Margarete Stokowski

"Werbeverbot" für Abtreibungen Warum spricht niemand über Gebärneid?

Abtreibungsgegner stellen sich gern als Lebensretter dar. Dabei gibt es unzählige andere Möglichkeiten, Kinder zu schützen - und Frauen. Doch die würden der Machtgier vieler Männer zuwiderlaufen.
Foto: HAYOUNG JEON/EPA-EFE/REX

Am Mittwoch will die Bundesregierung eine Änderung des Paragrafen 219a im Strafgesetzbuch beschließen: Ärztinnen, Ärzte und Kliniken dürfen dann auf ihren Internetseiten darauf hinweisen, dass sie Schwangerschaftsabbrüche durchführen, aber mehr nicht. Das sogenannte Werbeverbot für Ärztinnen und Ärzte soll bestehen bleiben, wobei mit "Werbung" hier auch fachliche Informationen gemeint sind, wie genau Abbrüche durchgeführt werden, welche Methoden und Risiken es gibt und worauf Frauen sich einstellen müssen, wenn sie zu einem Termin kommen.

Damit wird fast nichts besser. Im Gegenteil: Wieder mündet eine lange Debatte über Selbstbestimmungsrechte in einer Gesetzeslage ohne ernst zu nehmenden Fortschritt. Es bleibt so, dass Abtreibung in Deutschland eine Straftat ist, die unter bestimmten Voraussetzungen straffrei bleibt (wenn sie - in Fällen, in denen keine medizinischen oder kriminologischen Gründe vorliegen - innerhalb von zwölf Wochen ab Empfängnis durchgeführt wird und die Schwangere eine dreitägige Zwangspause verstreichen lässt, nachdem sie sich von einer staatlich anerkannten Stelle hat beraten lassen).

In Anne Wills Sendung zum Thema musste Familienministerin Franziska Giffey diese Zumutung von einem Kompromiss verteidigen. Ursprünglich hatte die SPD gefordert, den Paragrafen zum sogenannten Werbeverbot ganz abzuschaffen, Andrea Nahles zog den Vorschlag dann aber zurück. Das ist eine äußerst peinliche Situation für die SPD, aber noch unangenehmer ist sie für Menschen, die schwanger werden können.

In derselben Sendung saß der CDU-Politiker Philipp Amthor, der den Kompromiss der Koalition richtig findet und genau so ist, wie man sich "Lebensschützer" immer vorstellt. Er engagiert sich in einem Verein namens "Durchblick", der Propaganda gegen Schwangerschaftsabbrüche betreibt, indem er Plastikembryonen verteilt.

Franziska Giffey

Franziska Giffey

Foto: MICHELE TANTUSSI/ REUTERS

"Wir haben als Männer natürlich auch unseren Anteil an der Schwangerschaft", sagte Amthor in der Sendung. Nun ja. Männer, die eine Frau schwängern, haben natürlich erst mal nur einen ziemlich geringen Anteil an dem, was die Frau danach erlebt. Aber natürlich hätten sehr viele Männer gern einen wesentlich größeren Anteil an der Kontrolle von Frauen und ihren Körpern.

Angeblich geht es Männern wie Amthor um den "Schutz des ungeborenen Lebens", wobei schnell in den Hintergrund tritt, dass es auch schon geborenes Leben gibt: die Frauen, die selbst entscheiden wollen, ob sie schwanger bleiben oder nicht.

Wann bitte sorgen sich diese Leute so sehr um vermeintliche Kinderrechte, wie wenn es um Embryonen geht? Wer wirklich etwas für Kinder tun will, sollte nicht dafür sorgen, dass noch mehr von ihnen in Familien geboren werden, in denen sie nicht gewünscht sind, sondern dass diejenigen, die schon da sind, unterstützt werden.

Man kann sich gegen Kinderarmut, gegen Missbrauch, gegen Genitalverstümmelung, gegen Mobbing einsetzen, an Vereine spenden und Alleinerziehende unterstützen. Es gibt Tausende von Möglichkeiten, Kindern etwas Gutes zu tun, aber keine von ihnen besteht darin, die Rechte von Frauen zu beschneiden.

Gebären bleibt Frauen vorbehalten

Männern steht die ganze Welt offen, aber die allermeisten von ihnen werden nie die Erfahrung machen, schwanger zu werden. Man kann sich als Mann damit abfinden oder darauf drängen, es Frauen möglichst schwer zu machen, über ihren Körper selbst zu bestimmen.

