Leben nach einer Vergewaltigung "Jahrelang war ich Soldatin"

Sie suchte die Schuld bei sich selbst: Als Neunjährige wurde Adélaïde Bon vergewaltigt - wie das ihr Leben prägte, realisierte sie erst Jahrzehnte später. Jetzt hat sie ein Buch darüber geschrieben.

Autorin Adélaïde Bon: "Plötzlich fühlst du dich so düster"
Philippe Matsas/ Grasset/ Hanser Berlin

Autorin Adélaïde Bon: "Plötzlich fühlst du dich so düster"

Ein Interview von


Zur Person
    Adélaïde Bon, Jahrgang 1981, wuchs in einer Pariser Familie auf. Sie studierte Schauspiel und trat an Theatern sowie im Fernsehen auf. 2018 erschien ihr autobiografischer Roman "Das Mädchen auf dem Eisfeld". In Frankreich wurde das Buch zum Bestseller.

SPIEGEL ONLINE: Frau Bon, in Ihrem autobiografischen Roman schildern Sie, wie ein Serientäter Sie als Neunjährige im Hausflur Ihrer Familie vergewaltigte - und wie das Ihr Leben jahrzehntelang prägte. Sie beschreiben sich selbst dabei immer wieder als "Mädchen auf dem Eisfeld" - warum?

Adélaïde Bon: Dieses Mädchen in einer weißen Kälte - die ich bin, der ich helfen will, aber nicht kann - tauchte in meinen Therapien als Bild immer wieder auf, und ich wusste lange nicht, warum. Ich realisierte nicht, was mir angetan worden war, aber gleichzeitig hatte sich das Trauma wie eine Qualle in meinem Leben ausgebreitet, ohne dass ich es als solches erkannte.

SPIEGEL ONLINE: Sie nahmen die Vergewaltigung lange als Strafe wahr dafür ,"dass ich kein braves Mädchen war, dass ich zu viel vom Leben erwartete." Worin wurzelt dieses Schuldgefühl? Ihnen wurde etwas angetan, der Täter wurde später verhaftet.

Bon: Opfer von Vergewaltigungen sind kolonialisiert. Der Hass und die Gewalt sind nicht unsere. Aber weil uns das keiner sagt, internalisieren wir den Blick des Täters - dass wir Dreck sind, nur da, um benutzt zu werden. Natürlich hatte ich später Wege, um mein Leben zu leben. Aber auch als ich später als Erwachsene mit meinem Freund schlief, waren immer drei Menschen im Raum. Von außen sah mein Leben okay aus, aber stell dir vor: Du läufst an einem sonnigen Tag durch Paris, dein Leben läuft gut, dein Freund ist nett, deine Arbeit passt. Und plötzlich fühlst du dich so düster, dass du nur noch sterben willst. Ich dachte jahrelang, ich sei verrückt. Das wiederum zu verstecken, kostete mich wahnsinnig viel Energie.

SPIEGEL ONLINE: Als sie selbst schwanger wurden, hatten Sie erst Angst, den Sohn in Ihrem Bauch zu beschmutzen. Als er auf der Welt war, konnten Sie die Fantasie nicht unterdrücken, auch ihm Gewalt anzutun.

Bon: Selbst jetzt darüber zu sprechen, ist schwierig für mich. Aber es ist das Buchkapitel, auf das ich von anderen Vergewaltigungsopfern am häufigsten angesprochen werde. Es sind Worte, die man keinem sagen darf, die viele fühlen gegenüber ihren Kindern. Ich weiß, das ist schwer zu verstehen, aber ich hätte auch eine Pädo-Kriminelle werden können.

SPIEGEL ONLINE: Sie wurden es nicht, wandten die Zerstörung dafür aber gegen sich selbst, oder? Sie nahmen Drogen, wurden bulimisch.

Bon: Ich denke, dass es einfacher ist, jemand anderem statt sich selbst Gewalt anzutun. Es ist so simpel, jemanden zu zerstören, und es ist so schwierig, selbst gesund zu werden. In der Öffentlichkeit werden Vergewaltiger oft als Monster stilisiert. Für mich ist das viel banaler: Wer als Kind Ameisen zerdrückt, weil er Macht spüren muss, wird als Erwachsener nicht zum Monster, aber vielleicht zu einer Person, die sich Kinder statt Ameisen aussucht.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:22 Uhr
Ohne Gewähr

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Adelaïde Bon
Das Mädchen auf dem Eisfeld

Verlag:
Hanser Berlin
Seiten:
240
Preis:
EUR 22,00
Übersetzt von:
Bettina Bach

SPIEGEL ONLINE: Als Leserin kriegt man den Eindruck, Sie würden auch als Erwachsene übergriffige Männer geradezu anziehen - da ist etwa der ältere Schauspielkollege, der Sie hinterm Vorhang begrapscht.

Bon: Lange dachte ich, dass ich ein unsichtbares Zeichen auf der Stirn trage: "Kommt her, Perverslinge". Der Hauptgrund, warum man Opfer von Gewalt wird, ist, dass man schon mal Opfer geworden ist. Weil man gelernt hat, sich von einer Sekunde auf die andere abzukapseln von der Situation. Gewalttäter können das fühlen. Wir sind die einfacheren Opfer.

SPIEGEL ONLINE: Was genau passiert bei diesem Abkapseln?

