"Patrioten" Hetzer in der Heiligen Nacht

Wie war das noch gleich mit Weihnachten? Ach ja, es geht um die Liebe. Wie mögen sich da wohl rechte Pöbler fühlen, wenn ihnen die Mutter unterm Baum ihre schlimmsten Entgleisungen vorhält?

Weihnachtsbaum (Symbolbild)
DPA

Weihnachtsbaum (Symbolbild)

Eine Kolumne von


Noch eine Woche bis zum Leitkultur-Jahresevent. Das Fest der Liebe. Sie wissen schon: Liebe. Großartiges Produkt. Menschen, die es gekauft haben, entschieden sich auch für gute Laune und gegen saures Aufstoßen. Liebe. Der Puls beschleunigt sich, Serotonin flutet das System, die Atmung geht schneller. Man fühlt sich aufgehoben. Sicher.

Wenn es ein wenig kleiner sein soll, also sozusagen Liebe für Einsteiger, kann man es mit Freundlichkeit versuchen. Menschen betrachten und sich denken: Okay, du bist auch nur eine arme Sau wie wir alle. Du hast diese verdammt kurze Zeit auf der Welt und keine Ahnung, wie es gehen soll. Mit der Erbärmlichkeit am Morgen, der kleinen, verzagten Figur, und da wächst ein Bauch, wo kommt der nur her, und die Haare verabschieden sich, und auch ich bin bald weg.

Nun packen sie also alle die Reisetaschen. Herr Gauland, Herr Höcke, Frau Weidel, all die neuen Politiker*innen. In ihrer neuen Funktion, dem Volk ein Vorbild zu sein, legen sie Geschenksocken unter das Hegel-Buch, denn man hört ja immer, die AfD sei die Intellektuellenpartei. Okay, manch ein gekaufter Titel mag dabei sein, wie bei der Neuadligen, Frau Sayn-Wittgenstein. Aber sonst? Schlaue Leute, Hegel. Reisetasche zu, ab zu Mutter, Vater, Bruder, Kind. Weihnachten steht an.

Dann sitzen sie alle unter der biodeutschen, der aus dem Kaukasus, aus Russland oder der Türkei stammenden Nordmanntanne. Mutter kommt auch. Sie sieht nicht mehr so gut, vielleicht sind die Kinder der Geschwister auch da, und Mutter sagt: "Darf ich dir mal ein paar Äußerungen vorlesen, die ich im Netz gefunden habe?"

Dann liest die wehrhafte Frau wahllos Zitate vor.

"Ich habe noch den hier", sagt ein Kind und berichtet von einem AfD-Politiker, der gerne antisemitische Videos verbreitet.

Das Netz ist voller Entgleisungen der neuen Politiker*innen. Stunden hört die Familie zu. Gepöbel. Hass, Hetze, Kraftworte, Verachtung gegen Frauen, Homosexuelle, sozial Schwache.

Beatrix und die anderen, eine jede und ein jeder unter seinem Baum, werden still und weiß im Gesicht. "Das ist nicht so gemeint", versuchen sie eine Verteidigung. "Ihr kennt mich doch, ich könnte nie einem etwas zuleide tun, ich bin ein intellektueller, höflicher Mensch."

Mutter weint. "Dazu habe ich dich nicht erzogen mit meinen knorrigen Händen", sagt sie. Die Familie ist erschüttert. "Willst du, dass Leute so mit mir reden?", sagt Peter, er ist acht Jahre alt und entwickelt gerade eine gesunde Homosexualität. Die Nichte hat sich der Antifa angeschlossen und rennt verstört aus dem Raum.

"Würdest du so mit uns reden?", fragt Mutter. "Denkst du, der Zweck heiligt die Mittel? Was ist überhaupt der Zweck?" Die Menschen, denen ihr ein Vorbild sein sollt, zu Hass und Zwietracht aufhetzen, die Stimmung im Land vergiften. Brutalität und Grobheit im Denken ist der erste Schritt zu körperlicher Gewalt.

Warum wollt ihr das? Schon klar: Wählerstimmen. Dann macht mal - die Sache endlich aufräumen, das Pack entsorgen. Aber mal unter uns: Wie soll das Land, wie sollen die Länder aussehen, die ihr von oben nach unten als Teil der neuen verhassten Elite mit eurem Geschrei spaltet? Wollt ihr wie Kinder einfach mal ein bisschen "Scheiße" sagen und dann kichern? (Ich darf das übrigens, ich sitze nicht im Bundestag.)

Werdet erwachsen! Benehmt euch, trennt euch von den Nazis in euren Reihen, damit ihr eine echte Alternative für einige frustrierte Wähler*innen werdet. Oder macht weiter. Pöbelt, stört, flucht, hetzt. Das wird sich nicht bewähren. Wird nicht von Dauer sein. Denn Hass macht keine gute Laune. Einen erfreulichen dritten Advent.



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