Die Idee vom Penisneid hat sich mir nie erschlossen. Wozu ein empfindlich raushängendes Organ statt eines kompakt eingebauten? Wozu eines mit weniger Nervenenden? Die Idee vom Gebärneid allerdings ist völlig unterrepräsentiert in der Diskussion über Abtreibung: Gebären zu können, ist eine Form von Macht, sich gegen das Gebären zu entscheiden ebenso. Und diese Macht Frauen einfach zu überlassen, ist für viele Menschen immer noch undenkbar.

Natürlich aber nicht nur für männliche "Lebensschützer". Auch Frauen können gegen Frauenrechte kämpfen. Gerade erst hat Kristina Schröder, ehemalige Frauenministerin und heute "Welt"-Kolumnistin, darüber geschrieben, wie falsch sie die "völlig einseitige Fixierung auf die Rechte der betroffenen Frauen" in der Abtreibungsdebatte findet. Es sei "bitter, dass Väter nach aktuellem Recht überhaupt nichts zu melden haben und unter Umständen gegen ihren Willen hinnehmen müssen, dass ihr Kind abgetrieben wird".

Schröder schreibt zwar einerseits, dass ihr "Lebensschützer" suspekt sind, verwendet dann aber genau ihr Vokabular. "Aber wir sollten endlich ehrlich sein: Natürlich wird bei einer Abtreibung ein Kind getötet." Natürlich nicht! Was in den ersten Wochen einer Schwangerschaft im Uterus ist, ist noch kein Kind. Wer einen Embryo, der alleine nicht lebensfähig wäre, als Kind bezeichnet, betreibt nicht weniger Propaganda als die Fundamentalisten, die Plastikembryonen verteilen.

Zu dem aktuellen Kompromiss der Regierung über Paragraf 219a gehört auch, dass Gesundheitsminister Jens Spahn angekündigt hat, eine Studie zu den "seelischen Folgen" von Schwangerschaftsabbrüchen  in Auftrag geben zu wollen. Den minimalen Fortschritt, dass Ärztinnen in Zukunft zumindest darüber informieren dürfen, dass sie Abbrüche durchführen, gleicht Spahn dadurch wieder aus, dass er - von Steuergeldern - noch mal prüfen lassen will, ob es Frauen nicht doch schade, wenn sie Entscheidungen über ihren eigenen Körper treffen .

Allein, es gibt solche Untersuchungen schon längst. Eine Studie der University of California San Francisco (UCSF) School of Medicine  hat 2015 gezeigt, dass die große Mehrheit der Frauen eine Abtreibung nicht bereut: 670 Frauen wurden in den USA zu den Folgen eines Schwangerschaftsabbruchs befragt. 95 Prozent von ihnen fanden, dass die Entscheidung zum Abbruch die richtige gewesen war.

Es gibt natürlich einiges, was man im Kontext von Schwangerschaft und Gesundheit noch untersuchen könnte. Das Thema Gewalt unter der Geburt wird erst seit kurzer Zeit etwas breiter öffentlich diskutiert, und auch die Folgen der Stigmatisierung von Schwangerschaftsabbrüchen für Frauen könnte das Gesundheitsministerium gern genauer unter die Lupe nehmen.

Ärzte und Ärztinnen sind verunsichert

Um Schwangeren oder solchen, die es werden können, das Leben zu erleichtern, müsste nicht nur das "Werbeverbot" für Schwangerschaftsabbrüche gestrichen werden, sondern auch der ganze Paragraf 218 des Strafgesetzbuchs, und die Kosten für Abbrüche müssten von Krankenkassen getragen werden.

Was derzeit passiert, läuft aber genau in die entgegengesetzte Richtung. Die Zahl der Arztpraxen und Kliniken, die in Deutschland Abtreibungen durchführen, ist gesunken . Im Medizinstudium spielen Abbrüche oft nur eine marginale Rolle . In einigen Regionen Deutschlands müssen Frauen 150 Kilometer weit fahren, um einen Schwangerschaftsabbruch durchführen zu lassen . Dort müssen sie dann damit rechnen, auf protestierende "Lebensschützer" zu treffen.

"Wir haben großes Verständnis für jeden Arzt, der unter den derzeit herrschenden Bedingungen keine Schwangerschaftsabbrüche vornehmen möchte ", hat Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, gesagt. Ich habe großes Verständnis für jede Frau, die unter den derzeit herrschenden Bedingungen ausrastet.