Georg Diez

Ökonomie und Feminismus Die Mutter aller Märkte

Wer hat dem Nationalökonomen Adam Smith sein Essen gekocht? Die Mutter. Zeit, die weiblichen Aspekte der Wirtschaftsgeschichte zu betrachten - mit dem Feminismus kann der Markt neu gedacht werden.

Die Welt entsteht durch die Geschichten, die wir uns erzählen. Geschichten, das merken wir in diesen Tagen wieder einmal besonders stark, schaffen eine Realität, die erst dadurch sichtbar wird, dass wir Worte dafür finden. Und wenn sich die Worte ändern und die Geschichten, ändert sich auch die Welt.

Die Geschichte etwa der Ökonomie, die Geschichte von der Wirtschaft als einem System von Konkurrenz, Wachstum, Reichtum, der Marktplatz als Metapher für Handel zwischen Individuen, die angetrieben werden vom Streben nach Profit, und materieller Erfolg als Maßstab für gesellschaftlichen Rang, gesellschaftliches Gelingen: Es ist eine starke und zentrale Geschichte unserer Gegenwart, und sie ist weitgehend falsch.

Was ist zum Beispiel mit Adam Smith, dem Mann, der immer wieder präsentiert wird als "Vater des Kapitalismus" , als "Urvater der Ökonomie" , als Segensbringer des Egoismus , der im Eigennutz die Triebfeder des wirtschaftlichen Fortschritts sah und damit, so heißt es in der neoliberalen Auslegung seiner Lehren, ein radikales Konzept von Freiheit verfolgte - und dabei selbst abhängig war von den Bedingungen, die diese Freiheit ermöglichten, weil er seine Mutter brauchte, die ihm das Abendessen machte, sein Leben lang?

Adam Smith hat nie geheiratet, er hat all die Jahre, in denen er an seiner "Theorie der ethischen Gefühle" arbeitete und an "Der Wohlstand der Nationen", zu Hause gewohnt, und das ist nicht nur menschlich relevant, es ist vor allem theoretisch von Bedeutung, weil es auf einen Widerspruch hinweist, der eigentlich gar keiner ist: Freiheit braucht Bedingungen, die diese Freiheit ermöglichen.

Mit dem Körper fängt alles an

Freiheit ist, mit anderen Worten, nichts, das aus sich selbst heraus entsteht, Freiheit etwas, das aus einem Gefüge von Ordnung und Versorgung entsteht, Freiheit ist dabei nichts Abstraktes, Freiheit ist sehr konkret, physisch sogar, denn damit fängt alles an, mit dem Körper, in diesem Fall mit dem Hunger, mit dem Essen, dem Verdauen, mit der Routine von Einkaufen, Kochen, Wirtschaften eben.

Denn das ist ja der Ursprung der Ökonomie, die an sich nicht von Märkten handelt oder von Profit, sondern vom Haus als Ort und Anfang des Lebens, von den Bedingungen des Alltags also, die notwendig sind für ein richtiges, für ein gelungenes Dasein und damit, und so hat es auch Adam Smith verstanden, eine Moralphilosophie ist, die dem Menschen dienen sollte, der nicht für den Markt gemacht ist, sondern umgekehrt.

Aber das ist nicht die Geschichte, die Politiker oder Leitartikelschreiber erzählen - und warum das so ist, das schildert die Autorin Katrine Marçal  in ihrem weitsichtigen, fast visionären Buch, das auf Englisch den Titel trägt "Who Cooked Adam Smith's Dinner?" und auf Deutsch heißt: "Machonomics. Die Ökonomie und die Frauen": Es ist, kurz gefasst, die männliche Sicht auf Frauen, Mütter, Körper, Alltag, Leben.

"In der Ökonomie ging es nicht um Geld", schreibt sie. "Es ging von Anfang an darum, wie wir Menschen sehen." Es ging, mit anderen Worten, um die Geschichten, die wir vom Menschen erzählen. Es ging um Adam Smith, der seine Mutter brauchte, es ging um Robinson Crusoe, ein anderes Beispiel von Marçal, die Geschichte eines einsamen, isolierten Mannes, der nur dann isoliert ist, wenn er isoliert beschrieben wird, wie es Ökonomen tun, die den Markt abstrakt und absolut setzen.

Kooperation und Empathie

"Die Geschichten", schreibt Marçal, "lassen nie die Möglichkeit zu, dass zwei Menschen, die auf einer verlorenen Insel gestrandet sind, anfangen miteinander zu reden, dass sie sich einsam fühlen könnten." Aber wenn die Menschen miteinander besser sind, wenn sie sich brauchen, wenn sie Kooperation und Empathie wollen, wenn es geradezu das ist, was sie zum Menschen macht - warum hat das keine wirtschaftliche Bedeutung, warum ist das nicht wesentlicher Teil der wirtschaftlichen Lehre?

