AfD und die Medien "Über Taten berichten - nicht über Worte"

Politiker und Demoskopen behaupten, die Medien hätten die AfD groß gemacht. Aber soll man etwa nicht über sie berichten? Es kommt auf das "Wie" an, sagt Henriette Löwisch, Leiterin der Deutschen Journalistenschule.
Gauland streitet sich mit dem Journalisten Lohse von der FAZ.

Gauland streitet sich mit dem Journalisten Lohse von der FAZ.

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Zur Person
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Henriette Löwisch wuchs in Freiburg auf, sie absolvierte die Deutsche Journalistenschule in München und ging 1992 zur Agence France-Presse (AFP). Sie berichtete als Auslandskorrespondentin aus Brüssel und Washington, bevor sie 2001 die Chefredaktion von AFP Deutschland übernahm. 2009 wurde sie an die Universität von Montana in Missoula berufen und leitete dort das Master-Programm für Umwelt- und Wissenschaftsjournalismus. Seit Juli 2017 ist Henriette Löwisch Leiterin der Deutschen Journalistenschule in München.

SPIEGEL ONLINE: Frau Löwisch, am Wahlsonntag haben Sie "einen Vorschlag in drei logischen Schritten" getwittert, wie Journalisten nun nach der Bundestagswahl mit der AfD umgehen sollten. Punkt eins war: Primär über ihre Taten berichten, statt über ihre Worte. Was meinen Sie damit genau?

Löwisch: Die AfD wird jetzt im Parlament nicht nur Reden schwingen können. Effektive Opposition bedeutet auch Arbeit. Kleine Anfragen stellen. Pünktlich zur Abstimmung erscheinen. Anhörungen organisieren, die eigenen Positionen in Ausschüssen effektiv einbringen. Was hat die AfD in den Landtagen, in die sie dieses Jahr eingezogen ist, eigentlich geleistet? Mancher AfD-Wähler schätzt zwar an seiner Partei, dass sie "denen da oben" mal kräftig Widerworte gibt. Aber wenn die AfD-Politiker sich als faul und unprofessionell rausstellen sollten, dann war die Stimme vielleicht doch verschenkt.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in den USA gelehrt. Dort hat man doch gesehen, dass Worte auch die politische Landschaft verändern. Vielleicht sollte man also doch über sie berichten.

Löwisch: Ich finde, das ist nicht eine Frage von entweder-oder. Sondern eine Frage der Proportion. Wenn wir uns darauf einlassen, Politik nur als Rede zu definieren, dann gehen wir genau den Bannons und Gaulands auf den Leim. Dann berichten wir zu wenig über Trumps Scheitern in der Gesundheitspolitik und zu viel über seine provokanten Tweets.

SPIEGEL ONLINE: Dann heißt es in Ihrer Liste: Die Behauptungen der AfD auf Wahrheitsgehalt überprüfen, ganz nüchtern. Inwiefern sehen Sie da Mängel in der Berichterstattung?

Löwisch: Ich finde, das ist im Wahlkampf sogar ganz gut gelaufen, weil da doch eine Reihe von Medien zusätzlich investiert haben in Redaktionen, die Fakten laufend überprüft haben. Die Frage ist, werden diese Projekte fortgeführt oder sogar intensiviert? Bisher habe ich nur von der ARD gehört, dass sie ihren Faktenfinder für mindestens zwei Jahre fortsetzen will.

SPIEGEL ONLINE: Weiter: "Drittens, Hassreden nicht weiterverbreiten, sondern in klein gedruckter Schmuddelecke archivieren". Warum das, ist Hassrede nicht berichtenswert?

Löwisch: Klar, berichtenswert ist Hassrede schon, aber wir dürfen uns doch nicht als Verstärker missbrauchen lassen, dürfen nicht auf das Windradprinzip reinfallen, wie es Sascha Lobo neulich bei Ihnen nannte. Die AfD bezieht ihre Energie aus der Empörung der Gegenseite. Also, nicht auch noch ein, zwei oder drei Talkshows zu den Provokationen veranstalten, die Herr Gauland ganz bewusst lanciert. Oder ihm dafür dauernd Schlagzeilen schenken. Denn wir haben ja jetzt gesehen, das schreckt seine Wähler nicht ab. Totschweigen wäre falsch, aber mein Vorschlag geht in die Richtung, seine menschenverachtenden Äußerungen eher im kleinen Format zu präsentieren. Da kann man sie dann nachlesen, gerne auch annotiert mit Sprachkritik.

SPIEGEL ONLINE: Aber warum profitiert die AfD überhaupt von dem Umstand, dass Journalisten auf das Windradprinzip reinfallen, wie ist da der Mechanismus?

Löwisch: Weil sie Journalisten als Teil des Establishments betrachten, des mächtigen, aber täppischen Goliath. Sie selbst stilisieren sich zum David. Wenn sie den Goliath so piesacken können, dass er vor Wut und Entsetzen aufheult und sich empört, dann sind sie in den Augen ihrer Anhänger die Helden, egal wie abscheulich ihre Sprüche objektiv sind. Und je länger sie das auskosten können, von Talkshow zu Schlagzeile zu Talkshow, desto besser. So funktioniert Populismus.

SPIEGEL ONLINE: Man ist ja in einem Spannungsfeld als Berichterstatter. Man will Rechtspopulisten kein Forum liefern als Journalist, aber man hat auch das Bedürfnis, über die AfD aufzuklären. Und spätestens wenn die Konkurrenz eine Meldung auf der Seite hat, gerät man unter Druck. Wie kommt man aus diesem Dilemma raus?

Löwisch: Das ist schon schwierig. Aber Journalismus ist auch einfach ein schwieriger Beruf. Ständig müssen Journalisten darum kämpfen, Qualitätsstandards gegen andere Interessen durchzusetzen. Langfristig lohnt das, denn die journalistischen Medien leben von ihrer Glaubwürdigkeit. Wenn die verschwindet, kann auch kein Geld mehr verdient werden.

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