Afghanistan-Heimkehrerdrama Krieg im Kopf

Ein junger Soldat freut sich nach seinem Afghanistan-Einsatz auf die Rückkehr ins deutsche Idyll - bis ihn der Horror am Hindukusch einholt. Das großartig gespielte ARD-Heimkehrerdrama "Willkommen zu Hause" erzählt klug und unaufgeregt von Kriegswunden, die man nicht sieht.

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Zurück in der Beziehung, zurück in der Familie, zurück in der Pfalz. Ben (Ken Duken) könnte sich nach vier Monaten in Kunduz eigentlich zurücklehnen, um im beschaulichen Deidesheim die Liebe der Freundin, die Zuwendung seiner Eltern und die Schönheit der intakten Landschaft zu genießen. Doch wo er auch hingeht, es folgen ihm Bilder der Gewalt und Zerstörung.

Bald rennt er allein in Camouflage-Uniform die Weinberge rauf und runter, auf den Schultern trägt er 20 Kilo Sturmgepäck. Ben hat den Krieg mit nach Hause gebracht.

Durch die aktuellen globalen Verstrickungen Deutschlands wurde ein Filmgenre reaktiviert, das hierzulande schon seit 50 Jahren ruhte: das Heimkehrerdrama. Wenn heutzutage, wie es der ehemalige Bundesverteidigungsminister Struck einmal formulierte, die Freiheit Deutschlands auch am Hindukusch verteidigt wird, dann müssen die Ereignisse dort eben auch zurückstrahlen in den deutschen Film.

Sein Freund ist einem Selbstmordanschlag zum Opfer gefallen

"Willkommen zu Hause" ist nun der erste große fiktionale Beitrag im deutschen Fernsehen, der von den seelischen Verwüstungen erzählt, die Einsätze in Krisenregionen hinterlassen können. Es liegt ja ein brisanter gesellschaftspolitischer Widerspruch im humanitären Interventionismus, wie ihn die Bundeswehr praktiziert: Die Soldaten gehen als Friedensstifter in den Einsatz – und kehren potentiell als Kriegsversehrte heim.

Noch immer wird sich schwer damit getan, ihre Verletzungen anzuerkennen, zumal wenn man sie nicht sehen kann, so wie es bei Ben der Fall ist. Außer ein paar Schrammen scheint er nichts von seinem Einsatz als Isaf-Soldat davongetragen zu haben. Sein Freund Torben ist bei einer gemeinsamen Lieferfahrt in Kunduz einem Selbstmordanschlag zum Opfer gefallen, Ben selbst indes scheint nach seiner Heimkehr anfänglich fit und fidel wie immer. Erst nach und nach werden seine Probleme offenbar.

Während sich der Afghanistan-Heimkehrer nicht mehr bewusst an die Bombenexplosion erinnern kann, tut es sein Körper umso konsequenter. Als sein Vater zur Begrüßung für ihn und seine Kumpels auf der Terrasse Steaks brät, sorgt der Geruch von verbranntem Fleisch dafür, dass er sich in die Rosenbeete übergeben muss. Einen Kumpel haut er später während einer Wiedersehensfeier ohne Ankündigung krankenhausreif. Und als Ben schließlich an einem Glascontainer vorbeigeht, treibt ihn der Lärm von zersplitterndem Glas dazu, sich vor einen Laster zu werfen.

Als unbrauchbar aussortiert

Geradezu lehrbuchartig wird also jene Symptomatik abgespult, durch die sich eine Posttraumatische Belastungsstörung offenbart: Der Leib legt offen, wogegen sich das Bewusstsein sperrt. Doch "Willkommen zu Hause" ist mehr als ein gut gemeintes Fallbeispiel – was auch daran liegt, wie die Filmemacher (Regie: Andreas Senn, Buch: Christian Pfannenschmidt) die Geschichte im gediegenen pfälzischen Ambiente ausbreiten. Im Kleinbürgeridyll lassen sich die kleinen äußerlichen Risse, mit der sich die große innere Verwüstung ankündigt, nun mal umso besser registrieren.