Bon: Bei einer posttraumatischen Belastungsstörung funktionieren neurologische Abläufe nicht mehr richtig, dein Hirn brennt gewissermaßen durch: Man erlebt eine Gewaltsituation, die mit dem eigenen Weltbild nicht in Einklang gebracht werden kann. Betroffene Menschen - Vergewaltigungsopfer, Vietnam-Soldaten, Terror-Überlebende - erinnern die Situation als etwas, bei dem sie nicht richtig anwesend waren: Man schaut von weit weg zu. Trotzdem nimmt das Hirn alles auf wie ein fehlgeleiteter Flugschreiber: die Angst, die Perversion, die Macht. Weil all das noch da ist, kann es immer wieder auftauchen. Deshalb kann es passieren, dass zum Beispiel eine 50-jährige Frau zur Beerdigung ihres Vaters geht und plötzlich erinnert, dass er sie über ihre ganze Kindheit vergewaltigte.

SPIEGEL ONLINE: Sie probierten etliches aus, auf Berührungen basierende Körpertherapien, Familienaufstellungen. Was half Ihnen am Ende?

Bon: Es kostete mich fast 30 Jahre meines Lebens, bis ich verstand, dass das, was damals im Hausflur meiner Eltern passiert war, nicht mein Fehler war. Letztlich bis zu dem Tag, an dem ich in meiner Therapie realisierte, dass das, was ich erlebt hatte, eine Vergewaltigung war. Seitdem entdecke ich, was für eine Frau ich bin, weil ich jahrelang nur Soldatin war, kämpfte, damit es mir besser geht. Ich habe keine Panikattacken mehr, ich spüre seine Finger nicht mehr in mir drin, ich kann Komplimente akzeptieren - "heilen" ist das falsche Wort für diesen Prozess, eine Vergewaltigung ist ja keine Krankheit. Aber meine Symptome sind vorbei.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Familie stammt aus der Pariser Oberschicht. Macht es dieses Milieu einfacher oder schwerer, über Missbrauch zu sprechen?

Bon: Es ist vertrackt. Ich hatte Glück, dass ich eine geborgene Kindheit erlebte. Nach der Vergewaltigung war es mir möglich, mit meinen Eltern zur Polizei zu gehen. Ich hatte das Geld und die Zeit, über viele Jahre eine Therapie zu machen. Gleichzeitig fühlte ich mich aber immer wie das kleine hässliche Entlein - weil es doch eigentlich keinen Grund für mein Unglück geben konnte. Und dann wiederum gab ich mein Bestes, nicht zu zeigen, wie kaputt ich war, dass ich mich fühlte wie der Teufel unter Engeln: Wenn ich aus einer kaputten Familie gestammt hätte, hätte ich mich sicher mehr gehen lassen. So aber achtete ich auch in meinen bulimischen Zeiten darauf, nicht zu dick oder zu dünn zu werden, weil es nicht zu meiner Herkunft gepasst hätte. Ich ritzte mich auch nie, obwohl ich einen starken Drang hatte, mich selbst zu verletzen.

SPIEGEL ONLINE: Das mag Sie vor sich selbst beschützt haben, es klingt aber auch sehr einsam.

Bon: Es hatte zwei Seiten, aber am Ende hatte ich Glück - in vielen Familien der Pariser Oberschicht wäre das sicherlich schwieriger gewesen, weil der Status so wichtig ist. Ich hatte außerdem, ja, das Glück, dass nicht mein Vater der Vergewaltiger war, sondern der seltene Stereotyp "Fremder Mann". Ich bin mir aber etwa nicht sicher, ob er nicht früher geschnappt worden wäre, hätte er sich seine Opfer nicht in einem reichen Viertel gesucht: In meiner Schule gab es damals viele Mädchen, die von demselben Mann belästigt wurden, aber die Eltern warnten sich nie gegenseitig. Hätte es diese Stille auch in einem Mittelklasse-Viertel gegeben?

SPIEGEL ONLINE: Was steckt hinter diesem Schweigen? Die Idee einer Familienehre, die besudelt wird?

Bon: Wenn du vergewaltigt wurdest, taugst du nicht mehr für die Heirat - das ist eine sehr alte Idee, die auf eine gewisse Art als Subtext noch immer weiterwirkt, obwohl viele das in Frankreich oder Deutschland abstreiten würden.

SPIEGEL ONLINE: Fragen Sie sich manchmal, ob Ihr späteres Leben ohne die Vergewaltigung anders ausgesehen hätte?

Bon: Ja, allein, weil ich so viel Energie aufwendete, um darüber hinwegzukommen. Aber auch beruflich: Ich wurde ja Schauspielerin - das war ein Weg, mich lebendig zu fühlen und Emotionen auszuleben, ohne Angst vor ihnen zu haben. Und es war für mich sehr bequem, auf der Bühne Objekt der Begierde zu sein. Aber als Kind schrieb ich viel, damals wollte ich Schriftstellerin werden. Vielleicht klappt das nun, nach dem "Mädchen auf dem Eisfeld" - das musste erst noch aus dem Weg, jetzt aber habe ich das Gefühl, richtig zu schreiben.

SPIEGEL ONLINE: Sie packen in Ihrem Buch Ihr Innerstes aus. Hatten Sie Angst, zu viel preiszugeben?

Bon: Das, was ich in dem Buch beschreibe, ist nicht mein Intimstes, es sind die Erfahrungen vieler Vergewaltigungsopfer, denn die Symptome sind universell. In diesem Buch steht nichts über mein Privatleben, das entdecke ich erst seit einigen Jahren selbst für mich - und darüber rede ich mit keinem, auch nicht mit Ihnen. Es ist meins, endlich.



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