Margarete Stokowski

Abtreibungen Klar, ist alles nur Spaß

Schwangerschaftsabbrüche sind so ein spaßiger Trend unter Feministinnen, das haben Leserbriefschreiber richtig erkannt. Diese angetrunkenen, lachenden Frauengruppen, die Sie ab und an sehen - was glauben Sie, wo die gerade waren?
Bücher und Informationshefte zum Thema Schwangerschaftsabbruch

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Foto: Jens Büttner/ DPA

Abtreibung ist ein ernstes Thema, deswegen ist es wichtig, dazu immer wieder mal Expertenmeinungen einzuholen oder auch gern Statements vom sogenannten kleinen Mann, denn es ist ja immer noch eine Demokratie hier. Ein User namens "keine-#-Ahnung" schrieb zu meiner letzten Kolumne ins SPON-Forum, er stimme mir zu, dass Schwangerschaftsabbrüche Teil einer grundlegenden Gesundheitsversorgung sind und daher einfach und kostenlos zugänglich sein sollten - aber nur in "medizinisch oder kriminologisch indizierten" Fällen, und nicht generell. Denn:

"Was Wunschabbrüche zur lifestyle-Aufhübschung angeht... da legen richtige 'Experten' wohl eher ein Veto ein. Aus gutem Grund. Ärztliches Ethos und so. Finanzierbarkeit des solidarisch organisierten Gesundheitswesens. Alles Dinge von außerhalb der Feministenblase. Die wirkliche Welt kann so grauselig sein..."

Vielleicht ist Herr Ahnung selbst Experte, schwer zu sagen. Er hat recht viel kommentiert, er schreibt auch: "primum non nocere lernen wir ziemlich früh an den Arztschulen". Vielleicht war er an einer Arztschule, vielleicht heißt er in Wirklichkeit Herr Dr. med. Ahnung. Ich wollte erst sagen, "ok boomer" , aber ich will die Sache nicht ins Lächerliche ziehen. Wunschabbrüche zur Lifestyle-Aufhübschung, alles klar, lassen Sie uns drüber reden.

Ich habe nachgedacht. Herr Dr. Ahnung hat Recht. Warum den Status quo verschweigen? I mean, cui bono? Natürlich ist Abtreibung im Moment einfach so ein Trendding unter Feministinnen. Das ist wie mit Pussyhats, veganen Menstruationstassen und Jens-Spahn-Witzen, diese Sachen kommen und gehen, aber sagen immer auch was über die Bewegung aus. Ich bin da jetzt eine Weile drin, warum nicht mal darüber plaudern, wie es so läuft?

Abtreibung ist für uns in erster Linie einfach Quality Time. Mal was für sich selbst tun, zur Ruhe kommen. Eine Art Detox. Ich wollte gerade schreiben, es sei Me Time, aber das klingt so einsam und wird der Sache nicht gerecht, denn meistens gehen wir als Gruppe. Allein zum Abtreiben gehen ist für uns wie allein trinken: Kann man machen, aber auf die Dauer ist es nicht schön. Was man zum Beispiel gut allein machen kann, ist die Pille danach nehmen, das ist für uns Morgenroutine geworden, seit sie rezeptfrei erhältlich ist. Zwanzig Euro ist viel, aber gut, es gibt nichts geschenkt heutzutage.

Zum Abtreiben gehen wir jedenfalls meistens zusammen. Immer zu unserem Stamm-Gyn, der hat WLAN, wir duzen uns seit Jahren mit ihm und haben dort alle eine Kundenkarte in Rosé-Gold. Bei jeder zehnten Abtreibung gibt es eine Flasche Crémant aufs Haus. Die Praxis ist unser Happy Place, ich kann es nicht anders sagen.

Feminismus ist kein Ponyhof

Es wird viel gekichert auf diesen Ausflügen, das können Sie sich ja denken. Wir nennen sie "Abi-Partys", Abtreibung ist so ein langes Wort. Es muss natürlich auch dies und das vorbereitet werden. Häppchen, Drinks, alles. Ganz wichtig auch: Was zieht man an? Am besten casual, aber mit ein paar edlen oder witzigen Accessoires. Gern bequem, aber auch nicht zu lässig, denn man zelebriert ja auch was. Selbstbestimmung, Selfcare und so. Die Anfängerinnen erkennt man daran, dass sie das falsche Outfit anhaben, also entweder mega aufgebrezelt oder irgendwie unpraktisch. Eine Bekannte von mir hatte mal einen Onesie an, ich meine, wie bescheuert ist das denn? Inzwischen ist sie aber auch eingegroovt und kommt vier- oder fünfmal im Jahr mit. Drunter machen wir es nicht, Feminismus ist kein Ponyhof.

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Stokowski, Margarete

Untenrum frei

Verlag: Rowohlt Taschenbuch
Seitenzahl: 256
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Preisabfragezeitpunkt

03.12.2022 01.19 Uhr

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Die Vorbereitung ist wichtig, aber die Nachbereitung auch. Die größte Challenge ist immer, während der Abtreibung die lustigste Insta-Story zu machen, mit Musik drunter. "Girls just wanna have fun", "Bye bye baby" oder auch mal pathetisch mit "Time to say goodbye" oder "My heart will go on". Bisschen edgy, aber wir haben eine ganze Playlist voll mit diesen Sachen.

Apropos edgy. Wir kommen zu einem wunden Punkt: Herr Dr. Ahnung schreibt, unsere Spaß-Abbrüche sollten nicht kostenlos sein. Wir sagen natürlich alle immer, dass Abtreibung kostenlos und legal sein sollte, aber wenn man länger drüber nachdenkt, kann man schon auch Zweifel kriegen: Wäre es dann überhaupt noch cool? Angenommen, Abtreibung würde komplett aus dem Strafgesetzbuch gestrichen, immer kostenlos sein und der Staat würde Werbung dafür erlauben - würden wir das dann noch wollen? Wär das noch Punk? Es würde diesen verruchten Reiz verlieren.

"Keine Frau treibt gerne ab", stand irgendwann mal auf "Zeit Online" . Pffff. Es geht nicht ums "gerne". Wenn man es nicht schön findet, muss man es sich schön machen. Oft gehen wir nach dem Abtreiben noch zur Pediküre, ins Hamam oder einfach ganz normal shoppen.

Diese leicht angetrunkenen, laut lachenden Frauengruppen, die Sie manchmal sehen - was glauben Sie, wo die gerade herkommen? Mit 90 Prozent Wahrscheinlichkeit kommen die gerade vom Ausschaben. Oder vom Proktologen, das kann auch sein, das machen wir auch manchmal: Darmspiegelungs-Party. Auch geil! Aber davon erzähle ich dann vielleicht nächste Woche.

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