauer und Scham, wenn sie ungewollt schwanger sind und die Chance zur Abtreibung haben. Sehr viele fühlen sich erleichtert und nehmen Abtreibung als gewinnbringende Erfahrung wahr.

SPIEGEL ONLINE: In der öffentlichen Diskussion dominiert dennoch die Idee, eine Abtreibung sei eine große psychische Belastung.

Millar: Vielleicht, weil häufig Menschen über Abtreibungen in der Öffentlichkeit reden, die selber nie eine hatten. In diesem Diskurs geht es darum, Frauen vorzugeben, wie sie über Abtreibungen fühlen sollten; abtreibende Frauen werden dabei oft als negative Schablone der "guten Mutter" hingestellt. Es gibt verschiedene Emotionsskripte: eines der Öffentlichkeit, wo Abtreibungen als schwierig und traumatisch besprochen werden, und eines im Privaten, wo Frauen eher positiv über eine Abtreibung denken.

SPIEGEL ONLINE: In der Debatte spiegeln sich auch bestimmte Stereotype von weiblicher Sexualität und Mutterschaft?

Millar: Ja. Und ich glaube, das liegt an einem Mangel an Diversität, was die Frauenrolle angeht. Die Idee, dass das Mutterwerden nicht nur natürlich vorgesehen ist, sondern zudem das größte Glück jeder Frau darstellt, ist immer noch stark verbreitet. Deshalb ist auch häufig die Rede davon, dass abtreibende Frauen und Frauen ohne Kinder Scham empfänden: Sie werden damit konfrontiert, versagt zu haben.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch schreiben Sie, Scham sei eine kulturell konstruierte Emotion.

Millar: Scham ist ohne Kultur nicht möglich. Man schämt sich, weil man an gesellschaftlichen Erwartungen, Normen und Werten gescheitert ist. Auch die Trauer nach einer Abtreibung, die quasi vorausgesetzt wird, ist ein Produkt unserer Kultur: In den vergangenen Jahrzehnten konnte man beobachten, wie der Abtreibungsdiskurs sich auf die leidende Frau verschob. Statt eine Abtreibung als selbstgewähltes Ende einer ungewollten Schwangerschaft zu betrachten, wird sie häufig als Tötung eines autonomen Wesens bewertet - die emotionalen Schäden nach einer Abtreibung für die Frau müssen also gravierend sein. Abtreibungsgegner nutzen das als Warnung: Wer abtreibt, wird unweigerlich trauern.

SPIEGEL ONLINE: Haben Frauen heute nicht dennoch sehr viel mehr Wahlmöglichkeiten? Sie können in Ländern wie Deutschland immerhin ohne Gefahr für das eigene Leben abtreiben, sich auch durchaus bewusst für ein kinderloses Leben entscheiden, etwa zu Gunsten einer Karriere.

Millar: Theoretisch ja. Doch nur weil man die Möglichkeit einer legalen Abtreibung hat, heißt es noch lange nicht, dass man auch den Zugang dazu hat. Eine Abtreibung ist nicht günstig. Und es handelt sich nicht mehr um eine freie Wahl, denkt man das Wertepaket mit, dass man sich damit auflädt. Wenn man eine Abtreibung hatte, rechtfertigt man sich vor jedem dafür, auch vor sich selbst. Und weil Sie es angesprochen haben: Frauen, die sich auf ihre Karriere konzentrieren, werden als defizitäre Wesen angesehen, die sich nicht auf das konzentrierten, was sie doch eigentlich wirklich wollen: Mütter sein. Das ist eine Norm, die Stereotypen produziert. Etwa das Klischee, dass die kinderfreie Frau später bereut, keine Kinder bekommen zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Frauen am Ende doch so wenig frei sind - hat der Feminismus versagt?

Millar: Es gibt ja nicht den Feminismus, sondern ganz viele Feminismen. Einer davon ist der westorientierte, weiße Feminismus der Mittelschicht. Der hat an der Freiheit der Frauen vor dem Gesetz gearbeitet, aber nicht an vielen anderen Faktoren, die Ungleichheit produzieren. Bei den Demonstrationen für Abtreibungsrechte in den Siebzigern waren die meisten Feministinnen der Ansicht, dass alle Frauen sich über Abtreibungen Gedanken machen. Und zwar die gleichen. Allerdings ging es für Frauen aus der Arbeiterklasse oder für Women of Color oft um das Gegenteil: darum, nicht für die eigenen Kinder sorgen zu können und Mütter sein zu dürfen. Diese Perspektive hat in der Diskussion keine so große Rolle gespielt. Das ist heute anders.

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