Denn das zeigt "Willkommen zu Hause" in aller Offenheit: Mit seinem Trauma steht der Kriegsheimkehrer auch im liebevollsten Umfeld alleine da. Von der Bundeswehr wird der junge Mann als unbrauchbar aussortiert, die Familie ist durch sein Verhalten überfordert, die Freunde ducken sich weg.

Ben ist eine tickende Zeitbombe, zur Entschärfung bedarf es eines Spezialisten. Zum Glück findet der Filmheld in einer Nachbarin (Ulrike Folkerts) eine Medizinerin, die ihn dazu bewegt, sich mit den verdrängten Schrecken auseinanderzusetzen und sich in die Hände eines Fachmanns zu begeben, mit dem er sein gefährlich durcheinandergeratenes Bewusstsein neu ordnet.

Klar, es gibt kompromisslosere Beiträge zum Thema. In dem kleinen brutalen Psychodrama "Nacht vor Augen", das es im letzten Oktober leider bis auf ein paar vereinzelte Vorführungen nicht wirklich ins Kino geschafft hat und dieses Jahr im Fernsehen laufen wird, vergreift sich ein Afghanistan-Heimkehrer am kleinen Bruder. Die Posttraumatische Belastungsstörung wird hier zum grausamen Kompensationsgeschäft.

Und umfassend hat auch schon die NDR-Doku "Sie finden keinen Frieden" die Palette seelischer Verwerfungen gezeigt, unter denen deutsche Soldaten nach ihrer Rückkehr aus Bosnien oder Afghanistan litten und leiden: An eine vollständige Genesung ist bei vielen der einst so harten und jetzt zerbrochenen Fallschirmjäger und Transportkutscher auch nach Jahren der Behandlung nicht zu denken.

Einige verstörende Filmbilder bleiben in den Köpfen zurück

Dass sich "Willkommen zu Hause" im letzten Drittel zur hoffnungsvollen Heilungsgeschichte wendet, in der ein Psychiater mit handlicher Puzzle-Metaphorik die Gesundung skizziert, nimmt dem Film nicht seine Brisanz. Auf den klumpigen Soundtrack-Kleister von Coldplay hätte man zwar gerne verzichtet, trotzdem sensibilisiert das großartig gespielte Primetime-Drama für ein bislang im großen Rahmen kaum behandeltes Thema.

Vollkommen zu Recht haben die Macher gegen alle Widerstände für einen prominenten Programmplatz gekämpft. Dreimal wurde der Film schon verschoben: erst wegen eines Fußball-Uefa-Pokal-Spiels, dann wegen der US-Präsidentschaftswahl, schließlich wegen der zugkräftigen Hape-Kerkeling-Komödie "Ein Mann, ein Fjord", die zeitgleich bei der Konkurrenz laufen sollte.

Jetzt kam es gar – wenn man dieses Wort im Zusammenhang mit dem schwierigen Stoff benutzen will – zur Kampfprogrammierung: Erstmals zeigt die ARD an einem Montag eine ihrer prestigeträchtigen Eigenproduktionen, also zu jener Zeit, in der auch das Zweite seine besten und teuersten Filme präsentiert.

Der Diskussion kann das nur gut tun. Denn bei aller Lehrbuchartigkeit bleiben von "Willkommen zu Hause" einige verstörende Filmbilder zum Thema deutsche Kriegsheimkehrer in den Köpfen zurück.

Angesichts der geopolitischen Lage darf hinzugefügt werden: Es werden nicht die letzten sein.