Ökonomie, das zeigt Marçal deutlich, ist eben das, was Männer daraus machen - Männer, Ökonomen, Machtmenschen, Meinungsmacher, die Geschichten erzählen von Gestrandeten, die einsam und allein ums Überleben kämpfen, weil sie selbst gestrandet sind, nicht auf einer Insel, sondern in sich selbst. Und deshalb ist ihr Buch, obwohl schon 2012 zuerst auf Schwedisch und 2016 auf Deutsch erschienen, eine Art #MeToo-Moment der Ökonomie.

Es ist ein schöner, fast poetischer Blick auf den Menschen, der sich in Marçals Buch eröffnet - und es braucht diesen anderen Blick, diese andere Stimme, diese andere Biografie und, das zeigt sich mehr und mehr, dieses andere Geschlecht, um aus der Enge und dem Egoismus der herrschenden ökonomischen Weltsicht herauszugelangen und ein anderes Bild vom Menschen zu entwerfen, das unbedingt notwendig ist, wenn es darum geht, die wirtschaftlichen Bedingungen als Grundlage unseres Lebens und Überlebens zu ändern.

Der Markt ist niemals frei

Feminismus, sagt Marçal, bedeutet mehr als nur Rechte für Frauen: "Das bestgehütete Geheimnis des Feminismus ist die Tatsache, dass eine feministische Perspektive unbedingt notwendig ist bei der Suche nach Lösungen für die ökonomischen Mainstream-Probleme." Bislang, so Marçal, hat nur eine halbe feministische Revolution stattgefunden. Im nächsten Schritt geht es darum, diese fundamentale Veränderung zu begreifen und unsere Gesellschaften, unsere Ökonomien und unsere Politik so zu verändern, dass sie sich der neuen Welt anpassen, die durch den Feminismus geschaffen wurde.

So grundsätzlich muss man den Wandel angehen, indem man die Erzählungen ändert. Für die Wirtschaft bedeutet das: Der Markt ist niemals frei, die Akteure sind nicht autonom, es braucht die Bedingungen, die die Freiheit ermöglichen, die Mutter in der Geschichte von Adam Smith, der Staat in der Geschichte unserer Realität.

Die "unsichtbare Hand" also, von der die Propagandisten des freien Marktes so gern unter Berufung auf Adam Smith reden, ist deshalb unsichtbar, weil sie nicht gesehen wird, weil sie verschwiegen wird, die Mutter, der Staat, sie ist nicht unsichtbar, diese Hand, weil sie nicht existieren würde - im Gegenteil, diese Hand ist notwendig, unabdingbar, wesentlich für das Gelingen von Gesellschaft und des geglückten Lebens.

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Marçal, Katrine

Machonomics: Die Ökonomie und die Frauen

Verlag: C.H.Beck
Seitenzahl: 206
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03.02.2023 11.03 Uhr

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Es waren Männer, die sich diese Ideologie ausmalten, so beschreibt es Marçal etwa am Beispiel der neoliberalen Chicago School, es konnten nur Männer sein, denn ihnen primär war es gegönnt, so etwas wie Eigeninteresse zu entwickeln und daraus eine Philosophie der Freiheit zu basteln - die Unterdrückung der Frau gehörte dazu, in der Wirtschaft, im Haushalt, beim Sex, die weibliche Perspektive ist damit fast automatisch gegen diese einseitige und letztlich asoziale Konzeption von Freiheit gewendet.

Ökonomie, das macht Marçal deutlich, kann und muss eine andere Ausrichtung haben, wenn das Leben als Gemeinschaft funktionieren soll, es muss eine Lehre vom Menschen sein und damit die egoistische Verkümmerungen umkehren, auf denen die neoliberale Weltsicht beruht, die "mehr war als nur ein politisches Programm", so Marçal, "eine neue Interpretation davon, was es heißt, eine Person zu sein".

Und hier kommt sie wieder zum Körper zurück: "Wenn wir den Körper ernst nehmen würden als Ausgangspunkt der Ökonomie, hätte das weitreichende Konsequenzen", schreibt sie. "Eine Gesellschaft, die um die gemeinsamen Bedürfnisse des menschlichen Körpers herum organisiert wäre, wäre eine andere Gesellschaft als die, die wir kennen."

Der Davos-Mann, sagt Marçal, wird endlich hinterfragt , und mit ihm eine ganze Wirtschaftsordnung. Es stellt sich heraus: Er ist ein Neandertaler.

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