"Willkommen zu Hause", 20.15 Uhr, ARD



insgesamt 73 Beiträge
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Seite 1
Axel F., 02.02.2009
1. Autor und Regiseur haben geklaut!
Zitat von sysopEin junger Soldat freut sich nach seinem Afghanistaneinsatz auf die Rückkehr ins deutsche Idyll - bis ihn der Horror am Hindukusch einholt. Das großartig gespielte ARD-Heimkehrerdrama "Willkommen zu Hause" erzählt klug und unaufgeregt von Kriegswunden, die man nicht sieht. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,604948,00.html
Sicherlich versucht der Film hier das Schicksal der Kriegsheimkehrer darzustellen, doch Regiseur und Autor haben sich ganz unverschämt vom Film "Warriors - Einsatz in Bosnien" bedient. Peinlich! Bei der ARD sitzt man in der ersten Reihe? Wer das Original kennt (z.B. aus ARTE), wird diesen Ideenklau bemerken. Die ARD kommt eben nicht an die BBC ran, die "Warriors - Einsatz in Bosnien" 1999 produziert hat. Auch hier geht es im 2. Teil um die Heimkehr von Blauhelm Soldaten aus Bosnien. Teilweise werden ganze Szenen kopiert (schreindes Kind im Supermarkt). Im Übrigen einer der besten Filme zum Jugoslawien-Bürgerkrieg. Empfehlenswert (wurde halt auch von der BBC produziert und nicht von der ARD)
suum.cuique 02.02.2009
2. Coming home
Nun hat die Realitaet auch Deutschland eingeholt. Dieses Thema wurde ja schon bereits vor ueber 30 Jahren im Film "Coming home" beschrieben, der die Probleme von US Soldaten schilderte, die aus dem Vietnamkrieg zurueck kamen. PTSD ist ein Problem, das viele Heimkehrer haben.(Post Traumatic Stress Disorder).
BerndSchirra, 02.02.2009
3. nicht jammern
Ich kann das gejammere nicht nachvollziehen.Bilden sich die Soldaten ein,sie fahren in einen Abenteuer Urlaub? Wenn sie dem psychisch nicht gewachsen sind,sollen sie zuhause bleiben.
cmotpet 02.02.2009
4. Die Pflichtzersetzung
ist schon im vollen Gange. Statt den Soldaten zu würdigen, daß er sich der Gefahr im Ausland stellt, haben die Ofenhocker nichts anderes zu tun, als die deutsche Bevölkerung davon abzuhalten, sich hinter die Bundeswehr zu stellen. Löst bitte die Bundeswehr auf, verkauft die Waffen an Terroristen, entwaffnet die Polizei, den Grenzschutz usw. aber verhindert das Desertieren dieser Schamlosen, wenn Not am Mann sein sollte. Manchmal könnte man die 30er zurückwünschen, auch wenn sie fies gewesen sein sollte. Und das noch im STAATLICHEN FERNSEHEN. Sollten doch alle den Kriegsdienst verweigern. Man verweise dann auf diese Serie.
Hans58 02.02.2009
5. Vorschau?
Zitat von Axel F.Sicherlich versucht der Film hier das Schicksal der Kriegsheimkehrer darzustellen, doch Regiseur und Autor haben sich ganz unverschämt vom Film "Warriors - Einsatz in Bosnien" bedient. Peinlich! Bei der ARD sitzt man in der ersten Reihe? Wer das Original kennt (z.B. aus ARTE), wird diesen Ideenklau bemerken. Die ARD kommt eben nicht an die BBC ran, die "Warriors - Einsatz in Bosnien" 1999 produziert hat. Auch hier geht es im 2. Teil um die Heimkehr von Blauhelm Soldaten aus Bosnien. Teilweise werden ganze Szenen kopiert (schreindes Kind im Supermarkt). Im Übrigen einer der besten Filme zum Jugoslawien-Bürgerkrieg. Empfehlenswert (wurde halt auch von der BBC produziert und nicht von der ARD)
Sie haben den Film also schon gesehen, der ab 20:15 Uhr ausgestrahlt wird ? Peinlich ist es, wenn Sie nicht den Film schon gesehen haben sollten, hier von "peinlich" zu sprechen.
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